Folgen der Coronakrise "Viele Künstler sagen: Ich bin ja gar nicht erwerbslos, ich habe nur kein Einkommen"

Durch Corona brach vielen Selbstständigen die Existenzgrundlage weg. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda fordert Reformen der Grundsicherung - und warnt vor der Idee, die Krise bringe Entschleunigung für alle.
Ein Interview von David Böcking
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Florian Gaertner/ photothek/ imago images

Was bedeutet die Coronakrise für die Gesellschaft? Während die Einschränkungen wegen der Pandemie langsam beendet werden, hat diese Debatte erst begonnen. Es geht um große Fragen: Wer soll die Lasten der Krisenbewältigung tragen? Wer braucht besonders viel Hilfe? Und wie stark ist dabei der Staat gefordert?

Als Hamburger Kultursenator ist Carsten Brosda für eine Branche zuständig, die hart von der Krise getroffen wurde. Rund 40 Prozent der deutschen Kulturschaffenden sind selbstständig, in der Gesamtbevölkerung sind es dagegen nur zehn Prozent. Mit dem weitgehenden Stillstand des öffentlichen Lebens brach für viele die Existenzgrundlage weg - ohne dass dies wie bei Angestellten durch Kurzarbeitergeld abgefedert wurde. Politiker wie Grünenfraktionschefin Katrin Göring-Eckardt fordern deshalb zusätzliche Hilfen.

Gesellschaftliche Umbrüche beschäftigen Brosda auch als Autor. In "Die Zerstörung" analysierte der SPD-Politiker im vergangenen Jahr die Krise der Volksparteien, Anfang 2020 folgte ein Buch zur Bedeutung von Kultur für die Demokratie. Jetzt sitzt Brosda an einem neuen Werk. Das Thema: Mögliche Lehren aus der Pandemie.

SPIEGEL: Sie haben die Coronakrise als Kultursenator erlebt. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Brosda: Dramatisch, die Kultur war ja sehr früh betroffen - auch ökonomisch. Wenn Sie einem Theater sagen, es darf nicht mehr aufmachen, dann sind die Erlöse ab dem nächsten Tag bei null.

SPIEGEL: Wo sehen Sie die größte Gefahr von dauerhaften Schäden?

Brosda: Am meisten Sorgen mache ich mir nach wie vor um Künstler, die sich überwiegend oder vollständig privatwirtschaftlich finanziert haben. Je größer vorher die Fähigkeit war, sich eigenständig am Markt zu behaupten, desto härter ist man jetzt getroffen. Denn Subventionen fließen weiter, aber die eigenen Einnahmen brechen weg.

Zur Person:
Foto: Axel Heimken/ dpa

Carsten Brosda, geboren 1974 in Gelsenkirchen, ist seit 2017 Kultursenator von Hamburg. Er studierte Journalistik und Politikwissenschaft und promovierte über "Diskursiven Journalismus". Brosda arbeitete zuvor auf verschiedenen Positionen im SPD-Vorstand und dem Bundesarbeitsministerium sowie als Lehrbeauftragter an mehreren Hochschulen.

SPIEGEL: Solche Einbrüche haben in der Krise viele Soloselbstständige und Kleinunternehmer erlebt. Und viele haben sich alleingelassen gefühlt, weil sie staatliche Soforthilfen nicht für den persönlichen Lebensunterhalt verwenden durften. Hat der Staat da Fehler gemacht?

Brosda: Etliche Länder haben Soforthilfeprogramme aufgelegt, die auch für den Lebensunterhalt genutzt werden können - bei uns in Hamburg waren das zunächst 2500 Euro und jetzt noch mal 2000 Euro für Künstler und Kreative. Außerdem hat der Bund den Zugang zur Grundsicherung erleichtert. Der ein oder andere, der die Soforthilfen in Anspruch genommen hat, wäre möglicherweise mit der Grundsicherung besser dran gewesen - auch wegen der Übernahme der Mietkosten und der Möglichkeit, in die gesetzliche Krankenversicherung zu kommen. Aber es gibt Vorbehalte gegen die Grundsicherung, das habe ich in vielen Debatten erlebt.

SPIEGEL: Können Sie das verstehen?

Brosda: Die Grundsicherung leistet aktuell wichtige Hilfe. Aber viele Künstler sagen zu Recht: Ich bin ja gar nicht erwerbslos, ich habe nur kein Einkommen. Darauf ist das Grundsicherungssystem strukturell noch nicht ausreichend ausgerichtet. Hier sollte es flexibler werden - im Sinne eines Bürgergeldes, das sich individuellen Situationen besser anpasst.

SPIEGEL: Würde ein Grundeinkommen besser zu prekären Arbeitsstrukturen wie in der Kultur passen?

Brosda: Diese Debatte gibt es gerade wieder verstärkt und es ist auch gut, dass wir sie führen. Ich glaube aber nicht, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen die richtigen Antworten gibt. Das kann auch eine unsoziale und nur scheinplausible Stillhalteprämie sein. Und wenn man es nur Künstlern zahlen würde, müsste der Staat auf einmal entscheiden, wer das bekommen dürfte. Das fände ich hochproblematisch. Aber dessen ungeachtet haben wir in den letzten Wochen viele Gründe gesehen, das bestehende System zu verändern - das muss eine Lehre aus der Corona-Zeit sein.

SPIEGEL: Was heißt das konkret?

Brosda: Viele unstete Beschäftigte rauschen heute sofort in die Grundsicherung. Für sie könnten wir dauerhaft die Rahmenfrist ausweiten, innerhalb der ein Anspruch auf Arbeitslosengeld besteht. Bislang wird dafür alle paar Jahre eine Ausnahmeregelung verlängert. Und für viele Freiberufler gibt es derzeit noch gar kein attraktives Angebot, Teil der Sozialversicherungsgemeinschaft zu werden. Hier müssten wir zum Beispiel daran arbeiten, im Rahmen der Arbeitslosenversicherung auch eine Versicherung gegen Einkommensausfall zu schaffen.

"Nach dem Corona-Schock haben wir die Chance, das Verhältnis von Markt und Staat neu zu justieren."

SPIEGEL: Welche Rolle kann die Coronakrise für solche Veränderungen spielen?

Brosda: Nach dem Corona-Schock haben wir die Chance, das Verhältnis von Markt und Staat neu zu justieren. Weil wir als Gesellschaft feststellen, dass wir handlungsfähiger sind als bislang gedacht. Wir sehen auf einmal, dass wir Dinge gemeinschaftlich gut entscheiden können, die wir bislang für ausgeschlossen hielten.

SPIEGEL: Warum sollte das besser gelingen als zum Beispiel nach der Finanzkrise?

Brosda: Nach der Finanzkrise hat sich für viele Bürger persönlich kaum etwas geändert, da waren vor allem Banken betroffen. Jetzt werden wir wahrscheinlich auch nach der Epidemie überall merken, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt. Weil die Folgen Millionen von Arbeitnehmern treffen. Und auch, weil wir eventuell noch lange Masken tragen und Abstand halten müssen. Dadurch könnten wir merken, dass wir einander brauchen. Es könnte aber auch zu einer Verschärfung der Tribalisierung in unserer Gesellschaft führen.

SPIEGEL: Also den Rückzug in einzelne Gruppen. Wo sehen Sie die größte Gefahr der Spaltung?

Brosda: Am meisten Sorgen mache ich mir um die Einschränkungen des Bildungssystems - und die Folgen nicht nur für Kinder, sondern auch für Familien und insbesondere die Mütter, die über Gebühr belastet werden. Da wird etwas nachbleiben, fürchte ich. Ich fand es schon schwer irritierend, dass manche Ministerpräsidenten Kitas als reine Verwahranstalten zu sehen schienen. Als ob wir wieder in den Siebzigerjahren leben würden und keiner wüsste, wie wichtig frühkindliche Bildung ist.

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Die Zerstörung" haben Sie sich mit der Gefahr beschäftigt, dass es zwischen verschiedenen Teilen der Bevölkerung kein öffentliches Gespräch mehr gibt. Sehen Sie diese Gefahr auch in der jetzigen Krise?

Brosda: Ja. Wir sehen das aktuell bei den Verschwörungsideologen . Und umgekehrt müssen wir höllisch aufpassen, dass wir nicht den Geschichten unseres eigenen Milieus von der schönen Entschleunigung durch Corona auf den Leim gehen. Für viele war und ist das eine wahnsinnige Verdichtung und Beschleunigung. Diese Gruppen äußern das bloß nicht so, weil sie so damit beschäftigt sind, ihre eigenen Probleme zu lösen.

SPIEGEL: Es gab durch Corona allerdings auch viele Beispiele für Solidarität. Sehen Sie die Chance, einen Teil davon in die Nachkrisenzeit zu retten?

Brosda: Das kann gelingen - aber darum müssen wir uns kümmern. Wenn wir feststellen, was uns verloren gegangen ist, merken wir meist auch, was es uns wert ist. Das gilt auch für die Kultur. Daraus kann ein neues Bewusstsein wachsen. 

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