Thomas Fricke

Coronavirus Gebt den Risiko-Urlaubern lieber eine Prämie fürs Testen

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Gerechtigkeitsapostel fordern, dass Rückkehrer aus Risikoländern ihren Corona-Test gefälligst selbst zahlen. Als gälte es, Fehlverhalten zu strafen. Eine gefährliche Idee.
Covid-19 Testzentrum für Reiserückkehrer im Flughafen Frankfurt

Covid-19 Testzentrum für Reiserückkehrer im Flughafen Frankfurt

Foto: Ralph Peters / imago images

Es gibt Eigenschaften, die scheinen zum seelischen Kulturgut eines Landes zu gehören. Bei uns etwa, dass immer ziemlich schnell gefragt wird, was irgendetwas kostet - noch bevor ermittelt wird, ob die betreffende Ausgabe vielleicht sinnvoll ist und das Geld am Ende lohnt. Sonst wäre es bei uns ja nicht so lange populär gewesen, dass der Finanzminister eine schwarze Null hat, statt Geld in Schulen, Straßen oder den Klimaschutz zu investieren.

So lässt sich womöglich erklären, warum es gerade viel Aufregung darüber gibt, dass Rückkehrer aus dem Urlaub den angeratenen Corona-Test von der Regierung kostenfrei bekommen, wenn sie in Covid-19-Risikogebieten waren – statt den mal gefälligst selbst zu bezahlen, wenn sie schon Corona-Abenteuerreisen machen müssen.

Klarer Fall für die Sittenwacht? Möglich. Jedenfalls im Land des Da-könnte-ja-jeder-kommen. Dabei könnte es für die Allgemeinheit viel heikler sein, nur noch Tests gegen Eigenleistung machen zu lassen.

Es ist schon eher unwahrscheinlich, dass es so viele Abenteurer gibt, die aus niederem Kalkül in Gegenden mit viel Corona gefahren sind, um ihren Corona-Test danach mal schick von der Allgemeinheit zahlen zu lassen. Zumal ja erst seit Kurzem feststeht, dass es wieder vermehrt Risikogebiete gibt und welche das sind. Menschen, die nun aus Spanien zurückkehren, wurden noch im Juni animiert, mal wieder auf die Insel zu fahren. Als nicht absehbar war, dass sich etwa in Katalonien nun wieder so viele mit dem Virus angesteckt haben.

Es ergibt keinen Sinn, Leute für etwas zu bestrafen, wofür sie nichts können. Und wer sich gerade an deutsche Strände geklemmt hat, ahnt auch, dass es grundsätzlich schon nicht so schlecht war, dass wenigstens der eine oder andere doch noch auswärtig verreist ist. Zumal das dort ja auch Existenzen sichert.

Wie tückisch die Moralforderung nach kostenpflichtigen Corona-Tests am Ende sogar wirken könnte, lassen erste Studien zur Testbereitschaft im Volk erahnen. In einem Feldexperiment prüften Nora Szech vom Karlsruher Institut für Technologie und Marta Serra Garcia von der University of California  bei knapp 2000 Probanden aus den USA, wie viel Geld jeder und jede Einzelne bereit waren, für einen Corona-Antikörpertest zu zahlen. Dabei durften die Testpersonen unter realen Bedingungen wählen, entweder den Test zu machen oder einen Gutschein zum Einkaufen bei einer größeren Onlineplattform zu erhalten. Wobei die Höhe des Gutscheins variierte – zwischen knapp über null und 30 US-Dollar. Prinzip: Wer bis zu 30 Dollar Gutschein ausschlug, um sich dafür testen zu lassen, war offenbar bereit, eben diesen Preis zu zahlen.

Besonders wichtig für Geringverdiener und Trump-Wähler

Das Ergebnis: Rund 80 Prozent der Befragten wären willens und bereit, sich auf Antikörper testen zu lassen, wenn das mit keinen nennenswerten Kosten verbunden ist. Ein ziemlich hoher Wert, wie die beiden Wissenschaftlerinnen schreiben. Das deckt sich mit anderen Erhebungen, wonach eine ziemlich große Mehrheit der Menschen in den USA wie in Deutschland hinter derartigen und anderen strengen Maßnahmen steht, um die Pandemie einzudämmen.

Das Tückische: Mit jedem Dollar, den die Tests im Experiment teurer wurden, ließ die Testbereitschaft rapide nach. Bei einem Preis von – lediglich – 10 Dollar wollten schon nur noch rund 60 Prozent mitmachen. Kostete der Test 30 Dollar, sank die Bereitschaftsquote auf bis zu 20 Prozent. Das war dann der Fall, wenn den Probanden zudem eine lediglich 50-prozentige Wahrscheinlichkeit zugesichert wurde, bei einem positiven Ergebnis auch immun zu sein.

Wie die Detailauswertungen von Szech und Serra-Garcia ergaben, sinkt vor allem bei denen die Bereitschaft (und Möglichkeit), sich auf Covid-19 testen zu lassen, die geringere Einkommen haben. Bei Trump-Anhängern ist sie ohnehin per se niedriger. Wobei beide Gruppen zu denen zählen, die besonders gefährdet sind und am ehesten getestet werden müssten. Die erste, weil das Virus finanziell Schwache eher trifft; die zweite, weil sie auf Trump hören und lange keine Masken getragen haben.

Es spricht viel dafür, so die Ökonomin Nora Szech, dass die Bereitschaft in der Tat sehr schnell aus finanziellen Gründen nachlasse – obwohl in dem Experiment der beiden Wissenschaftlerinnen die Preise an sich nicht exorbitant hoch angesetzt wurden. Und dass die Ergebnisse in Deutschland und für Coronavirus-Tests ähnlich ausfallen würden, darauf deuteten Umfragen hin. Immerhin müsse der eine oder andere sich zur Sicherheit dann ja auch mehrmals testen lassen oder wolle die ganze Familie mitnehmen. Da komme einiges zusammen.

Dazu könnte kommen, dass die Menschen bei aller Grundbereitschaft womöglich den Nutzen zu gering bewerten, den das Testen in Summe bringt. Weil der Wert solcher Tests sich erst entfaltet, wenn (viele) andere mitmachen, etwa so wie bei den Masken, deren Tragen auch nur dann effizient gegen Ansteckung hilft, wenn sich so gut wie alle daran halten. Nur wenn viele sich testen lassen, gibt es auch hinreichend Erkenntnis darüber, wo neue Hotspots drohen. Und nur dann können Gesundheitsämter entsprechend schnell agieren, um eine fatale Ausbreitung wie dereinst in den norditalienischen Städten zu verhindern.

Im Vergleich wie Taschengeld

Wenn gerade in Risikogruppen bei steigenden Preisen die Bereitschaft derart schnell nachlässt, sich auf das Corona-Virus testen zu lassen, ist es eine ziemlich bescheuerte Idee, für Wen-auch-immer belehrende Kosten zu veranschlagen - ob Urlaubsrückkehrer oder nicht. Zumal die Kosten für solche Tests im Bundesmaßstab eher wie Taschengeld wirken, verglichen zu den dreistelligen Milliarden, die gegen Firmenpleiten und Rezession mobilisiert werden.

Umso wichtiger, so Nora Szech, dass Krankenkassen oder Staat die Testkosten tragen. Es könnte sogar Sinn ergeben, darüber nachzudenken, den Leuten, die sich testen lassen, noch Geld dafür zu geben, schreiben die Wissenschaftlerinnen.

Warum nicht? Vielleicht sind dann auch die restlichen 20 Prozent bereit, sich testen zu lassen, die es im Experiment selbst bei Gratistests nicht machen wollten. Zumal es umgekehrt eher unwahrscheinlich ist, dass dann busseweise Leute in Risikogebiete reisen – nur weil es bei der Rückkehr eine Coronatest-Belohnung gibt.

Sollte das Risiko von neuen Infektionswellen dank des einen oder anderen kleinen finanziellen Anreizes spürbar nachlassen, wäre das Geld gut angelegt. Dann hätte sozusagen auch der Steuerzahler eine Menge davon. Auch wenn das den Neidreflex gelegentlich aktiviert – und am Anfang ein bisschen kostet.

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