Beschaffungslücke Bundesregierung kauft angeblich Millionen Impfdosen nach

Der Bundesregierung wird vorgeworfen, zu wenig Impfstoff gesichert zu haben. Laut einem Medienbericht versucht sie nun, weitere Dosen zu beschaffen - unklar bleibt, wie schnell.
Impfspritze (Symbolfoto): Ziel ist die Herdenimmunität

Impfspritze (Symbolfoto): Ziel ist die Herdenimmunität

Foto: Karl-Josef Hildenbrand / dpa

Die Bundesregierung soll größere Mengen Corona-Impfstoff nachgeordert haben. Das berichtet  die »Bild am Sonntag« unter Berufung auf das Bundesgesundheitsministerium.

Die Regierung steht in der Kritik, bislang zu wenig Impfstoff für Deutschland gesichert zu haben. Nach SPIEGEL-Informationen hatte sie sich bislang komplett auf die Einkaufspolitik der EU verlassen. Diese wiederum hatte etwa 340 Millionen Dosen Impfstoff ausgeschlagen – offenbar auch um Bestellungen bei Herstellern aus verschiedenen EU-Ländern im Gleichgewicht zu halten.

Nun hat sich die Bundesregierung offenbar in Teilen zu einem nationalen Alleingang entschieden. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums soll Deutschland genug Impfstoff erhalten, um im kommenden Jahr 68 Millionen Bürger gegen Covid-19 zu impfen. Damit wäre dann das Ziel einer Herdenimmunität erreicht.

Wie schnell die Dosen kommen, ist unklar

Laut »Bild am Sonntag« sollen über den EU-Schlüssel 55,8 Millionen Biontech-Dosen an Deutschland gehen. Das wären rund elf Millionen mehr als bisher bekannt war. Hinzu kommen 30 Millionen Dosen, die die Bundesregierung nun bilateral nachbestellt habe. Wie schnell diese Dosen kommen werden, ist jedoch unklar.

Weiter heißt es in dem Bericht, Deutschland erhalte über den Einkauf der EU angeblich 50,5 Millionen Impfstoffdosen der Firma Moderna. Allerdings hat die EU für alle Mitgliedsländer zusammen nur 160 Millionen Dosen bestellt. Deutschland stehen davon 18,6 Prozent zu, also 29,7 Millionen Dosen. Und nur die Hälfte davon im ersten Halbjahr. Die Bundesregierung wolle zudem auch hier bilateral nachordern.

Sowohl der Moderna- als auch der Biontech-Impfstoff wird laut Gesundheitsministerium komplett im Jahr 2021 an Deutschland ausgeliefert. Wann genau, ließ das Ministerium indes offen. Laut derzeitigem Stand rechnen Experten eher mit Lieferungen im zweiten Halbjahr. Die Bundesrepublik müsste demnach wohl länger im pandemischen Ausnahmezustand bleiben, als Länder wie JapanKanada oder Hongkong, die sich frühzeitig größere Impfstoffmengen gesichert hatten.

Die Regierung baut zudem auf weitere Impfstoffe, die bisher noch keine Zulassung haben:

  • Über den EU-Verteilschlüssel sollen 42 Millionen Dosen des Herstellers Curevac nach Deutschland kommen. Hinzu kommen laut »Bild am Sonntag« noch einmal 20 Millionen Dosen auf nationaler Ebene.

  • Vom Impfstoff der Firma AstraZeneca erhalte Deutschland über den EU-Schlüssel 56,2 Millionen Dosen,

  • vom Impfstoff der Firma Johnson & Johnson bekomme Deutschland einmal 37,25 Millionen Dosen.

Wie zuverlässig diese weiteren Lieferversprechen sind, ist derzeit unklar. Die Firma AstraZeneca zum Beispiel war zuletzt in die Kritik geraten, weil sie in einer Auswertung die Daten zweier Studien einfach zusammengefasst hatte. Die Wirksamkeitsrate des AstraZeneca-Impfstoffs könnte frisiert worden sein.

Die aktuelle Unsicherheit hätte gar nicht erst entstehen müssen. Nach SPIEGEL-Informationen hatte Biontech der für alle Mitgliedstaaten zentral ankaufenden EU ursprünglich 400 bis 500 Millionen Dosen Impfstoff angeboten. Die Brüsseler Unterhändler bestellten jedoch nur 200 Millionen Dosen – mit einer Option auf 100 Millionen weitere, die aber erst später geliefert werden können.

Auch Moderna hatte der EU bis zu 300 Millionen Dosen angeboten. Die EU bestellte nur 80 Millionen – mit einer Option auf weitere 80 Millionen. »Wir hätten mehr bereitstellen können«, sagte Moderna-Chef Stephane Bancel dem SPIEGEL.

ssu