Zu wenig Impfstoff Kassenärzte warnen vor Biontech-Engpass

In den letzten beiden Maiwochen werden nur noch wenige Biontech-Erstimpfungen möglich sein, befürchtet die Kassenärztliche Vereinigung Hessen. Dies droht die gesamte deutsche Impfkampagne auszubremsen.
Biontech-Impfung in einer Praxis: Den Hausärzten droht der Stoff für Erstimpfungen auszugehen

Biontech-Impfung in einer Praxis: Den Hausärzten droht der Stoff für Erstimpfungen auszugehen

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Christoph Schmidt / dpa

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen warnt vor einem Stau bei Biontech-Impfungen. In den letzten beiden Mai-Wochen werde es »kaum Reserven für Erstimpfungen mit diesem Impfstoff geben«, schreibt die KV-Spitze in einem Brandbrief an ihre Mitglieder, der dem SPIEGEL vorliegt. »Aus Berlin ist zu hören, dass kaum mehr als ein Vial pro Praxis dafür zu erwarten sei.« In einem Vial, also einer Ampulle, befinden sich lediglich sechs, maximal sieben Dosen Comirnaty, wie der Biontech-Impfstoff heißt.

In ihrem Schreiben nennt die KV Hessen zwei Ursachen für den erwarteten Biontech-Mangel: Zum einen stehen in vielen Arztpraxen demnächst Zweitimpfungen an; daher »sollten Sie in der Phase bis Ende Mai vorrangig Zweitimpfungen mit Biontech durchführen«, rät die KV den Hausärzten in ihrem Brief vom 7. Mai. Denn Biontech wird wohl erst im Juni seine wöchentlichen Lieferungen spürbar steigern.

Arztpraxen bekommen weniger Biontech als Impfzentren

Zum anderen würden »die Impfzentren überflüssigerweise nach wie vor betrieben und bevorzugt mit diesem Impfstoff beliefert«, schreiben der KV-Hessen-Vorstandsvorsitzende Frank Dastych und sein Stellvertreter Eckhard Starke. »Schlimmstenfalls erleben wir sogar die oben beschriebene Situation, dass in unseren Praxen Zweitimpfungen ausfallen, während die Impfzentren lustig weiter Erstimpfungen durchführen.«

Sollten sich die Befürchtungen der KV bewahrheiten, würde die Impfkampagne ausgebremst: nicht nur in Hessen, sondern bundesweit.

Denn Comirnaty ist bundesweit mit einem Anteil von fast 75 Prozent der mit Abstand wichtigste Impfstoff. Und andere Bundesländer stehen vor ähnlichen Problemen: Die Biontech-Lieferungen werden bis Juni nicht mehr nennenswert zunehmen, viele Zweitimpfungen stehen an. Und die Arztpraxen sollen weniger Biontech-Impfstoff bekommen (1,579 Millionen Dosen pro Woche) als die Zentren (1,801 Millionen).

All das zusammen bedeutet: Biontech wird für Erstimpfungen kaum noch bereitstehen. Und auch im Juni wird Comirnaty Mangelware sein, wenn die Priorisierung wohl fällt oder Jugendliche geimpft werden sollten.

»Schlimmstenfalls erleben wir sogar, dass in unseren Praxen Zweitimpfungen ausfallen.«

Aus dem Schreiben der KV Hessen

Viele Hausärzte sind wütend. Denn sie haben die lange vor sich hindümpelnde Impfkampagne massiv beschleunigt: Seit sie mitspritzen, hat sich die Zahl der täglich verabreichten Dosen im Bundesdurchschnitt mehr als verdoppelt. Nun aber sehen sich die Praxen massiv benachteiligt.

»Hier rächt [...] sich die von uns immer kritisierte Politik«, schreibt die KV Hessen, »bei der das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und vor allem gewisse, an ihren Impfzentren klebende Landesregierungen die Regelversorgung quasi zum Resteverwerter gemacht haben.«

»Katastrophales Image«

Als »Resteverwerter« fühlen sich die Kassenärzte vor allem wegen AstraZeneca. Denn bei dessen Impfstoff Vaxzevria läuft die Aufteilung denkbar anders als bei Biontech. Während Deutschlands Impfzentren nach Plänen des Bundesgesundheitsministeriums diese und kommende Woche insgesamt nur knapp 173.000 Dosen bekommen, sollen die Praxen mehr als 2,7 Millionen Dosen des Stoffs verabreichen, den viele Patienten ablehnen.

»Auf der einen Seite steht ein guter und hochwirksamer Impfstoff, auf der anderen Seite ein katastrophales Image und die damit verbundenen Kollateralprobleme bei der Verimpfung in unseren Praxen«, klagt die hessische KV-Spitze. »Der zusätzliche Beratungsaufwand ist teilweise enorm und wird nicht abgebildet.« Pro verabreichter Dose kriegen die Praxen lediglich 20 Euro.

Deutschlands Impfkampagne stagniert schon fast

Die Impfzahlen dieser Woche deuten bereits an, wie groß die Probleme durch den Biontech-Mangel einerseits und die Unbeliebtheit von AstraZeneca andererseits werden können.

Obwohl die Hausärzte rund 50 Prozent mehr Impfstoffdosen zur Verfügung haben als in der vergangenen Woche, steigt die Zahl der Impfvorgänge bislang kaum. Und: Von den mehr als 1,4 Millionen bereitgestellten Dosen Vaxzevria haben die Praxen zwischen Montag und Donnerstag höchstens 600.000 Portionen verimpft. Wohl auch deshalb haben Bund und Länder die Priorisierung bei dieser Vakzine nun aufgehoben.

Es sei »an Absurdität kaum zu überbieten [...], wenn sich ehrenwerte Impfzentren und damit auch in erster Linie das hessische Innenministerium bei Vaxzevria erst einen schlanken Fuß und dann vom Acker machen«, schreiben die hessischen KV-Chefs in ihrem Brandbrief, »sich dann aber bei uns beschweren, wir würden den Impfstoff nicht genug verimpfen.«

Dennoch appelliert die KV Hessen an die Ärzte, AstraZeneca bei ihren Patienten einzusetzen – gerade jetzt, wo Biontech so knapp wird: »Wenn die Politik schon ihrer Verantwortung in der Pandemiebekämpfung nur unzureichend nachkommt, sollten wir versuchen, es im Interesse unserer Patienten und der Bekämpfung der Pandemie besser zu machen.«

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