Produktionspanne bei Coronaimpfstoff Ausfall von Johnson & Johnson trifft Deutschland hart

Die US-Arzneimittelbehörde hat 60 Millionen Dosen des Coronaimpfstoffs von Johnson & Johnson für untauglich erklärt. Was bedeuten diese neuerlichen Turbulenzen für die deutsche Impfkampagne?
Fläschchen mit Coronaimpfstoff von Johnson & Johnson: Ausfall müsste mit doppelter Menge anderer Vakzinen kompensiert werden

Fläschchen mit Coronaimpfstoff von Johnson & Johnson: Ausfall müsste mit doppelter Menge anderer Vakzinen kompensiert werden

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San Francisco Chronicle/Hearst Newspapers via Getty Images / Hearst Newspapers via Getty Images

Wegen einer möglichen Kontamination im US-Werk des Auftragsfertigers Emergent müssen auf Anordnung der Arzneimittelbehörde FDA große Mengen des bereits produzierten Impfstoffs von Johnson & Johnson (J&J) vernichtet werden. Laut »New York Times« und CNN wurden rund 60 Millionen Dosen für unbrauchbar erklärt, und nur zehn Millionen Dosen werden freigegeben. Zudem bleibt das Werk vorerst weiter geschlossen.

Dies hat gravierende Folgen für Deutschland. »Die Lieferungen von Johnson & Johnson hängen maßgeblich von der Freigabe bereits produzierter Impfstoffe durch die FDA in den USA ab«, hatte das Bundesgesundheitsministerium Anfang Juni gegenüber dem SPIEGEL erklärt. »Sollte die Freigabe zeitnah erfolgen, können wir noch mit größeren Lieferungen rechnen.« Da die FDA nun aber nur etwa ein Siebtel der untersuchten Chargen freigegeben hat, dürften die Lieferungen an die Bundesrepublik entsprechend dünn ausfallen.

Die J&J-Vakzine sollte nach Plänen von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur zweitwichtigsten Säule der deutschen Impfkampagne werden: mit Lieferungen von 10,1 Millionen Dosen im laufenden Quartal. Bis Ende vergangener Woche waren davon aber nur gut 1,7 Millionen Portionen angekommen. Erst 1,25 Millionen Menschen wurde das Mittel verabreicht. Diese Ausfälle sind besonders schwerwiegend, weil J&J nur einmal gespritzt wird – und durch die doppelte Menge anderer Impfstoffe kompensiert werden muss.

»Ein Totalausfall von J&J würde bis Ende Juli fast neun Millionen zusätzliche andere Impfungen mit knapp 18 Millionen Dosen notwendig machen«, sagte Sebastian Dullien, der wissenschaftliche Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, dem SPIEGEL. »Dies könnte die Kampagne um bis zu einen Monat verzögern, sofern es keinen Ausgleich durch andere Impfstoffe gibt.«

Ein Ausgleich ist aber nicht in Sicht – im Gegenteil. Auch bei anderen Vakzinen zeichnen sich Engpässe ab.

  • Biontech wird seine Lieferungen von der zweiten Juliwoche an voraussichtlich wieder deutlich verringern. Zwar hat das Bundesgesundheitsministerium noch keine Zahlen hierzu veröffentlicht. Aber laut der französischen Regierung werden die Lieferungen für Frankreich vom 11. Juli an wieder auf das Niveau von Mai zurückgehen. Für Deutschland hieße es, dass dann um die 3,4 Millionen Dosen Comirnaty pro Woche geliefert werden. Im Juni hingegen sind im Durchschnitt mehr als fünf Millionen Dosen wöchentlich eingeplant .

  • AstraZeneca ist zuletzt schon wieder durch gravierende Lieferkürzungen und -verzögerungen aufgefallen. So sollte der Konzern dem Bund in der vergangenen Woche mehr als 2,4 Millionen Dosen Impfstoff bereitstellen; tatsächlich kam aber lediglich ein Viertel davon an. Insgesamt sollte AstraZeneca im zweiten Quartal 2021 mindestens 12,4 Millionen Portionen für Deutschland bereitstellen; bislang eingetroffen sind keine 5,3 Millionen. Und so wurden zuletzt im Tagesdurchschnitt nur noch etwa 56.000 Menschen hierzulande mit Vaxzevria geimpft. Vor drei Wochen waren es noch mehr als doppelt so viele.

  • Curevac wird noch monatelang keinen Impfstoff liefern – sofern die Vakzine überhaupt kommt. Laut einem Bericht des »Mannheimer Morgen« plant Spahn das Mittel angesichts massiver Probleme und wiederholter Verzögerungen bei laufenden Wirksamkeitsstudien gar nicht mehr für die laufende Impfkampagne ein. Sein Ministerium hat den Curevac-Impfstoff komplett aus den auf der Homepage veröffentlichen Lieferplanungen für 2021 gestrichen.

  • Moderna wird seine Lieferungen im Juli nur leicht steigern: von 622.000 auf 733.000 Dosen pro Woche. Das reicht nicht ansatzweise, um Ausfälle von Johnson & Johnson zu kompensieren.

Angela Merkel stören die unsicheren Impfstofflieferungen. »Wir haben für den Monat Juli noch kein klares Bild«, sagte die Bundeskanzlerin am Donnerstag über die Lieferungen. Zudem bereite ihr das exponentielle Wachstum der besonders ansteckenden indischen Delta-Variante in Großbritannien Sorgen.

Bislang sind 48 Prozent der Menschen in Deutschland mindestens einmal geimpft und gut ein Viertel vollständig immunisiert. Um weitgehend auf Coronamaßnahmen verzichten zu können, muss der Anteil der komplett Geimpften und Genesenen nach Angaben des Robert Koch-Instituts bei mindestens 80 Prozent liegen.

Sollte Johnson & Johnson nun aber weitgehend ausfallen, könnten laut IMK-Direktor Dullien erst Ende August um die 80 Prozent geimpft oder genesen seien – von den Erwachsenen, wohlgemerkt. Bei Kindern und Jugendlichen werde der Anteil noch weit niedriger liegen. Und im Herbst dürften Millionen Dosen Impfstoff für Auffrischungen gebraucht werden.

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