Thomas Fricke

Corona, Flüchtlinge, Bankencrash Die Mutter unserer Krise

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
In jeder Krise heißt es, dass nichts mehr so sein wird wie vorher. Unsinn. Wirklich epochal ist allerdings die Finanzkrise. Das zeigt der Zusammenbruch der marktliberalen Rhetorik.
Skyline von Frankfurt: Die Finanzkrise hat die Koordinaten und die Begriffe verschoben

Skyline von Frankfurt: Die Finanzkrise hat die Koordinaten und die Begriffe verschoben

Foto: Boris Roessler/ dpa

Früher war weniger historisch. Weniger als heutzutage, wo es manchmal so wirkt, als würden sich Krisen geschichtlicher Dimension die Klinke in die Hand geben. Mal 9/11, mal Dotcom-Crash. Mal Euro-, mal Bankenkrise. Mal Immo-Crash, mal Brexit. Und mal Trump. Dazu die eine oder andere Klimakrise. Und wo es jedes Mal heißt, dass danach nichts mehr so sein wird wie vorher (was erstaunlich oft dann gar nicht so ist).

Wie nach der Krise vor fünf Jahren, als Hunderttausende Flüchtende nach Deutschland kamen. Oder jetzt, wo die (berechtigte) Angst vor einem Virus innerdeutsche Reisebeschränkungen nach sich zieht - 30 Jahre nach Abbau der Grenzanlagen.

Auch wieder historisch. Ohne Zweifel. Man könnte der Einfachheit halber künftig nur noch all jene Jahre als historisch einstufen, die wir ohne größere Krise zum Abschluss bringen.

Einziger Haken: dass sich vor lauter Historischem schwer erkennen lässt, was wirklich historisch nachwirkt - und nicht nur als noch so eindrucksvolles, oft furchtbares Datum in den Geschichtsbüchern bleibt. Das zeigt sich oft ja erst nachher. Und gut möglich ist, dass am Ende von den vielen Krisen der vergangenen Jahre vor allem eine als wirklich historische Wende spürbar bleibt: die große Finanzkrise von 2007/2008.

Darauf deuten schon seit geraumer Zeit etliche Studien hin. Was aber in seiner kollektiv-psychologischen Wucht in Deutschland womöglich bisher stark unterschätzt wurde, wie eine Analyse zum Auf und Ab in der Nutzung neuralgischer ökonomischer Begriffe rund um eben diese Krise nahelegt.

Dass historische Schocks per se weit weniger Nachwirkungen haben können, als es inmitten der akuten Krise den Anschein hat, zeigt sich womöglich selbst an Beispielen wie den horrenden Terrorattacken vom 11. September 2001. Klar weiß jeder, der damals schon bei Bewusstsein war, was er in dem Moment gemacht hat. Außen- und sicherheitspolitisch hat das Ereignis stark nachgewirkt, zu absurden Kriegen geführt. Und klar, es gab darauf eine Menge Reaktionen: an Flughäfen noch härtere Sicherheitsstandards und in Firmen mehr Vorsichtsplanung.

Der Mensch kehrt schnell wieder zu altem Verhalten zurück

Nur: Im (wirtschaftlichen) Alltag von Amerikanern oder bei uns ist dann doch nicht so endlos viel anders geworden. Die USA überwanden so gut wie sofort ihre kleine Rezession, an den Börsen ging es bald historisch munter weiter. Es wurde auch bald wieder geflogen, als wenn nichts gewesen wäre - und mehr noch: sogar mit jährlich neuen Rekorden (bis Corona).

Wobei angesichts des Partygeschehens der vergangenen Wochen auch in Sachen Corona zu  vermuten ist, wie schnell der Mensch nach Ende der Pandemie wieder das macht, was er vor der Pandemie gemacht hat. Handschlag.

Selbst nach der Flüchtlingskrise von 2015 - damals ebenfalls als Danach-wird-alles-anders-Ereignis eingestuft - ist trotz aller Probleme das allermeiste im Land immer noch wie vorher. Auch da musste erst Corona kommen, um etwa die schwarze Null zu kippen. Und es ist ja auch eher Quatsch, dass just seither der Populismus Einzug gehalten hat, wie gelegentlich geleitartikelt wird - den gab es zeitgleich ja auch in den USA und Großbritannien, wo es wiederum gar kein 2015 gab. Das muss andere Gründe haben. Hat es auch.

Womit wir bei der großen Finanzkrise sind. Wer die heutige Krise der Demokratien verstehen wolle, müsse beim Crash 2008 anfangen, schreibt Philip Stephens von der "Financial Times" in einer eindrucksvollen Analyse diese Woche.

Karriere der Begriffe

Zwar habe es schon vorher eine Menge Bruchstellen und soziale Ungleichheit gegeben. Der Crash habe aber kristallisiert, was sich "durch den Laissez-faire-Kapitalismus, die technologischen Brüche und die Globalisierung" an mangelnder Fairness schon über Jahre gesammelt habe. Damit sei in den USA der American Dream und in Europa das Versprechen der sozialen Marktwirtschaft gekippt, spätestens als etliche Regierungen auf den Bankencrash auch noch damit reagiert hätten, Austerität zu betreiben, also Leistungen für Leute zu kürzen, die an der Krise keine Schuld hatten.

Wie schnell das auch in Deutschland den bis dahin herrschenden Glauben an die Wunderwirkung einer möglichst freien Wirtschaft und Finanzwelt gekippt hat, lässt sich via Sprachdiagnose erahnen - etwa wenn man mittels Google Ngram  über längere Zeiträume ermittelt, wie häufig neuralgische Wörter aus der marktliberalen Hochzeit im Laufe der Jahre in Büchern vorkommen - ob Begriffe wie Eigenverantwortung und Deregulierung oder einfach Markt, Wettbewerb und Aktien. Mit atemberaubendem Ergebnis.

Für fast alle Zauberwörter gilt, dass sie seit etwa Anfang der Achtzigerjahre und mit dem Durchbruch von Ronald Reagan und Margaret Thatcher zu regelrechten Höhenflügen ansetzten. Was nicht nur fachliche  Debatten spiegeln dürfte, sondern auch, wie sehr solche Begriffe dann in Alltagsgebrauch und Kultur eingehen.

Noch eindrucksvoller ist: dass es bei allen ziemlich exakt in ein und demselben Jahr zum Bruch kam - und zum Abstieg: just in jenem Jahr 2008, als nach etlichem Kriseln mit der Pleite von Lehman Brothers die große Systemkrise begann - und überall die Wirtschaft zu kollabieren drohte. Mehr noch: Seither ist es auch vorbei mit den einstigen Starbegriffen. Seither ist out, von Eigenverantwortung und Deregulierung oder Markt und Aktien zu quasseln. Kulturbruch.

Ein Modephänomen? Eher unwahrscheinlich. Es spricht mehr dafür, was Philip Stephens auch für die USA und andere Länder diagnostiziert: dass das Dogma von der marktliberalen Wunderwirkung eh damals schon wankte, angesichts etlicher Aktien- und Asienkrisen und auseinanderdriftender Einkommen wie Vermögen. Der Finanzcrash von 2008 war demnach dann der Schock, der das Leitbild endgültig kollabieren ließ. Ohne dass lange Zeit spürbar war, wie sehr dies im kollektiven Bewusstsein schon durch war.

Die Erfahrung lehrt: Große Paradigmen kippen dann, wenn die Wirklichkeit zu sehr mit dem kollidiert, was die Heilslehre beschreibt. Was 2008 der Fall war, als klar wurde, dass die bis dahin als so effizient geglaubten Banken und Finanzmarktakteure die größte Krise seit Jahrzehnten verbockt hatten. Und dass, just ein paar Jahre nachdem in Deutschland unter dem marktliberalen Label Agenda 2010 noch Leistungen für Leute gekürzt worden waren, die ohnehin eher weniger hatten, plötzlich Geld zur Rettung von Leuten da war, die ein Vielfaches verdienten.

So bricht das Vertrauen in politische Systeme und herrschende Institutionen.

"Historiker werden den Kollaps des Bankensystems als das wichtigste geopolitische Ereignis zu Beginn des Jahrhunderts werten", schreibt Philip Stephens. Und es wird eine Menge Anstrengungen brauchen, allen wieder eine Chance zu geben, um das Vertrauen in Politik zurückzugewinnen.

Ein wirklich historischer Moment.