Corona-Crash Wirtschaftsweise machen Hoffnung

Deutschland stürzt in die Rezession. Doch wird die Coronakrise die Wirtschaft nachhaltig schwächen? Der Sachverständigenrat hält das für unwahrscheinlich: "Es ist nicht wie in einem Krieg."
Ein Bild aus (wirtschaftlich) unbeschwerten Zeiten: Baustelle in Berlin (im Februar)

Ein Bild aus (wirtschaftlich) unbeschwerten Zeiten: Baustelle in Berlin (im Februar)

Foto:

Christoph Soeder/ picture alliance/dpa

Während die deutsche Wirtschaft zu einer Art "sudden stop" gekommen ist, hat bei den Ökonomen das große Rechnen begonnen. Wie lassen sich die Folgen von Kontaktsperre und Fabrikschließungen abschätzen? Wie tief stürzt die Wirtschaft im Corona-Crash?

Eine düstere Prognose jagt die nächste: Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel hat vor minus neun Prozent bei der Wirtschaftskraft gewarnt und vor "der Mutter aller Rezessionen". Bei den Kollegen vom Münchner Ifo-Institut schrumpft die Wirtschaft im schlimmsten Falle sogar um 20 Prozent im Gesamtjahr.

Eines unterscheidet diese Prognosen von den üblichen Konjunkturabschätzungen von Ökonomen: In der aktuellen Lage werden sie nicht berechnet, um möglichst genau die tatsächliche spätere Entwicklung vorherzusagen. Im Gegenteil, sie sind Warnungen an die Politik: Länger als ein paar Wochen dürfe der "Shutdown" nicht andauern, das Wirtschaftsgeflecht werde sonst strukturell Schaden nehmen.

Studien wie die des Ifo-Instituts hätten eher "didaktischen Wert", so drückt es Achim Truger etwas vornehmer aus. Truger ist Ökonomieprofessor an der Universität Duisburg-Essen und Mitglied im Sachverständigenrat der Bundesregierung zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. In normalen Zeiten veröffentlicht dieses Gremium, dessen Mitglieder auch "Wirtschaftsweise" genannt werden, Anfang November ein Gutachten nebst Konjunkturprognose.

Außer der Reihe hat der Rat in der vergangenen Woche ein Sondergutachten zur Krise an die Bundesregierung übergeben - und nun auch der Öffentlichkeit vorgestellt. (Hier geht es zum Dokument .) Auf etwas mehr als hundert Seiten diskutieren die Sachverständigen jene Verläufe des Corona-Crashs, die sie für wahrscheinlich halten.

Sie buchstabieren drei Szenarien durch, und das ist wörtlich zu nehmen: Sie haben drei Buchstaben gewählt, um die Form des Absturzes zu verdeutlichen: kleines v, großes V, und ein U mit einer langen Ebene.

Das v-Szenario: kurzer Einbruch, schnelle Erholung

Stand jetzt hält der Sachverständigenrat die folgende Entwicklung für am wahrscheinlichsten: Der harte "Shutdown" dauert in diesem "Basisszenario" fünf Wochen an. Danach dauert es drei Wochen, bis alle Wirtschaftsprozesse wieder laufen. Das Bruttoinlandsprodukt bricht in dieser Phase ähnlich drastisch ein, wie während der weltweiten Finanzkrise 2009.

Über den Sommer normalisiert sich die wirtschaftliche Lage demnach aber wieder, ab dem dritten Quartal läuft die Wirtschaft wieder reibungslos. Die Bilanz dieses Szenarios: 2020 schrumpft die Wirtschaft um 2,8 Prozent. 2021 zieht das Wachstum dann aber stark an, auf plus 3,7 Prozent.

Das V-Szenario: tieferer Absturz, schnelle Erholung

Sollten die "gesundheitspolitischen Maßnahmen länger andauern", schreiben die Ökonomen, dann könnte der Einschnitt in die Wirtschaftskraft deutlich drastischer ausfallen.

Obwohl der "Shutdown" in diesem Szenario lediglich von fünf auf sieben Wochen verlängert wird, fällt der Einbruch der Wirtschaftskraft fast doppelt so stark aus, wie im Basisszenario. Zwei Wochen mehr Stillstand hätten einen "überproportional negativen Effekt", warnt Ratsmitglied Volker Wieland, Wirtschaftsprofessor in Frankfurt. Deshalb sei es so wichtig, "dass wir Strategien entwickeln, wie wir bald an die Arbeit zurückkommen".

Die Bilanz des V-Szenarios: 2020 würde die Wirtschaft um 5,4 Prozent schrumpfen. Die Rezession würde 2021 gefolgt werden von 4,9 Prozent Wachstum. Es würde allerdings bis 2022 dauern, bis die Verluste wieder aufgeholt wären.

Das U-Szenario: tiefer Absturz, schleppende Erholung

Sollte das Wirtschaftsleben substanziell über den Sommer hinaus vom Kampf gegen Covid-19 betroffen sein, könnte die Krise eine grundsätzlich andere Verlaufsform nehmen: Die Wirtschaftskraft würde steil abfallen - anders als in Szenarien mit V-Form sich allerdings nicht rasch erholen.

Der Sachverständigenrat hält eine solche Entwicklung für möglich, falls die Lage sehr unübersichtlich und unsicher wird: Die Maßnahmen der Politik könnten dann nicht ausreichen, um eine tief greifende Beeinträchtigung der Wirtschaftsstruktur zu verhindern. Fest machen die Experten das an zwei Schlüsselbegriffen: "gebremste Investitionen" und "Kaufzurückhaltung bei den Haushalten".

Sollten Firmen wegen der Krise ihre Investitionen langfristig herunterfahren, könnte das mittelfristig das Potenzial der Wirtschaft insgesamt senken, Produkte und Dienstleistungen zu produzieren: weniger Maschinen, weniger Computer - weniger Jobs.

Die Privathaushalte wiederum könnten aus Angst vor Arbeitslosigkeit dazu neigen, ihr Geld insgesamt stärker beisammen zu halten als in normalen Zeiten. Den Firmen würden dann wichtige Kunden fehlen.

In diesem Szenario würde die Aufholjagd der deutschen Wirtschaft länger auf sich warten lassen. 2020 würde sie um 4,5 Prozent schrumpfen - und 2021 mit 1,1 Prozent nur sehr schleppend wachsen.

Je länger der "Shutdown" andauere, desto schwieriger werde es für die Politik, langfristige Schädigungen des wirtschaftlichen Geflechts zu verhindern, sagt Lars Feld, der Vorsitzende des Sachverständigenrats. Bei längerer Dauer steige die Wahrscheinlichkeit von unabwendbaren Insolvenzen: Firmen in der Pleite müssen Mitarbeiter entlasten - und können nicht mehr viel beitragen zur Erholung der Wirtschaft.

Strukturell seien kleine Firmen und Selbstständige schneller bedroht als große Konzerne. Auch gebe es Branchen, die von der Kontaktsperre stärker betroffen seien als andere: Während Maschinen- oder Automobilbau einige Aufträge einfach später nachholen könnten, falle etwa im Gastgewerbe das Geschäft unwiederbringlich weg. In diesen Bereichen müsse der Staat sicherstellen, dass Firmen Hilfen bekommen, bevor sie in die Insolvenz rutschen. Achim Truger sieht die Bundesregierung dabei auf einem insgesamt guten Weg: "Mir scheint das alles gut zu laufen, was die Politik veranlasst hat."

Keine Angst vor dem L-Szenario

Es gibt eine weitere Krisen-Verlaufsform, die Ökonomen mit einem Buchstaben bezeichnen: Das L-Szenario, einen abrupten dauerhaften Absturz, nach dem nichts mehr so ist, wie es vorher war. Die Wirtschaftskraft verharrt dann dauerhaft auf einem deutlich niedrigeren Niveau. Mit anderen Worten: Nach dem Corona-Crash bliebe Deutschland auf Dauer ein Land mit merklich weniger Wohlstand, als es vor der Krise war.

Der Sachverständigenrat schließt eine solche Entwicklung ausdrücklich aus. "Es ist nicht wie in einem Krieg, wo der Kapitalstock zerbombt wird und die Arbeiter an der Front sterben", sagt Volker Wieland. "Sobald die Maßnahmen aufgehoben werden, stehen der Volkswirtschaft wieder alle Kapazitäten zur Verfügung."

Bislang seien in der aktuellen Krise auch weniger massive Verwerfungen zu erkennen, als beispielsweise während der Finanzkrise 2008/2009. In Ländern wie den USA und Irland habe der Crash damals einen Bauboom jäh beendet - und Hunderttausende Arbeitnehmer brauchten in der Folge lange, Jobs in anderen Branchen zu finden.

Das gelte allerdings nur in zeitlichen Grenzen. "Man kann die Wirtschaft natürlich nicht ein Dreivierteljahr aussetzen - und danach erwarten, es gehe weiter wie bisher", warnt Wieland. Möglich sei auch, dass sich die US-Wirtschaft strukturell schlechter entwickeln werde als gedacht. Dann könnten für deutsche Exporteure wichtige Abnehmer in Übersee wegbrechen.

Grundsätzlich gelte aber: "Die Innovationskraft der deutschen Wirtschaft ist hoch", sagt Lars Feld. Daran werde die Krise nichts ändern.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.