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Shopping der Zukunft China revolutioniert das Einkaufen

Chinesen bezahlen fast nur noch mit dem Smartphone: 520 Millionen Konsumenten nutzen die Alibaba-App. Jetzt will der Konzern die Online- mit der Offlinewelt verschmelzen. Ein Modell für die ganze Welt?

Wie, man wolle mit Bargeld bezahlen? Die Kassiererin schaut, als stünde ihr ein leibhaftiges Nilpferd gegenüber, das einen hier sonst als knuffige Statue am Eingang begrüßt. Die junge Frau, Mitarbeiterin der Supermarktkette Hema, schüttelt den Kopf. Nein, das gehe nicht. Dann läuft sie jedoch einmal quer durch den Laden, zu einer der wenigen Kassen, die noch Bargeld annehmen. Willkommen in der Welt von Alibaba, willkommen in China.

Wohl kein anderer Internetkonzern hat das Leben chinesischer Kunden so sehr verändert wie Alibaba. Mit Plattformen wie Taobao, einer Kreuzung aus Ebay und Amazon, hat Alibaba ein mächtiges Ökosystem geschaffen. Die Basis dieses Systems ist Alipay. 520 Millionen Konsumenten im Land nutzen die Bezahl-App, mehr als jeder dritte Chinese also.

Doch E-Commerce ist Alibaba offenbar nicht mehr genug. Immer stärker drängt das Unternehmen in den stationären Handel. Alibaba will die Onlinewelt mit der Offlinewelt vernetzen. Und ist damit schon jetzt viel weiter als die meisten Internethändler im Westen.

Experimentierfeld des Konzerns

In einem Außenbezirk der Millionenmetropole Hangzhou hat Alibaba vor wenigen Wochen ein Einkaufszentrum eröffnet, gleich neben der Unternehmenszentrale. Offiziell, damit Alibaba-Mitarbeiter dort in der Mittagspause und nach Feierabend shoppen können. Inoffiziell ist die Ali Mall ein Experimentierfeld des Konzerns.

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An einem Nachmittag im Mai steht eine junge Frau vor einem Bildschirm und lässt ihren Kopf von einer Kamera erfassen. Ihr Gesicht erscheint auf dem Bildschirm, montiert auf einen Modelkörper. Jetzt kann sie entscheiden, welches Outfit ihr am besten gefällt: das kleine Schwarze oder der Sommerrock mit Flamingomuster? Theoretisch könnte sie die Klamotten gleich online bestellen. Natürlich bei Alibaba. Ihr Begleiter ist begeistert.

Viel mehr als ein nettes Gimmick ist dieser "magische Spiegel" aber trotzdem nicht. Interessanter - und wegweisender - ist da schon der Supermarkt Hema im Untergeschoss. 43 Hema-Filialen in 13 chinesischen Städten hat Alibaba in den vergangenen zwei Jahren eröffnet. Dort können Kunden ganz normal einkaufen, aber auch online bestellen, sofern sie in einem Umkreis von drei Kilometern wohnen. Bis zur Lieferung soll es maximal 30 Minuten dauern, so das Versprechen. Alibaba nutzt die Filialen als Verkaufsfläche - und gleichzeitig als Warenlager für sein Onlinegeschäft.

In Hangzhou schwirrt an diesem Tag ein gutes Dutzend Mitarbeiter in hellblauen Pullis durch den Laden. Am Handgelenk trägt jeder von ihnen einen ähnlichen Scanner wie die Einpackhelfer bei Zalando oder Amazon. Eine Hema-Mitarbeiterin greift in der Frischeabteilung Eier und chinesische Pilze aus dem Kühlregal und lässt beides in einer grünen Tasche verschwinden. Die Tasche landet wenig später auf einem Förderband, das sich unter der Decke durch die Filiale schlängelt. Von da aus gelangen die Waren ins angeschlossene Verteilerzentrum und werden von Mopedfahrern zu den Kunden gebracht.

Sogar bei Straßenhändlern zahlt man bargeldlos

Das Bestellen und Bezahlen per Smartphone ist in China völlig selbstverständlich. Nicht nur bei Hema, nicht nur in Hangzhou. Beim alltäglichen Einkauf kramt fast niemand mehr sein Portemonnaie hervor. Das alles funktioniert ausschließlich per App. Sogar die Händlerin, die am Straßenrand Litschis verkauft, hat an ihrem Stand einen QR-Code angebracht, den die Kunden mit dem Smartphone scannen. Die entsprechende Summe wird ihnen automatisch abgebucht.

Überhaupt sind QR-Codes in China überall und dienen dazu, physische Dinge mit dem Smartphone zu vernetzen. Am Westsee, dem touristischen Highlight von Hangzhou, können Besucher mithilfe eines QR-Codes an einem Automaten Souvenirs kaufen. Selbst Regenschirme und mobile Ladestationen kann man auf diese Weise ausleihen. Wer weder Alipay noch das Konkurrenzangebot von WeChat installieren will oder kann, hat deshalb mitunter ein Problem. So wie Ausländer ohne einheimisches Bankkonto.

Bezahlen per QR-Code bei einem Straßenhändler in China (Archivbild)

Bezahlen per QR-Code bei einem Straßenhändler in China (Archivbild)

Foto: AP/Peng huan - Imaginechina

Bezahl-Apps sind in China aus drei Gründen populär.

  • Erstens sind Kreditkarten dort kaum verbreitet.
  • Zweitens konnten sich Alibaba und der WeChat-Mutterkonzern Tencent fast ohne Konkurrenz auf dem chinesischen Markt ausbreiten.
  • Drittens begegnen die meisten Chinesen den neuen Technologien deutlich weniger skeptisch als etwa deutsche Nutzer.

Man mag sich kaum ausmalen, was Konzerne wie Alibaba mit all den Daten anstellen könnten. Viele Chinesen scheint das wenig zu stören, kaum jemand sorgt sich um Datenschutz oder die eigene Privatsphäre. Selbst die im Straßenbild allgegenwärtigen Kameras sehen die meisten eher als Schutz vor möglichen Verbrechen denn als perfektes Überwachungssystem.

Die Bedenken wachsen nur langsam. Kürzlich musste sich Alibaba öffentlich entschuldigen, weil das Unternehmen die Daten von Kunden ohne deren Einwilligung dazu genutzt hatte, ihre Kreditwürdigkeit zu bewerten. Doch bislang ist Komfort wichtiger als Datenschutz.

"Intelligentes Restaurant"

Bequem aus Sicht der Kunden ist auch das neuste Projekt von Alibaba. An einer Schnellstraße in Hangzhou hat das Unternehmen einen Imbiss zum "intelligenten Restaurant" umgebaut. Intelligent heißt in diesem Fall: ohne Bedienung. Am Eingang können die Kunden an einer Säule ihre Bestellung aufgeben. Ein junger Mann betritt den Laden und wählt eine Nudelsuppe. Bezahlt wird - wie sonst? - per QR-Code und Smartphone. Ein paar Minuten muss er warten, dann springt in der Wand eine Klappe mit der Nudelsuppe auf.

Wer um die Ecke schaut, entdeckt Köche mit Mundschutz, die das Essen von hinten in die Klappe schieben. Ganz eliminieren lässt sich der Mensch eben auch in der Alibaba-Welt nicht.