Skurrile Comicfigur Captain Euro kehrt zurück

Wer erklärt Obama das Freihandelsabkommen, Putin die Sanktionen und der Kanzlerin das Bluffen? Captain Euro, Held von Einheitswährung und Binnenmarkt. Die wiederbelebte Comicfigur kämpft gegen die Krise - ohne Auftrag aus Brüssel.
Comic-Strip mit Merkel: Zum Glück kann der Captain helfen

Comic-Strip mit Merkel: Zum Glück kann der Captain helfen

Foto: Gold Mercury

Berlin/London - In der Not sind Freunde besonders wichtig, auch für eine Bundeskanzlerin. "Es ist gut, Ihre Stimme zu hören, Captain Euro", bekennt Angela Merkel. "Haben Sie Großbritannien überzeugen können, in der EU zu bleiben?" Das sei alles ein Spiel, lautet die beruhigende Antwort, die Deutschen müssten es nur erlernen. Und Merkel erwidert mit Unschuldsmiene: "Poker? Bluff? Das habe ich noch nie probiert!" Zum Glück kann der Captain helfen.

Willkommen zum vielleicht überraschendsten Comeback der EU-Geschichte. Captain Euro ist zurück - eine Comicfigur, die erstmals in den Neunzigerjahren auftauchte. Damals sollte der Superheld den Europäern ihren gemeinsamen Währungsraum schmackhaft machen, für den später bekanntlich nicht alles glattlief. Deshalb muss Captain Euro jetzt, "auf den zunehmenden Euroskeptizimus reagieren und Europa mit einer starken Identität vereint halten".

Und tatsächlich: Wann bräuchte die EU einen Retter, wenn nicht jetzt? Nach Jahren der Krise erscheint Brüssel vielen Unionsbürgern als ähnlich verkommener Ort wie Gotham City, wo Batman für Ordnung sorgt. In Brüssel aber wurde nicht mal der ambitionierte Parlamentspräsident Martin Schulz bislang mit Maske und Umhang gesichtet. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker qualifiziert sich wegen der Steuertricks seiner Heimat derzeit ohnehin eher als böser Doctor Tax.

In diese Lücke stößt Captain Euro. Auf seiner Website, die am Mittwoch offiziell neu gestartet wird, hilft er nicht nur Angela Merkel (siehe Slideshow). Italiens Premier Matteo Renzi ermutigt er zu weiteren Reformen, Barack Obama erklärt er in einer Podcast-Folge die Vorzüge des Freihandelsabkommens TTIP. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin dagegen begegnet Captain Euro in Karatepose: "Damit du's weißt: Wir Europäer können auch taff sein! Sanktionen-Powerkick!"

Selbst glühende Europa-Fans dürften all das vor allem skurril finden, auch wegen der oft hölzernen Dialoge über Binnenmarkt und Defizithürden. Der Schöpfer des Captains hat damit kein Problem. "Die Aufgabe von Captain Euro ist es, Menschen zum Lachen zu bringen", sagt Nicolas de Santis, Chef einer von seinem Vater gegründeten Werbe- und Beratungsfirma.

Volle Absicht ist laut de Santis auch das konventionelle Design. Während selbst kalifornische Orangen heute von einem futuristischen Muskelprotz namens Captain Citrus beworben werden, erinnert der schneidige Euro-Held noch immer eher an frühe Comicfiguren wie Captain America. Weil Captain Euro und sein Team zudem überwiegend nordeuropäisch, die Bösewichte dagegen eher südländisch aussehen, wurde der Figur bei ihrer Premiere sogar Rassismus vorgeworfen. Doch laut de Santis kam die Ursprungsversion in Testgruppen gut an. "Den Leuten scheint der Retro-Look zu gefallen."

Ist der Captain ein Subventionsritter?

Und dann muss sich Captain Euro noch mit einem Vorwurf rumschlagen, den jeder EU-Vertreter kennt: Geldverschwendung. Doch wie es sich für einen Superhelden gehört, handelt der Captain auf eigene Faust. Der Comic sei niemals aus Brüssel subventioniert worden, sagt de Santis. "Wir wollen das Geld der EU nicht, sonst wäre es Propaganda." Finanziert werde der Captain von privaten Spendern, einer davon komme sogar aus den USA.

Im britischen Parlament gab es dennoch wiederholt kritische Nachfragen zur Finanzierung von Captain Euro. De Santis hat sie alle gesammelt - als weiteren Beleg dafür, dass Captain Euro eine der "weltweit bekanntesten und meistdiskutierten Kulturikonen der Europäischen Union" sei.

Das mag ein klein wenig übertrieben sein, doch de Santis muss nach eigenem Verständnis auch die PR-Arbeit für 28 EU-Länder miterledigen. Diese würden sich niemals ähnlich offen zur Union bekennen wie der Captain, sagt er. "Denn sie nutzen Europa als Südenbock."

De Santis lebt seit 30 Jahren in London, hat aber italienische und spanische Wurzeln. Aus dem Frust über seine Heimat macht er keinen Hehl. Als Captain Euro mit dem italienischen Premier Renzi telefoniert, würde der am liebsten nur über Mode, Essen und Venedig parlieren. Doch der Comic-Held bleibt hart, bis Renzi ausruft: "Hurra! Gemeinsam werden wir die historischen Reformen umsetzen, die das Land braucht."

Genauso unerbittlich ist der Captain mit den Briten, die der Kanzlerin das Leben so schwer machen. Premier David Cameron lässt er immer wieder das "F-Wort" wiederholen: Föderal. Als Cameron schließlich einräumt, das Ganze sei größer als die Summe seiner Teile, lobt der Captain: "Du hast es verstanden! Jetzt muss ich das nur noch den anderen Politikern beibringen..."

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