SPIEGEL-Umfrage zur Coronakrise Deutsche erwarten zweiten Lockdown - mit schweren Schäden für die Wirtschaft

Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown - so sehen es zumindest die meisten Deutschen. Laut einer SPIEGEL-Umfrage rechnen viele zudem mit erheblichen ökonomischen Folgen.
Schildergasse in Köln: Betrieb wie vor Corona - aber wie lange noch?

Schildergasse in Köln: Betrieb wie vor Corona - aber wie lange noch?

Foto: Ralph Peters/ imago images

Im öffentlichen Leben ist längst eingekehrt, was dem Begriff "Normalität" relativ nahe kommt. Sicher, ohne Maske geht fast niemand aus dem Haus, und durchtanzte Klubnächte oder Rockfestivals bleiben vorerst ferne Sehnsüchte. Aber ansonsten sind die Einkaufsstraßen gut gefüllt, die Strände sowieso, Menschen sitzen in Restaurants. Besuche beim Friseur und im Fitnessstudio gehören wieder zur Routine. In den ersten Bundesländern beginnt das neue Schuljahr mit Unterricht für alle in fast vollem Umfang. Das Leben in Deutschland Anfang August 2020 fühlt sich sehr viel freier an als noch im April.

Eine deutliche Mehrheit der Menschen in Deutschland glaubt allerdings nicht, dass es so bleiben wird. Sie rechnet mit einem erneuten Lockdown - und mit erheblichem Schaden für die deutsche Wirtschaft, wie eine repräsentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des SPIEGEL unter rund 5000 Menschen in Deutschland zeigt.

Mehr als vier von fünf Befragten - 82 Prozent - erwarten noch für dieses Jahr eine erneute Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen. Mit 32 Prozent geht etwa ein Drittel sogar "auf jeden Fall" davon aus, weitere 50 Prozent rechnen "eher" damit. Nur etwas mehr als jede zehnte befragte Person geht nicht von neuerlichen Beschränkungen aus.

Es liegt nahe, dass die jüngsten Nachrichten zu diesem sehr eindeutigen Meinungsbild beigetragen haben. Seit einigen Wochen liegt die Zahl der Neuinfektionen wieder deutlich über dem Niveau des Juni, das Robert Koch-Institut sprach in diesem Zusammenhang von "großer Sorge". Meldungen über Ausbrüche in Urlaubsgebieten dürften die Furcht davor gemehrt haben, dass Reiserückkehrer die Ausbreitung des Coronavirus wieder anfachen könnten. Hinzu kommen die bevorstehenden Schulöffnungen, die nachlassende Umsicht vieler Menschen im Alltag - und die Bilder von Tausenden dicht gedrängten Protestierenden bei den Anti-Corona-Demos.

Weniger naheliegend ist allerdings: Wer mit einem neuen Lockdown rechnet, erwartet häufig sogar noch strengere Maßnahmen als im Frühjahr. Das gab eine relative Mehrheit von 42 Prozent derer an, die allgemein mit neuen Beschränkungen rechnen. 27 Prozent aus dieser Gruppe glauben, dass der zweite Lockdown so sein wird wie der erste - also mit geschlossenen Geschäften, Restaurants und recht strikten Kontaktbeschränkungen. Weitere 30 Prozent rechnen hingegen mit lockereren Beschränkungen als im Frühjahr.

Dass so viele Deutsche einen so harten zweiten Lockdown erwarten, ist angesichts der Einschätzung von Fachleuten überraschend. So verweisen etwa der Virologe Christian Drosten und der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach auf die Erfahrungen, die bislang gesammelt wurden und die es ermöglichen, künftig gezieltere und damit weniger drastische, flächendeckende Maßnahmen zu ergreifen.

Für die erwartete Härte des zweiten Lockdowns spielt das Alter eine wichtige Rolle. Bei den Befragten unter 40 Jahren überwiegen deutlich diejenigen, die mit lockereren Maßnahmen rechnen, bei den über 40-Jährigen rechnet eine Mehrheit mit strengeren Beschränkungen. Dabei gilt durchgehend: Je älter die Befragten, desto höher ist der Anteil derer, die einen strengeren zweiten Lockdown erwarten.

Nahezu einig sind sich die Deutschen darüber, was ein strenger zweiter Lockdown ökonomisch bedeuten würde: 88 Prozent der Befragten gaben an, dass er die wirtschaftliche Gesamtsituation in Deutschland verschlechtern würde. Mit 52 Prozent schätzen dabei mehr als die Hälfte die wirtschaftlichen Folgen als "sehr negativ" ein. Nur sechs Prozent nehmen an, dass er keine Auswirkungen hätte, weitere fünf Prozent gehen sogar von einer positiven Wirkung aus.

Bei diesen Ergebnissen ist zu beachten, dass gezielt nach den Wirkungen einer "erneuten deutlichen Verschärfung der Corona-Schutzmaßnahmen" gefragt wurde - also nach einer strengen Variante eines zweiten Lockdowns.

Deutlich weniger pessimistisch sehen die Deutschen insgesamt hingegen die möglichen Folgen eines solchen strengen zweiten Lockdowns für ihre persönliche finanzielle Situation - doch auch hier rechnen mit 30 Prozent fast ein Drittel der Befragten mit Einbußen. 62 Prozent geben an, dass sie keine persönlichen Auswirkungen erwarten, weitere drei Prozent würden ihrer Ansicht nach sogar finanziell profitieren.

Gerade bei dieser Frage zeigt sich deutlich, wer wirtschaftlich besonders stark von der Pandemie bedroht ist. Unter den Selbstständigen etwa liegt der Anteil derjenigen, die negative finanzielle Folgen befürchten, mit 56 Prozent am höchsten. Zudem ist in dieser Gruppe der Anteil derer, die sogar "sehr negative" Folgen erwarten, mit 26 Prozent sehr hoch - in der Gesamtbevölkerung liegt er bei zwölf Prozent. Im Gegensatz dazu fürchten nur relativ wenige Rentner persönlich negative ökonomische Auswirkungen.

Deutlich ist auch der Unterschied zwischen Eltern und Menschen ohne Kinder im Haushalt. Hier spielen offenbar mögliche erneute Schul- und Kitaschließungen eine Rolle. Viele Mütter und einige Väter dürften dann nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr arbeiten können, weil sie ihre Kinder betreuen müssen. Entsprechend rechnen 38 Prozent derjenigen mit Kindern im Haushalt mit finanziellen Einbußen, aber nur 27 Prozent der Befragten ohne Kinder im Haushalt.

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