Handelskommissarin kontert Trump "Millionen von US-Jobs hängen vom Handel mit der EU ab"

Gerade erst nahm er Deutschland ins Visier, doch US-Präsident Donald Trump wettert bereits seit Monaten gegen den Freihandel. Im SPIEGEL tritt ihm EU-Handelskommissarin Malmström mit deutlichen Worten entgegen.

US-Präsident Trump nach Treffen mit EU-Vertretern in Brüssel
AFP

US-Präsident Trump nach Treffen mit EU-Vertretern in Brüssel

Von und , Brüssel


EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström wehrt sich gegen die Kritik von US-Präsident Donald Trump, andere Länder würden die USA durch freien Handel benachteiligen. "Der Unterschied ist, dass für Trump Handel etwas ist, bei dem einer gewinnt und einer verliert. Das scheint in seinem Charakter angelegt zu sein, und das unterscheidet uns. Für uns ist Handel etwas, bei dem beide Seiten gewinnen", sagte Malmström im Gespräch mit dem SPIEGEL. (Lesen Sie hier das vollständige Gespräch im neuen SPIEGEL.)

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"Ich glaube gar nicht, dass Trump etwas gegen Handel an sich hat", sagte die Handelskommissarin weiter. "Er war doch selbst ein Leben lang Händler, in seinem Bereich, der Immobilienbranche. Und hat er nicht eben einen Waffendeal mit den Saudis über 100 Milliarden Dollar abgeschlossen?"

Trump hatte in der Vergangenheit immer wieder gegen Freihandel und Handelsbilanzüberschüsse etwa von China und Deutschland gewettert und angekündigt, sämtliche Wirtschaftsbeziehungen zu anderen Ländern auf den Prüfstand zu stellen. Zuletzt hatte er bei seinem Treffen mit der EU-Spitze am Donnerstag in Brüssel vor allem die Deutschen ins Visier genommen.

"The Germans are bad, very bad", schimpfte Trump, so Teilnehmer. "Schauen Sie sich die Millionen von Autos an, die sie in den USA verkaufen. Fürchterlich. Wir werden das stoppen." Nach Angaben von Teilnehmern zog sich die Kritik am deutschen Handelsbilanzüberschuss wie ein Leitmotiv durch das kurze Treffen, Trump sei mehrfach darauf zurückgekommen.

Das Gespräch mit der EU-Handelskommissarin fand am Dienstag bei einem Besuch Malmströms in der Hamburger SPIEGEL-Zentrale statt, also vor Trumps Treffen in Brüssel.

EU-Handelskommissarin Malmström
imago/ ZUMA Press

EU-Handelskommissarin Malmström

Malmström kritisierte dabei die zunehmend protektionistischen Bestrebungen der USA. "Auch wenn wir noch nichts Genaues wissen: Wir machen schon jetzt deutlich, dass manche Vorschläge wie beispielsweise eine Grenzsteuer oder Buy-America-Vorschriften in eine protektionistische Richtung gehen. Auch die Methode der Amerikaner, plötzlich bestimmte Stahlprodukte als sicherheitsrelevant einzustufen, finden wir sehr problematisch", so die EU-Handelskommissarin. Deutschland und andere Länder hätten deswegen bereits in den USA protestiert, so Malmström. "Wir müssen immer wieder klarmachen, dass Millionen von US-Jobs vom Handel mit der EU abhängen."

Kein Handelsabkommen mit Großbritannien vor dem Brexit

Die Handelspolitik droht, außer der Debatte über die Rüstungsausgaben in der Nato, zum zweiten großen Streitthema zwischen Europäern und den USA zu werden. Lange Zeit hofften die Europäer, der neue Präsident werde durch seine Minister und sonstiges Fachpersonal eingehegt werden. Bislang zeitigt dies jedoch nicht den erwünschten Erfolg. So kritisierte Trump in Brüssel nicht nur den deutschen Handelsbilanzüberschuss, sondern erneuerte seine Kritik, die Nato-Partner würden nicht genügend für die Verteidigung ausgeben.

Malmström äußerte sich auch zu den Hoffnungen der Briten, man könne mit der EU rechtzeitig zum Ausscheiden Großbritanniens aus der Gemeinschaft bereits ein Freihandelsabkommen über die künftigen Beziehungen fertig aushandeln. "Ich halte es für unrealistisch, dass wir am 1. April 2019 schon ein Handelsabkommen haben werden", sagt die Schwedin. Zwar könne man "über die Ziele und den Umfang eines solchen Abkommens reden". Doch um die Details zu verhandeln, würden mehrere Jahre gebraucht.

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REUTERS

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noethlich 26.05.2017
1. Abhängigkeiten
Die Abhängigkeiten Deutschlands und Europas von den USA sind vielfältig und sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Die USA sind kein zuverlässiger Partner mehr. Wir sollten freundlich aber bestimmt versuchen, unsere wirtschaftliche, militärische und institutionelle Abhängigkeit von diesem Land so weit es geht zurückzufahren. Das Auftreten von Herrn Trump ist ein diplomatischer Affront und nur ein Vorgeschmack auf die zu erwartenden politischen Weichenstellungen. Eine offene Konfrontation auf diplomatischer Ebene halte ich für falsch, allerdings sollten auch hier Weichen gestellt werden, um uns gegen die Unberechenbarkeit der amerikanischen Politik zu schützen.
l.augenstein 26.05.2017
2. Das Trump von sehr vielen Dingen
wenig bis keine Ahnung hat, haben wir inzwischen bis zum Überdruss lernen können. Mit seiner Kritik an den Natobeiträgen der Mitgliedstaaten hat er aber nicht so unrecht - auch wenn uns das nicht gefällt. Wozu verpflichten sich die Mitgliedstaaten dazu, 2 % ihres BSP für die Nato aufzubringen, wenn sich dann außer den USA kein Land daran hält? Dieses Verhalten, Verpflichtungen zu ignorieren, kennt man leider auch von den EU-Mitgliedstaaten.
friesenheino 26.05.2017
3. Den arroganten Heini ignorieren
und mit Nichtachtung strafen ist m. E die richtige Reaktion. Kluge, intelligente Staatslenker anderer Nationen brauchen sich das nicht gefallen lassen und sollten es ihm deutlich machen.
ketzer2000 26.05.2017
4. Einseitige Sichtweise
In dem Zusammenhang möchte ich gerne darauf hinweisen, dass die EU die afrikanischen Staaten mit ihrem "Freihandel" kaputt macht. Beispiele sind die Lieferung von Hühnchenteilen (gefroren und auch vergammelt), Alt- und Gebrauchtkleider und die Fischereivor der afrikanischen Küsten (als Beispiel). Ruiniert wird der lokale Hühnchenzüchter, die Bekleidungsindustrie und die Kleinfischerei und zwar so lange, bis EU Ware den Markt dominiert. Jeder Leser kann ja mal zum Thema Maggi recherchieren. Selbstverständlich ist das nicht die EU allein. In Südafrika kann man die großen Kühlschiffe der Chinesen mit gekühltem und gefrorenen Fisch sehen. Als von Wegen der Segen des Freihandels - es gibt immer Gewinner und Verlierer wenn man sich nicht auf Augenhöhe begegnet. und, wir brauchen uns über Flüchtlingstrecks nicht wirklich zu wundern.
theanalyzer 26.05.2017
5. Die EU hat TTIP Verschlafen
Die große Chance zum Freihandel, nämlich das TTIP Abkommen, hat die EU verschlafen. Nun haben wir den Salat. Danke, ihr Nationalisten, ihr ATTACS, ihr wirtschaftspolitisch Unbeleckten.
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