Casinostadt in der Krise "Sin City stirbt"

Atlantic City galt als Geldmaschine, als Las Vegas der US-Ostküste. Jetzt stehen die Casinos leer, teure Bauprojekte ragen unfertig in den Himmel. Die Stadt ist gepflastert mit Werbeplakaten, die den Glamour alter Tage zeigen - ihre Bewohner aber erwachen gerade aus dem amerikanischen Traum.

Inês Henriques Fraga

Aus Atlantic City berichtet


Neulich kam der Wind und riss wieder ein Stück Hoffnung mit sich fort. Verspiegelte Platten lösten sich aus der Fassade des fast fertigen Revel-Gebäudes. Sie fielen vom Himmel und zerschepperten am Boden, Igor Cherenyavksy fast vor die Füße. "Ich konnte gerade noch ausweichen", erinnert er sich. "Es war, als würde ein Stück der Stadt in sich zusammenfallen."

Verletzte gab es nicht, doch der Wolkenkratzer war ruiniert. Drei Monate klafften schwarze Löcher an seiner Außenhaut. Cherenyavksy steht vor seinem Schmuckgeschäft, dem Florida Pacific Jewlery nahe des Zentrums von Atlantic City. Er blickt hinüber zum Revel. "Kaum zu glauben", sagt er. "Da will eine Firma einen Palast mit fast 2000 Hotelzimmern bauen, und dann hat sie nicht mal das Geld, die Fassade zu reparieren."

Schließlich wurde der Schaden behoben, doch nur wenig später ging den Bauherren erneut das Geld aus. Revel-Chef Kevin DeSanctis sucht Investoren, bislang erfolglos. Sogar bei der chinesischen Regierung soll er angefragt haben. Wie der Wolkenkratzer je fertiggestellt werden soll, weiß derzeit niemand.

Der Zustand des Revel entspricht dem der ganzen Stadt. Vieles verweilt im Halbfertigen, im Ungefähren. Investoren werden scheu, Jobs gehen verloren. Die Arbeitslosenquote ist auf zwölf Prozent geschnellt. Immer mehr Menschen kehren der Stadt den Rücken. Jedes vierte Haus steht laut "Economist" inzwischen leer. An Atlantic City, der berühmten Casinostadt im US-Bundesstaat New Jersey, zeigt sich, wie die Wirtschaftskrise die Gesellschaft verändert. Viele Menschen, die hier leben, erwachen gerade aus dem amerikanischen Traum.

Cherenyavsky schließt seinen Laden ab und schleppt sich durch menschenleere Straßen, an eingeschlagenen Fenstern vorbei, an Geschäften, deren Eingänge verrammelt sind, an den Schattenrissen halbnackter Frauen in den Fenstern der Stripbars. Irgendwann steht er vor seinem Auto. Er wohnt in einem Vorort. "Meine Kinder sollen auf eine anständige Schule gehen", sagt er, schließt den Wagen auf und steigt ein.

"Sin City stirbt"

Atlantic City, ursprünglich ein bescheidenes Seebad an Amerikas Ostküste, trägt für die meisten einen anderen Namen: Sin City, Stadt der Sünde. In den zwanziger Jahren verwandelte die Mafia den Küstenort in ein Dorado der Drogen und Dekadenz. Später inspirierte die Stadt Frank Miller zu seinen "Sin City"-Comics und Robert Rodriguez zu seinem "Sin City"-Film. Seit einigen Wochen widmet ihr der Fernsehsender HBO die Serie "Boardwalk Empire".

Jetzt ist die Stadt mit Werbeplakaten für "Boardwalk Empire" gepflastert. Es sind Hochglanzbilder, die in der Erinnerung an rauschende Feste schwelgen: Voluminöse Kronleuchter. Perlenverhangene Dekolletés. Eine Frau mit Rosenblättern an den Dessous, die einer von Wunderkerzen erleuchteten Torte entsteigt.

Es ist eine Welt, die nur noch im Film existiert. Unwirklich ragen die Bilder goldener Zeiten in die Gegenwart. "Sin City stirbt", sagte New Jerseys Gouverneur Chris Christie kürzlich. Die Stadt ist wie eine gealterte Ballerina, die die Tage immer öfter mit sich selbst verbringt, während die Welt sie langsam vergisst.

Wie ein Flughafen sich in Luft auflöste

Wenige Autominuten vom Zentrum entfernt liegt der Landstrich Bader Field, ein grünes Feld, vor dem sich die Skyline Atlantic Citys erhebt. Im Casinoboom landeten hier die "Fliegenden Limousinen", Charter-Flieger, die New Yorks Neureiche für Wochenendtrips in die Stadt einflogen.

Dann machte der Flughafen dicht - und die Hüter von Atlantic City schrieben die Entwicklungsrechte für Bader Field neu aus. Die Stadt hatte große Pläne: Ein moderner Airport war im Gespräch, ein Tourismuszentrum, ein zwölftes Casino. Bis zu eine Milliarde Dollar Erlös erhoffte man sich. Nun wachsen Brennnesseln auf Bader Field, und manche fordern, die Stadt solle das Land zum Dumpingpreis verkaufen.

Sin City braucht dringend Geld. Die Haupteinnahmequelle der Stadt, die Casinomeile, wirft immer weniger Profit ab: Seit Pennsylvania, New York und Massachusetts sich ihre eigenen Casinos bauen, bleiben die Spieler fern. 2010 fielen Atlantic Citys Casinoumsätze um knapp zehn Prozent auf 3,6 Milliarden Dollar, berichtet die Casino Control Commission.



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
xcountzerox 23.01.2011
1. "Franz Miler"???
wohl eher Frank :) http://de.wikipedia.org/wiki/Frank_Miller
faustjucken_tk 23.01.2011
2. ...
Amerika wirtschaftet ab. Die Kredit-Junkies, die sich bisher noch mit jeder neuen Plastikkarte aus einer Rezession freikaufen konnten, sind aufgewacht. Wer soll sich in dem Kaff auch noch herumtreiben, wenn er sein Geld jetzt auch in New York City loswerden kann? Mal abgesehen davon, dass Spieler geistig sowieso nicht ganz gesund sind. Mal sehen, ob es in Las Vegas auch bald kracht. Vegas wuchs die letzten 25 Jahre wie verrückt, eine Abkühlung ist längst überfällig.
j.schiffmann 23.01.2011
3. ...
Zitat von sysopAtlantic City galt als Geldmaschine, als*Las Vegas der US-Ostküste.*Jetzt stehen die Casinos leer, teure Bauprojekte ragen unfertig in den Himmel. Die Stadt ist gepflastert mit Werbeplakaten, die*den Glamour alter Tage*zeigen - ihre Bewohner aber erwachen gerade*aus dem amerikanischen Traum. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,731265,00.html
Wow! Bei dem Angebot fliege auch ich sofort aus Europa ein! Vielleicht gibts da auch eine Eisdiele... Eigentlich sollte man annehmen, das jede Kleinstadt in den USA solch ein "Entertainment-Angebot" hat...
Realo, 23.01.2011
4. Nicht schön....
....aber Atlantic City geht es gegen Detroit noch glänzend. Selbst Las Vegas hat Probleme und die haben noch einige wirklich große Messen. Für mich sind das alles Symptome des Niederganges der USA und der gesammten westlichen Welt. Fahrt doch mal durch Duisburg, Gelsenkirchen, Berlin oder Hamburg. Da gibt es inzwischen Stadtteile, da gruselt es einen.....
mitbestimmender wähler 23.01.2011
5. 3`600`0000 Millionen Umsatz, nicht übel
3,6 Mrd. Umsätze in dieser schlimmen Zeit. Das ist eher Frühjahrsmüdigkeit als sterben.
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