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Neue Seidenstraße China hilft Gazprom mit Milliarden

Chinas Neue Seidenstraße dient nicht nur als Handelsnetzwerk. Auszüge aus einer weltweit führenden Datenbank zeigen, wie die Regierung in Peking geostrategisch Freundschaften pflegt.
aus DER SPIEGEL 13/2021
Russischer Präsident Putin, chinesischer Präsident Xi mit Ehefrau: Erkaufte Freundschaften?

Russischer Präsident Putin, chinesischer Präsident Xi mit Ehefrau: Erkaufte Freundschaften?

Foto:

JASON LEE/ AFP

Die chinesische Regierung nutzt den Bau der sogenannten Neuen Seidenstraße auch dazu, Regierungen geostrategisch wichtiger Länder gefügiger zu machen. Das geht aus einer Auswertung von Tausenden Seidenstraße-Projekten in 64 Ländern hervor, die das Berliner Merics-Instituts für den SPIEGEL erstellt hat.

Die fünf größten Profiteure der Seidenstraße sind demnach Pakistan, Russland, Kasachstan, Vietnam und Indonesien. Zusammen erhielten sie seit September 2013 rund 66 Milliarden Dollar Finanzhilfen und Kredite für den Bau von Straßen, Häfen, Kraftwerken, Pipelines, Fabriken, Glasfaserleitungen – und weiterer Projekte, deren Sinn und Zweck unklar ist.

Nicht hinter allem, was unter der Chiffre Neue Seidenstraße passiert, steckt demnach eine globale infrastrukturelle Vision. China richte sich auch nach den Wünschen der Empfängerländer, sagt Jacob Mardell von Merics, der monatelang um die halbe Welt gereist ist, um den Fortschritt der Neuen Seidenstraße vor Ort zu begutachten. Die Datenbank  von Merics gilt weltweit als eines der umfassendsten Forschungsprojekte zu Chinas neuem Infrastrukturnetz.

Der pakistanischen Stadt Lahore finanzierte China zum Beispiel eine neue Metrolinie für 1,3 Milliarden Dollar. Insgesamt bekam Pakistan laut der Merics-Datenbank 18,6 Milliarden Dollar im Rahmen der Neuen Seidenstraße – mehr als irgendein anderer Staat auf der Welt. Pakistan gilt als wichtiger Verbündeter Chinas gegen die aufstrebende Regionalmacht Indien.

Russland, das von China als Verbündeter gegen die globale Hegemonie der USA betrachtet wird, liegt auf Platz zwei der Empfängerländer. Insgesamt bekam Russland knapp 18 Milliarden Dollar aus China, den größten Batzen davon für ein Flüssiggasprojekt in Sibirien.

Der russische Staatskonzern Gazprom erhielt 2016 zudem rund zwei Milliarden Dollar von der staatlichen Bank of China – angeblich für die Entwicklung einer Blockchain-Technologie. Da es sich hierbei nicht explizit um ein Infrastrukturprojekt handelt, rechnet Merics diese Summe in seine Auswertung zur Seidenstraße gar nicht mit ein. Andernfalls wäre Russlands Präsident Wladimir Putin wohl sogar der größe Nutznießer der chinesischen Initiative.

Kasachstan liegt mit rund 11,85 Milliarden Dollar in der Merics-Datenbank auf Platz drei. Der zentralasiatische Staat ist für Peking ein wichtiger Rohstofflieferant und ein ebenso wichtiges Transitland. Zudem grenzt Kasachstan an die abtrünnige chinesische Provinz Xinjiang und soll für diese aus Sicht von Peking ein möglichst stabiler Nachbar sein. China hat schon vor der Seidenstraße Milliarden in die Energie- und Verkehrsinfrastruktur Kasachstans investiert.

Vietnam (Platz vier, rund zehn Milliarden Dollar) gilt als ideologischer Verbündeter Pekings in Südostasien. Zudem fördert die vietnamesische Regierung gezielt die Ansiedlung chinesischer Unternehmen im Land. Indonesien (Platz fünf, 7,86 Milliarden Dollar) indes ist Chinas wohl größter Rivale im Südchinesischen Meer. Hier dienen die Gelder im Rahmen der Neuen Seidenstraße womöglich auch dazu, den Gegner ein Stück weit von Peking abhängig zu machen und auf diese Weise Einfluss auszuüben.

Den Bevölkerungen der Empfängerländer ist die neue Nähe ihrer Regierungen zu Peking teils suspekt. Vor allem in Vietnam und Kasachstan kommt es immer wieder zu antichinesischen Protesten. Die Bürger fürchten, dass ihre Regierungen gegenüber China an Souveränität verlieren.

Die Neue Seidenstraße ist längst nicht der einzige Kanal, über den chinesisches Kapital in andere Länder fließt. Merics listet in seiner Datenbank noch weitere Finanzhilfen und Kredite auf, deren Hintergrund schwer ersichtlich ist, zum Beispiel Investitionen in Cloud-Technologien im indonesischen Jarkarta.

Das wirft die Frage auf, inwieweit beim Projekt Seidenstraße wirklich alle Fäden in Peking zusammenlaufen – und inwieweit es bei der Initiative Wildwuchs gibt. Chinas Regierung habe zuletzt versucht, ihre Kontrolle über die Neue Seidenstraße zu vergrößern, sagt Merics-Experte Mardell. Es sei aber nicht klar, wie eine entsprechende Koordination überhaupt aussehen könne.

Aus: DER SPIEGEL 13/2021

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