Draghi-Nachfolge EU-Parlament stimmt für Lagarde als EZB-Chefin

Christine Lagarde ist auf ihrem Weg an die Spitze der Europäischen Zentralbank einen Schritt weiter: Das Europaparlament votierte mit deutlicher Mehrheit für die Französin.

Christine Lagarde soll schon bald die Europäische Zentralbank führen
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Christine Lagarde soll schon bald die Europäische Zentralbank führen


Christine Lagarde war in ihrem Leben schon oft die Nummer eins: Erste Frau an der Spitze des Internationalen Währungsfonds (IWF), erste französische Wirtschaftsministerin, erste Chefin der renommierten Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Zur Krönung ihrer Karriere wird die Französin nun voraussichtlich die erste Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). Am Dienstag haben sich die Abgeordneten im Europaparlament mehrheitlich für die 63-Jährige ausgesprochen.

Lagarde erhielt bei der Abstimmung in Straßburg 394 von 649 abgegebenen Stimmen. 206 Abgeordnete sprachen sich gegen sie aus, 49 enthielten sich.

Die Abstimmung im Parlament hatte vor allem symbolischen Charakter. Lagarde hatte den Abgeordneten bereits Anfang September in Brüssel Rede und Antwort gestanden.

Die bisherige Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), die im November wohl die Nachfolge von EZB-Präsident Mario Draghi antreten wird, hatte zuvor schon die Zustimmung des Wirtschaftsausschusses des EU-Parlaments erhalten.

Die EU-Staats- und Regierungschefs hatten die bisherige Chefin des Internationalen Währungsfonds im Juli als Nachfolgerin von Mario Draghi an der Spitze der EZB nominiert. Der offizielle Beschluss soll im Oktober fallen.

Die Zentralbank mit Sitz in Frankfurt entscheidet über die Geldpolitik für die Eurozone und bestimmt unter anderem den Leitzinssatz, der auch für Sparer und Kreditnehmer wichtig ist. Hauptziel der EZB ist Preisstabilität.

flg/Reuters/dpa



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hagebut 17.09.2019
1. War seit Jahren klar
Der Posten als EZB-Präsidentin ist als Dankeschön zu verstehen, für die Aushebelung der Vorgaben des IWFs bezüglich Griechenland. Zur Erinnerung: Der IWF durfte sich gemäß seiner eigenen Vorgaben nicht weiter an der Rettung von Griechenland beteiligen, weil bestimmte Vorgaben nicht eingehalten wurden. Darüber berichtete auch der SPIEGEL ausführlich. Lagarde hat das für die EU ausgehebelt, auch damit unser damaliger Finanzminister Schäuble nicht des Betrugs am deutschen Parlament hingestellt werden konnte. Für Lagarde wurde die Situation innerhalb des IWFs daher "brenzlig". Sie musste da weg. Ich finde Frau Lagarde ganz nett und dumm ist sie auch nicht. Wie eine Zentralbank handeln _muss_, wird sie deshalb kürzester Zeit verstanden haben.
hagebut 17.09.2019
2. Zentrale Frage
"Die Zentralbank mit Sitz in Frankfurt entscheidet über die Geldpolitik für die Eurozone und bestimmt unter anderem den Leitzinssatz, der auch für Sparer und Kreditnehmer wichtig ist." Vollkommen richtig: Der Zins ist für Sparer und Kreditnehmer sehr wichtig. Die Kardinalfrage aber ist, ob durch niedrigere Zinsen weniger gespart wird und mehr Kredit aufgenommen werden. Wäre das nicht der Fall, dann hätte die Leitzinspolitik keinen Sinn. Die Vorstellung, man könne durch die Variation der Leitzinsen die Inflationsrate beeinflussen, ist ja schon weltweit empirisch widerlegt. Dazu muss man feststellen, dass in Deutschland die Sparquote der privaten Haushalte trotz Nullzinsen in die Höhe gegangen ist. Bei der Kreditaufnahme sind Sondereffekte wie die Wohnungsnot zu berücksichtigen. Die gute Frage ist also was da unter dem Strich noch bleibt.
Tom77 17.09.2019
3. In 10-20 Jahren erhalten wir die Zeche
D.h. dann also, eine weitere Erosion der Mittelschicht, da diese nicht mehr privat für ihr Alter vorsorgen können, weil es keine sicheren Anlagemöglichkeiten mehr gibt und die Leute ihr Geld statt in Aktien zu stecken lieber für Reisen etc. ausgeben. Die Armen werden noch ärmer während die Reichen richtig Kasse machen - denn die können es sich erlauben, ihr überschüssiges Geld risikoreicher anzulegen und profitieren von den Rekordständen an den Börsen. Die Börsenrally der letzten Jahre hat den Reichen geholfen, nicht dem Durchschnittsbürger. Immobilien und Mieten werden noch teurer werden, da die die Blase immer größer wird und viele Leute eben ihr Geld lieber in Häuser stecken, auch wenn sie viel zu teuer sind und sie es sich wahrscheinlich in 10 Jahren gar nicht mehr leisten können. Die Unternehmen produzieren für einen künstlich geschaffenen Konsum, der am Ende wiederum der Umwelt schadet. Wer nämlich sein Geld nicht mehr anlegt, konsumiert eben mehr auch wenn nicht wirklich Bedarf besteht. Wir schaffen uns gerade ein künstliches Wirtschaftssystem. Es hat sich in den letzten Jahren doch gezeigt, dass das Mittel des billigen Geldes nicht funktioniert, die Wirtschaft aufgrund globaler Probleme trotzdem kriselt und dass die Inflation immer noch nicht auf dem Punkt ist, wo man sie haben will. Die Banken können ebenfalls nicht so viele Kredite vergeben, wie sie bei den niedrigen Zinsen könnten - vor allem nicht für Unternehmen, die es sich trotz niedriger Zinsen zweimal überlegen, bei Brexit, Handelskonflikt mit China, Trumps Zolltheater und Krisen wie Iran und Co. zu investieren. Die böse Überraschung wird irgendwann kommen. Spätestens dann, wenn die heutige Mittelschicht in Rente geht und nicht vorgesorgt hat und dann auf Hilfen angewiesen ist. Die einzig sinnvollen Maßnahmen wären: Mehr Investitionen des Staates, Steuersenkungen oder Helikoptergeld. Nur wer mehr Geld in der Tasche hat, gibt es auch aus. Jemand, der heute schon kaum von seinem Gehalt leben kann, wird sicher nicht noch Kredite aufnehmen, auch wenn die immer billiger werden!
olmen 17.09.2019
4. Neue EZB-Chefin und Vernunft
- hoffentlich ändert sich die EZB-Geldpolitik. Unter Dragi wurde jede Vernunft und die allgemeinen Finanz-Grundsätze außer Kraft gesetzt. Folgen sind fatal: Sparen macht keinen Sinn. Staatshaushalte brauchen das "süße" Gift Niedrigzinsen um klar zu kommen bzw. die sog. schwarze Null (die real gar keine ist) aufrecht zu erhalten. Geld fließt in Beton - und das führt zu einer Blasen, die platzen werden. Auch Banken u. Sparkassen werden zunehmen Ertragsprobleme bekommen und Gebühren pp. anheben müssen. - Warum wird dies und die allgemeinen fatalen Folgen für alle nicht stärker diskutiert und problematisiert?
hagebut 17.09.2019
5. @ Tom77 - Eine andere Betrachtung
1. Eine kapitalgedeckte Altersvorsorge ist nicht möglich, wenn das immer mehr oder alle Leute tun wollen. Sie produzieren damit selbst die Nullzinsen auf Sparanlagen, bzw. die immer niedriger werdende Dividendenrendite. Das ist also makroökonomisch gar nicht möglich. Beschweren Sie sich bei denjenigen die Ihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt haben. 2. Wenn man mit der Umwelt kommt, kann man unser Wirtschaftssystem komplett aus den Angeln heben. Das dann nur mit der Geldpolitik der EZB zu verbinden, ist abwegig. 3. Die Preise für Mieten und Immobilien werden in Deutschland immer teurer weil es eine extreme Wohnungsnot gibt und zwar in Ballungszentren schon seit Jahrzehnten. Dies verschlimmert sich noch durch eine Zuwanderung von 1-2 Millionen Menschen. Hat also mit der Geldpolitik auch wenig zu tun. Hier wäre schon längst eine Industriepolitik nötig gewesen, die Produktionsstandorte in strukturschwache Regionen lockt. 4. Was genau heißt "künstliches Wirtschaftssystem"? Unser Wirtschaftswachstum beruht auf einer ständig steigenden Kreditaufnahme im Vergleich zu Vorjahr. Ist das dann "künstlich"? 5. Die Tatsache, dass unsere globale Wirtschaft kriselt, kann man doch nicht auf die Geldpolitik zurückführen. Die Frage müsste sein, wie wäre es denn mit uns geworden, wenn die Zentralbanken nichts getan hätten. 6. Es ist nicht wahr, dass desto mehr Geld ausgegeben wird, je mehr in der Tasche ist. Je höher die Einkommen, desto höher die Sparquoten. Das ist mit Studien belegt, die von keiner makroökonomischen "Glaubensrichtung" angezweifelt werden.
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