Corona-Hoffnungsträger Curevac Deutschlands stille Reserve

Rein rechnerisch hat sich der Einstieg des Bundes beim Biotechunternehmen Curevac schon gelohnt. Ob die Wette auf eine baldige Covid-19-Impfung aufgeht, ist völlig offen.
Von Ines Zöttl, Washington
Curevac-Zentrale in Tübingen

Curevac-Zentrale in Tübingen

Foto: THOMAS KIENZLE / AFP

Der deutsche Steuerzahler hat am Freitag einen Gewinn von über einer Milliarde Euro gemacht. Zumindest auf dem Papier. Bei ihrem Debüt an der New Yorker Börse ging die Aktie des Biotechunternehmens Curevac, bei dem der Bund erst vor zwei Monaten eingestiegen war, in den Steilflug. Am Ende des Handelstags notierte sie bei fast 60 Dollar, umgerechnet 47 Euro. Die deutsche KfW hatte nur rund zehn Euro je Aktie bezahlt, als Deutschland mit seiner 300-Millionen-Euro-Beteiligung der Trump-Regierung zuvorkam.

Doch die Bundesregierung setzt mit dem Einstieg bei Curevac nicht auf kurzfristigen Spekulationsgewinn, sondern auf eine Wende im Kampf gegen das Coronavirus. Das Tübinger Unternehmen, das in seiner 20-jährigen Geschichte noch kein einziges Präparat auf den Markt gebracht hat, gilt als Hoffnungswert bei der Jagd nach einem Schutz vor der Pandemie. Es ist ein Rennen gegen die Zeit - aber auch eines der innovativen Start-ups gegen die etablierten Pharmagiganten, denen die Regierungen mit Milliardenzahlungen und politischem Druck Tempo machen. Fast 170 Laborprojekte weltweit zählt die Weltgesundheitsorganisation, 29 Kandidaten werden klinisch erprobt, sechs davon haben es schon in die letzte Phase geschafft, in der ein Wirkstoff über längere Zeit an Tausenden Menschen getestet wird. Russland hat sich diesen zeitraubenden Zwischenschritt geschenkt und seine vermeintliche Wunderwaffe "Sputnik V" im Schnellverfahren zugelassen. Präsident Wladimir Putin hatte den Russen den Erfolg versprochen. Also musste er her.

Curevac liegt in dem prestige- und umsatzträchtigen Wettkampf bislang nicht im vordersten Feld, die klinischen Test sind erst im Frühsommer angelaufen. Die Börsianer des ersten Handelstags aber haben sich davon nicht abschrecken lassen.

Die Biotech-Sparte erlebt in der Pandemie eine Blüte sondergleichen. In den knapp acht Monaten dieses Jahres emittierte der Sektor in den USA schon Aktien im Wert von fast zehn Milliarden Dollar, mehr als im gesamten Vorjahr.

  • Der Biotechnologie-Index der Nasdaq ist in diesem Jahr um elf Prozent gestiegen, verglichen mit einem Plus von nur vier Prozent des breiten Unternehmensindex S&P 500.

  • Zu den heißen Favoriten der Investoren gehört Moderna. Die Marktkapitalisierung des Newcomers aus der Eliteuni-Stadt Cambridge, Massachusetts, hat sich seit Jahresanfang auf 27 Milliarden Dollar fast vervierfacht. Auch Moderna hat seit seiner Gründung 2010 noch kein Medikament auf den Markt gebracht. Trotzdem setzen nicht nur die Anleger, sondern auch die Trump-Regierung auf seinen potenziellen Impfstoff, der derzeit in einer Studie mit 30.000 Teilnehmern erprobt wird. Die USA haben einen Vertrag über die Lieferung von 100 Millionen Einheiten geschlossen. Jede Dosis kostet nach Berechnung von Goldman Sachs fast 25 Dollar, was das Produkt in spe zum teuersten der mit der "Operation Warp-Geschwindigkeit" von der US-Regierung mitfinanzierten Präparate macht.

  • Auch die Mainzer Firma Biontech hat zusammen mit ihrem großen US-Partner Pfizer einen Impfstoff im Bevölkerungstest. Mit 15 Dollar hat das Unternehmen im Herbst 2019 seine Börsenkarriere begonnen. Heute notiert es um die 70 Dollar.

  • Noch rasanter ging es beim Kurs des Konkurrenten Novavax aus dem US-Bundesstaat Maryland ab: plus 3000 Prozent seit Jahresanfang.

  • Dass auch Biotech-Werte Risiken bergen, demonstriert allerdings das Beispiel Inovio Pharmaceuticals. Als die Forschungsdaten Zweifel an der Impfstoffentwicklung des einstigen Lieblings aufkommen ließen, sauste die Aktie flott wieder nach unten.

Brad Loncar, CEO von Loncar Investments, sieht die Begeisterung der Amateuranleger für "Virus-Aktien" daher mit einer Portion Skepsis. Weil die Pandemie so allgegenwärtig sei, verzichte mancher darauf, Bewertungen und Umsatzchancen genauer zu prüfen. "Viele Leute werfen aufgrund von Überschriften Geld in den Markt. Nicht jedes Unternehmen verdient das", warnt der auf den Medizinsektor spezialisierte Vermögensexperte. Loncar hält es für "weit offen", wer am Ende wirklich als Sieger aus dem Rennen hervorgeht. Auch bei den weit vorangeschrittenen Projekten sei der Erfolg längst nicht sicher. "Noch ist keines der Unternehmen am Ziel. Und wir wissen nicht, welcher Impfstoff wirklich gut sein wird, welcher nur medioker, und welcher nichts taugt."

Aus Sicht des Experten spricht für Curevac vor allem ein Argument: Falls sich die neuartige Boten-RNA-Technologie des Start-ups tatsächlich bewähre, könnte sie in Zukunft auch gegen andere Erkrankungen wie Krebs eingesetzt werden. Erst einmal allerdings rechnet er mit einem "richtigen Zirkus" an der Nasdaq. Denn mit 13 Millionen Aktien gelange nur eine sehr kleine Zahl Aktien in den Publikumsverkehr. Heftige Schwankungen sind programmiert.

Tatsächlich behalten die Großaktionäre den Daumen drauf. Der SAP-Mitgründer Dietmar Hopp hält auch nach dem Börsengang rund 50 Prozent an Curevac. Der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline ist mit über acht Prozent und die KfW mit knapp 17 Prozent beteiligt. Dass die Bundesregierung nach der Stillhaltefrist diese Beteiligung gewinnbringend versilbern wird, ist wenig wahrscheinlich. Im Gegenteil: die ungewöhnliche Aktion der Bundesregierung werde Schule machen, glaubt Loncar. Denn mit der Pandemie seien Biotechfirmen für die Nationen zum Baustein der nationalen Sicherheit geworden.

Aus dem Milliardenprofit für den Steuerzahler wird also vorläufig nichts.

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