Thomas Fricke

Anreiz zur Herdenimmunität Ein Hunderter für jeden, der sich impfen lässt

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Noch gibt es mehr Impfwillige als Impfdosen. Das könnte sich aber schon bald umkehren. Zeit für einen ordentlichen Bonus, um die Pandemie zu stoppen.
Menschen warten vor einem Impfzentrum in Hamburg

Menschen warten vor einem Impfzentrum in Hamburg

Foto: xim.gs / imago images

Noch verzweifeln Menschen an Hotlines, in denen Termine vergeben werden. Noch leben Eltern in Sorge, weil sie als nicht prioritär eingestuft sind, obwohl die Kinder das Virus offenbar jetzt öfter aus der Schule mitbringen. Noch bekommen Geimpfte Neid zu spüren. Und noch gibt es eben nicht genug Impfdosen für alle, die wollen.

Und doch ist zu erahnen, dass in diesen Wochen allmählich etwas ganz anderes droht: dass bald täglich teils weit mehr als eine Million Dosen verfügbar sind – sich aber gar nicht mehr so viele impfen lassen wollen. Früher oder später. Und das bevor jene Herdenimmunität erreicht ist, die nötig ist, um die Pandemie zu stoppen. Dann würde es sich lohnen, schon jetzt alles vorzubereiten, was viele Noch-nicht-Geimpfte dazu bewegen könnte, sich doch noch impfen zu lassen. Impfbonus fürs Volk.

Nach Schätzungen der beiden Forscher Sebastian Dullien und Andrew Watt dürften bis Ende Juni in Deutschland bereits alle, die wollen, eine Erstimpfung bekommen können. Darauf lassen die absehbaren Lieferungen schließen – unter der Annahme, dass drei von vier Menschen im Land sich impfen lassen wollen. Dann wären immerhin 54,5 der rund 70 Millionen Erwachsenen bis Ende Juli voll geschützt.

Ob dann wirklich noch drei von vier geimpft werden wollen, ist allerdings ebenso offen wie die epidemiologische Frage, ob 75 Prozent zur Herdenimmunität schon reichen. Je aggressiver mögliche Mutanten, desto höher muss die Quote der Geimpften sein, damit das Virus sich nicht mehr hinreichend übertragen kann.

Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts sagen aktuell zwar nur etwa vier Prozent der Deutschen, dass sie sich »in keinem Fall« gegen Covid-19 impfen lassen wollen – »auf jeden Fall« wollen das 72 Prozent. Was im günstigen Fall gerade reichen könnte. Gut möglich nur, dass es mit Abflauen der dritten Welle in den kommenden Wochen zunehmend mehr grundsätzlich Impfbereite gibt, die es mangels akuter Not doch nicht mehr so nötig finden, sich noch impfen zu lassen. Wie schnell die Bereitschaft in scheinbar besseren Zeiten nachlassen kann, ist derzeit in den USA schon zu beobachten. Wenn das öffentliche Leben sich normalisiert und die Alarmmeldungen nachlassen – warum dann noch impfen lassen?

Hinzu kommt, dass die Impfbereitschaft ohnehin in der Bevölkerung ziemlich unterschiedlich ausgeprägt ist – und gerade dort ohnehin eher schwach ausfällt, wo derzeit die größten Katastrophen passieren: in Stadtteilen, in denen vor allem sozial Benachteiligte leben.

Zu billig hilft nicht

Wie man die Bereitschaft wieder erhöhen könnte, hat die Karlsruher Verhaltensökonomin Nora Szech zusammen mit ihrer US-Kollegin Marta Serra-Garcia gerade in einer Studie  erforscht. Die beiden Wissenschaftlerinnen prüften in einem Onlineexperiment mit mehr als tausend Testpersonen in den USA, was die Bereitschaft, sich (mit Pfizer-Biontech) impfen zu lassen, positiv beeinflusst. Dabei prüften sie vor allem zwei Faktoren: zum einen, was es bewirkt, wenn die Leute zu festen Terminen eingeladen werden – statt danach fragen zu müssen; und zum anderen, welchen Einfluss es hat, wenn den Betreffenden fürs Impfen zwischen 20 und 500 Dollar als Belohnung angeboten werden.

Ohne Nachhelfen reagierten die Leute wie im realen Leben: Von allen, die keinen dieser Anreize bekamen, wollten sich in dem Experiment knapp 70 Prozent impfen lassen. Wurden den Impfkandidaten gleich feste Termine zugeschickt, die sie absagen oder verstreichen lassen mussten, stieg die Bereitschaft um 5 bis 6 Prozentpunkte – auf mehr als 70 Prozent. Gab es dazu noch eine finanzielle Belohnung, steigerte das die Freude noch deutlich mehr. Wobei der Effekt erst bei einer bestimmten Summe einsetzt. Kurios, aber wahr: Gibt es relativ bescheidene 20 Dollar für den doppelten Schuss, lässt die Bereitschaft sogar nach – auf unter 60 Prozent. Was Nora Szech mit einem Phänomen erklärt, das Verhaltensökonomen schon länger bekannt ist: Werden zutiefst moralische Motivationen in Geld gefasst, verlieren sie für viele Menschen erst einmal ideell an Wert. So sind wir halt, liebe Freunde der Vergeldlichung des Lebens.

Der Idealismus lässt allerdings ab bestimmten Beträgen dann doch nach. Eine Prämie von 100 Dollar wirkt schon deutlich stimulierend auf die Impfbereitschaft. Wird zugleich der Termin angeboten, sind plötzlich 80 Prozent bereit, sich schützen zu lassen. Gibt es für den zweifachen Pieks 500 Dollar, steigt die Impfquote sogar auf knapp 90 Prozent – ein Wert, der auch im Falle hartnäckigerer Mutanten zur Herdenimmunität völlig reichen sollte. Die restlichen zehn Prozent dürften wir ohnehin nicht erreichen, so Szech – was für Deutsche wie für Amerikaner gelten dürfte. Ist epidemiologisch dann auch nicht mehr nötig.

Jetzt könnten Anhänger gänzlich unbeeinflusster Willensbildung sagen, dass so etwas ja nicht richtig sein kann. Nur lässt sich so ein Geldeinsatz durchaus rechtfertigen. Wer nicht geimpft werden will, muss es auch nicht, und für den einen oder anderen mag es auch einfach nicht wichtig genug erscheinen. Was individuell legitim ist. Nur ist Impfen ja nicht nur ein Ego-Ding; es gilt eben auch, dass es in so einer Pandemie in Summe genügend Leute geben muss, die sich impfen lassen – um via Herdenimmunität die Gefahr zu stoppen. Und dann ist der gesellschaftliche Nutzen höher als die Summe der individuell empfundenen. Was es gesellschaftlich sinnvoll und im Zweifel nötig macht, nachzuhelfen, um Schaden für alle abzuwenden (kleiner Hinweis für Friedrich Merz: Ökonomen sprechen hier von positiven Externalitäten).

In den USA gibt es schon etliche Firmen, die versuchen, ihre Belegschaft über solche und ähnliche Anreize zum Impfen zu animieren . Bei Lidl gibt es eine 200-Dollar-Impfprämie, bei der Supermarktkette Kroger einen Hunderter – was die Quote von 50 auf 75 Prozent getrieben hat. Auch in Deutschland macht Nora Szech spürbares Interesse aus – vor allem dort, wo es viele Kontakte gibt, wie in Krankenhäusern, mit denen die Wissenschaftlerin derzeit an der Umsetzung solcher Anreize arbeitet. Sinnvoll wären Boni auch für Mitarbeiter an Schulen oder bei Bus und Bahn.

Und warum nicht auch auf breiter Basis und für alle? Wenn die Ergebnisse des Experiments in etwa für Deutschland gelten, dürfte eine Prämie von etwa 100 Euro bei Terminvormerkung dazu führen, dass sich rund acht Millionen Menschen zusätzlich impfen lassen. Was nach Adam Riese 800 Millionen Euro an Prämien kosten würde – nicht viel, wenn man bedenkt, dass der Finanzminister coronabedingt dieses Jahr netto 240 Milliarden Euro neue Schulden aufnehmen muss und wir so womöglich den entscheidenden Herdenschutz erreichen.

Selbst wenn dann Prämienneid bei denen aufkommt, die sich vorher schon ohne Geld haben impfen lassen, ließe sich das vertreten. Sollen die halt im Nachhinein noch den Bonus bekommen. Macht bei einer Impfquote von 80 Prozent etwa 5,6 Milliarden Euro. Auch das würde uns nicht in den Abgrund ziehen. Ist ja nicht immer Pandemie. Dafür eine schöne Geste.

Warum sollten unsere Regierenden nicht ein bisschen etwas springen lassen für alle, die sich haben impfen lassen – als Belohnung für gesellschaftliches Engagement? Und als Gutmachung dafür, dass sie uns durch den eigens verbaselten Impfstart so unnötig lange in Angst und Lockdown versetzt haben? Her mit dem Impfbonus!