Wachstumseinbruch Chinas Wirtschaft schwächelt. Zum Glück!

Um 7,4 Prozent ist Chinas Wirtschaft 2014 gewachsen - der schwächste Wert seit 24 Jahren. Auch wenn es nicht so klingt: Für die Volksrepublik ist das eine gute Nachricht.
Pudong, Finanzdistrikt von Shanghai: Umstellung auf Konsum und Dienstleistung

Pudong, Finanzdistrikt von Shanghai: Umstellung auf Konsum und Dienstleistung

Foto: MARK RALSTON/ AFP

Als der Gouverneur der nationalen Statistikbehörde in Peking Chinas neue Wachstumszahl bekanntgab, brach der erwartete Meldungssturm los: Nur mehr 7,4 Prozent Wachstum! Chinas Bruttoinlandsprodukt wächst so langsam wie seit 24 Jahren nicht mehr! Wie seit dem Tiananmen-Massaker nicht mehr!

Die Börsen in Tokio, in Hongkong, in Mumbai, selbst die in Shanghai, wo es zuletzt aus anderen Gründen turbulent zuging, blieben entspannt. Offenbar hat die Zahl aus Peking die Händler nicht überrascht.

Sie sollte niemanden überraschen, denn es ist eine gute Zahl. Nach mehr als 30 Jahren eines halsbrecherischen, Wohlstand schaffenden und die Umwelt vernichtenden Wachstums, senken sich Chinas Kurven allmählich. Der Jumbo landet.

China will die Falle umgehen

Die Führung in Peking will Chinas Geschäftsmodell ändern - von einer investitionsgetriebenen Exportwirtschaft zu einer Konsum- und Dienstleistungswirtschaft, von Kränen und Schloten zu Hotels und Laboren. Kein namhafter Ökonom, auch kein Praktiker des China-Geschäfts hat eine grundsätzlich andere Idee, wie das Land weiter wachsen soll, ohne in die "middle-income trap" zu tappen, in der andere große Volkswirtschaften wie zum Beispiel Brasilien stecken.

Die Falle des mittleren Einkommens schnappt zu, wenn ein Schwellenland seine Waren auf dem Weltmarkt nur dank niedriger Löhne billiger anbieten kann als andere Länder. Das sorgt dann meist für ein stürmisches Wachstum der Exportwirtschaft. Immer mehr Fabriken suchen nach qualifizierten Arbeitern, die T-Shirts nähen oder Handys zusammenschrauben. In der Folge steigen die Löhne, und plötzlich sind andere Staaten mit ihren Waren noch billiger. Das Wachstum bricht ein, die Löhne stagnieren und das Land verharrt auf einem mittleren Wohlstandsniveau, ohne jemals zu den entwickelten Industriestaaten aufzuschließen.

Die Führung in Peking hat diese Gefahr erkannt. Sie sucht nach einem neuen Geschäftsmodell für China - und ist bereit, für diesen Umbau der Volkswirtschaft auch niedrigere Wachstumsraten in Kauf zu nehmen.

Ja, es ist das erste Mal seit Jahren, dass die Wachstumszahl von 2014 unter der Marke liegt, welche die KP als Ziel vorgegeben hat - "etwa 7,5 Prozent". Doch der Unterschied beträgt gerade mal ein Zehntel Prozent.

Die Wachstumszahl deutet eine Wende an

Die Zahl ist gewiss über viele Schreibtische gegangen und politisch "harmonisiert" worden, bevor sie das Statistikamt verkünden durfte. Der heutige Premier Li Keqiang selbst machte sich 2007 gegenüber dem US-Botschafter über die chinesischen Zahlen lustig. Trotzdem: Die Tendenz wird stimmen, das Wachstum nimmt ab.

Natürlich, Chinas Wirtschaft hat eine Reihe von Problemen, und man kann die düstersten Voraussagen in diese Zahl hineinlesen: das Platzen der Immobilienblase, die Pleite der überschuldeten Provinz- , Kreis- und Stadtregierungen, den Zusammenbruch des Schattenbankenwesens.

Aber was wäre die Alternative? Dass in China weiter die Bagger rollen und die Schornsteine qualmen, dass noch mehr Öl und Kohle verbrannt wird und noch mehr Autos fahren. Mit der Folge, dass sich die Spekulationsblasen noch aufblähen und die Ungleichgewichte, unter denen die chinesische Volkswirtschaft leidet, sich noch weiter aufschaukeln.

Die niedrigeren Wachstumsraten aus Peking sollten uns nicht nur nicht überraschen, wir sollten uns an sie gewöhnen. 2015 wird das Wachstum voraussichtlich noch niedriger liegen, die Weltbank rechnet mit 7,1 Prozent, der Internationale Währungsfonds mit 6,8. Selbst wenn es nur die 5,5 Prozent sind, die manche Analysten für Chinas wahre Wachstumszahl halten: China wächst weiter - nur etwas weniger halsbrecherisch.

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