Chinas schwächeres Wirtschaftswachstum Die magische Sechs

Andere Staaten träumen von so einer Zahl, für die Volksrepublik ist sie ungewöhnlich niedrig: Chinas Wirtschaft wächst nur noch um sechs Prozent, so langsam wie seit fast 30 Jahren nicht. Was bedeutet das?

Arbeiter in Shanghai (Archivbild): "In der Bauwirtschaft ist die Gründerzeit vorbei"
Aly Song/ REUTERS

Arbeiter in Shanghai (Archivbild): "In der Bauwirtschaft ist die Gründerzeit vorbei"

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Vor ein paar Jahren war es die Acht, dann war es die Sieben - und nun ist es die magische Sechs: Um nur noch 6,0 Prozent, vermeldete am Freitagmorgen das Nationale Statistikamt in Peking, sei die chinesische Wirtschaft zwischen Juli und September gewachsen. Das ist der niedrigste Wert seit China 1992 begann, alle drei Monate über den Zustand seiner Wirtschaft zu berichten.

Kaum eine andere Volkswirtschaft erregt mit ihren Wachstumszahlen so große Aufmerksamkeit wie die chinesische. Je größer Chinas Wirtschaft wurde, desto bedeutender erschien die Ziffer vor dem Komma: Wenn Chinas Bruttoinlandsprodukt nicht mindestens um acht Prozent wachse, stehe Chinas Zukunft auf dem Spiel - so hieß es nach der Weltfinanzkrise. Dann setzte sich die Sieben als neuer Richtwert durch. Nun ist die Sechs-Prozent-Marke erreicht.

Was bedeutet diese Zahl, und wie belastbar ist sie? Warum sinkt sie von Jahr zu Jahr? Was hat sie mit dem amerikanisch-chinesischen Handelskrieg zu tun? Wie reagiert Peking - und was bedeutet diese Zahl für den Rest der Welt? Der Überblick.


Was bedeutet diese Zahl?

Ein Wirtschaftswachstum von sechs Prozent ist ein hoher Wert, selbst für ein Schwellenland, erst recht für eine so große Volkswirtschaft wie die chinesische. Die US-Wirtschaft, zum Vergleich, wächst zur Zeit um gut zwei Prozent, die deutsche um etwa ein halbes Prozent. Für das kommende Jahr senkte die Bundesregierung ihre Wachstumsprognose am Donnerstag von 1,5 auf 1,0 Prozent.

Mit sechs Prozent liegt das chinesische Quartalsergebnis allerdings unter den Erwartungen. Eine von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Gruppe von Experten war für das dritte Quartal von 6,1 Prozent Wachstum ausgegangen. Mit nur einem Zehntel ist die Abweichung nicht dramatisch, aber in China zählen auch Zehntelpunkte. Der für Wirtschaft zuständige Premierminister Li Keqiang hatte bereits im September gewarnt, es werde "sehr schwer" sein, die Prognose seiner Regierung von "6,0 bis 6,5 Prozent" für das Gesamtjahr zu erreichen.

Nach wie vor strittig ist außerdem, wie zuverlässig Chinas "harmonisierte" Wachstumszahlen überhaupt sind. Premier Li gab vor Jahren selbst zu, dass er sich eher nach dem Energieverbrauch, den ausgezahlten Bankkrediten und dem Transportvolumen der chinesischen Eisenbahn richtet als nach den offiziellen Zahlen zum Bruttoinlandsprodukt.

Warum sinkt Chinas Wachstum seit Jahren?

Dass Chinas Wachstumsrate langfristig sinkt, ist unvermeidlich. Viele der großen Infrastrukturprojekte, die sie über Jahrzehnte hochgetrieben haben, sind weitgehend abgeschlossen, die wichtigsten Kraftwerke, Straßen, Häfen und Eisenbahnen errichtet. "In der Bauwirtschaft ist die Gründerzeit vorbei", sagte die Pekinger Immobilien-Magnatin Zhang Xin dem SPIEGEL vor drei Jahren; die meisten chinesischen Städte seien praktisch "fertig".

Hinzu kommt: Mit einem Volumen von 13 Billionen Dollar ist Chinas Wirtschaft inzwischen so groß, dass sie selbst bei einem Wachstum von nur sechs Prozent jedes Jahr fast um das Bruttoinlandsprodukt Spaniens zunimmt. Zweistellige Wachstumsraten wie vor zehn, zwölf Jahren wären bei dieser Größenordnung weder realistisch - noch den Chinesen länger zumutbar: Das enorme Wachstum der vergangenen Jahre hat massive Schäden angerichtet, nicht zuletzt an Chinas Umwelt.

Ist das sinkende Wachstum auch eine Folge des Handelskrieges?

Ja - aber nicht nur. Der Zollstreit zwischen Peking und Washington wirkt sich eindeutig auf Chinas Exporte aus, wie die Anfang der Woche bekannt gegebenen Handelszahlen belegen: Chinas Ausfuhren in die USA sind im Vergleich zum Vorjahr um fast zehn Prozent gesunken, die Importe aus Amerika sogar um mehr als 26 Prozent.

Stärker als diese konkreten Zahlen aber scheinen die Befürchtungen über die Dauer und den möglichen Ausgang des Handelsstreits auf die Stimmung zu drücken: Viele Unternehmer zögern derzeit Investitionen hinaus, und auch viele Konsumenten üben sich in der Kunst des "Xiao Fei Jiang Ji", des "gedämpften Geldausgebens": Sie verschieben größere Anschaffungen, leisten sich lieber erst mal kein neues Auto und kaufen lieber auf dem lokalen Gemüsemarkt ein als in einer teuren Shoppingmall.

Wie viel der Zollstreit zur gedämpften Atmosphäre beiträgt und wie viel die schon seit Längerem bestehenden Probleme der chinesischen Wirtschaft - vor allem die steigende Verschuldung der Unternehmen und Privathaushalte - ist allerdings schwer einzuschätzen.

Wie reagiert Peking - und was könnte das für andere Volkswirtschaften bedeuten?

Wenn die Wirtschaftszahlen schlechter waren als erwartet, hat Peking zuletzt fast immer ähnlich reagiert. Zunächst wurden Signale der Beruhigung verbreitet - so auch am Freitagmorgen wieder, als der Sprecher des Statistikamtes in Anspielung auf den Zollstreit sagte: "Wir sollten uns auf unsere eigenen Angelegenheiten konzentrieren, die Entwicklung (des Landes) an die erste Stelle und ein stabiles Wachstum an die nächste Stelle setzen."

In der Regel kurbelte die Regierung dann den Geldfluss an - entweder indem sie selbst investierte, Kreditbedingungen erleichterte oder die Mindestkapitalreserven der Banken anhob. Doch je höher die Verschuldung der Provinzen und der staatlichen Unternehmen wurde, desto vorsichtiger setzte Peking diese Mittel zuletzt ein.

Chinas Führung scheint entschlossen, den Anstieg des Schuldenberges zu bremsen und dafür auch ein geringeres Wirtschaftswachstum in Kauf zu nehmen. Darauf werden sich langfristig alle Unternehmen und Sektoren einstellen müssen, für die der chinesische Markt so wichtig ist wie etwa für die deutsche Automobil- oder die französische Modeindustrie: So viele Autos und Luxusgüter wie in den vergangenen Jahrzehnten werden die Chinesen auf absehbare Zeit nicht mehr kaufen.

insgesamt 3 Beiträge
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legeips62 18.10.2019
1. Was es bedeutet? Ganz einfach,
der Beginn vom Ende des Wachstums in China. War bei den "Tigerstaaten" bebenso (https://de.wikipedia.org/wiki/Tigerstaaten). Irgendwann ist nun mal ein kleineres Wachstum ganz normal. Wenn dann jeder "Chinese" einen Kühlschrank, ein Handy, eine Klimaanlage und ein Auto usw. hat, wird auch da wieder wieder gespart. . Bei uns in der Region ist nun auch des Ende des Wachstums eingeleitet. Bosch, Michelin, Brose, hier wird kräftig "freigestellt"... aber die Rezession wurde ja vom u.a. vom Spiegel schon vorausgesagt. Ob ich mir dann noch das Spiegel Abo leisten kann, fraglich. Die neuen Demos werden dann FFA heißen, Freitag für Arbeit und die Gewerkschaften bzw. SPD marschieren voran.
brunator 18.10.2019
2. Chinas Wachstum beruht nur auf Währungsbetrug
Die Regierung in China legt den Wechselkurs selber fest. Und die legen den Kurs so fest, dass wir immer um 50'% bis 60% teurer sind. Siehe beispielsweise BigMac Vergleich. Oder die Cola kostet in China immer weniger als die Hälfte. Das bückeln wir uns im Westen immer ab wie blöd, arbeiten Tag und Nacht und die hauen unsere Industrie vom Markt mit dem Wechselkursbetrug. Politiker, aufwachen! Warum lassen wir uns das gefallen?
Pampuschka 18.10.2019
3. Am Besten Ihr Spinner sagt gar nichts mehr.
Ich habe mich als Ökonom immer gemops, wie die deutschen (Lügen)Medien in der gleichen Ausgabe die 0,6 % gesamt an Wachstum in Merkel-Deutschland als Boom bezeichneten, gleichzeitig aber einen Rückgang von 0,1 % in der Wachstumsrate in China als Niedergang der chinesische Wirtschaft verlautbarten. Gemäss den Wortregelungen aus der Atlantik-Brücke e.V.
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