Hermann-Josef Tenhagen

Coronagefahr in Pflegeeinrichtungen Wenn Angehörige zeitweise zurück nach Hause kommen sollen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Etwa jeder dritte Corona-Tote lebte in einem Heim. Viele Angehörige wollen die Pflegebedürftigen zeitweise wieder nach Hause holen. Welche Hilfen gibt es? Ein Überblick.
Foto: Rainer Droese/ imago images/localpic

In Heribert Maiers* Pflegeeinrichtung gibt es ein großes Problem. In dem Heim sind 21 Senioren an Covid-19 erkrankt. Sieben sind schon gestorben. Seine Kinder wollen ihn schützen. Isolieren oder gar herausholen - geht das überhaupt? Und wie wollen die Kinder dann den Alltag mit einem Schwerstpflegebedürftigen bewältigen?

Wie den Angehörigen von Heribert Maier geht es derzeit vielen. In Dutzenden von Senioreneinrichtungen bundesweit ist die Epidemie ausgebrochen. Jeder dritte Corona-Tote in Deutschland stammt aus solchen Unterkünften, vielleicht sind es sogar noch mehr, die Dunkelziffer ist vermutlich hoch. Weil sich hier Risikopatienten versammeln - älter, oft mit schweren Vorerkrankungen - ist die Rate tödlicher Verläufe besonders hoch.

Solche Nachrichten stellen die Angehörigen der Pflegeheimbewohner vor existenzielle Fragen:

  • Können sie ihre Eltern, Geschwister oder Partner kurzzeitig nach Hause holen, um sie vor dem Pandemie-Risiko zu schützen?

  • Ist der oder die Angehörige schon in Quarantäne? Und was heißt das für die häusliche Unterbringung?

  • Lassen sich die Pflegebedürftigen überhaupt noch Zuhause pflegen? Gibt es die richtigen Betten, Matratzen? Gibt es Rollstuhl und Sauerstoffflaschen? Sind an den Toiletten Haltegriffe?

Wer bis vor dem Pflegeheim die Angehörigen Zuhause hatte, der erfüllt vielleicht einen Teil der Voraussetzung schon. Für andere scheitert eine zeitweilige Pflege in Eigenregie hier oft.

Wer aber diese Voraussetzung erfüllen kann, vielleicht auch, weil der oder die Angehörige noch verhältnismäßig mobil ist, wer entschlossen ist, in der aktuellen Situation – für ein paar Wochen oder Monate vielleicht – den Angehörigen nach Hause zu holen, der sollte wissen, dass es dafür finanzielle Unterstützung gibt.

Foto: Oliver Berg/ DPA

Das Sozialgesetzbuch  wurde in den vergangenen Jahren gleich mehrfach geändert:

Wer ohne Vorankündigung in die Situation gerät, einen Angehörigen selbst pflegen, oder eine neue Pflegeinrichtung suchen, oder auch einen Angehörigen aus dem Pflegeheim nach Hause holen zu müssen, der kann sich in akuten Pflegenotfällen zehn Tage unbezahlt von der Arbeit freistellen lassen , um sich um die Angelegenheiten zu kümmern. Und zwar in jedem Betrieb, egal wie groß der ist. Eine Frist müssen Arbeitnehmer vorher nicht einhalten, aber dem Arbeitgeber schon eine schriftliche ärztliche Bescheinigung über die Pflegebedürftigkeit des Angehörigen vorlegen, wenn der das verlangt.

Sinnvoll ist es sicher, vorher schnell mit dem eigenen Arbeitgeber zu sprechen. Vielleicht sind Homeoffice-Regelungen möglich, mit denen Job und Pflege kurzzeitig unter einen Hut gebracht werden können.

Können Sie nicht arbeiten und zahlt der Arbeitgeber auch keinen Lohn, können Sie ein sogenanntes Pflegeunterstützungsgeld beantragen. Das sind 90 Prozent des ausfallenden Nettolohns, maximal allerdings 109 Euro am Tag. Achtung: Das Geld gibt es erst ab dem Tag des formlosen Antrags.

Beratungsstelle nutzen

Zehn Tage werden in vielen Fällen nicht reichen. Wie es weitergehen kann, dazu können Sie sich kostenlos bei einer Pflegeberatungsstelle  weiterhelfen lassen. Adressen bekommen Sie bei Ihrer Krankenkasse, es gibt eine Telefonhotline des Familienministeriums (030-20179131) und eine Datenbank des Zentrums für Qualität in der Pflege, in der Sie weitere Kontaktadressen finden. Die Beratungsstelle hilft Ihnen - vom Extra-Geld für Inkontinenz-Windeln über den behindertengerechten Umbau der Wohnung bis zum Antragsmarathon für Pflegeleistungen - weiter, zum Beispiel beim Pflegegeld .

Wenn man einen ambulanten Pflegedienst hat, der aber wegen Corona ausfällt, zahlt die Pflegekasse für die kommenden Monate auch die Hilfe von Personen, die nicht pflegerisch geschult sind. Also von Nachbarn oder Freunden, wenn die Angehörigen selbst nicht können. Zum Beispiel, weil die Frau ihren pflegebedürftigen Mann nicht heben oder wenden kann. Voraussetzung ist normalerweise Pflegegrad 2.  Sprechen Sie mit der Pflegekasse, über die Finanzierung, auch über Ausnahmen.

In größeren Betrieben können Angehörige sich auch bis zu sechs Monate beurlauben lassen – aber ohne Einkommen. Für einen Rechtsanspruch auf Pflegezeit  muss Ihr Unternehmen mindestens 16 Beschäftigte haben.

Einen Ersatz für das weggefallene Einkommen gibt es nicht, eine automatische Krankenversicherung auch nicht, es sei denn, Sie sind bei einem Familienangehörigen familienversichert. Als absolute Nothilfe können Sie beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFza) ein zinsloses Darlehen beantragen.

Besser haben es Mitarbeiter in Firmen mit mindestens 26 Mitarbeitern. Sie können bis zu zwei Jahre in Familienpflegezeit gehen. Dafür reduzieren Sie die Arbeitszeit, gehen aber mindestens 15 Stunden in der Woche zur Arbeit.

Ist das Unternehmen noch größer, können Sie in einigen Fällen auch die Brückenteilzeit nutzen  und zeitweise Ihre Stunden reduzieren, zu anderen Zeiten aber dann wieder voll. Bei der Brückenteilzeit können Sie seit 2019, anders als in klassischen Teilzeitmodellen, am Ende der Teilzeitphase sicher wieder zur Vollbeschäftigung zurückkehren. Sie sind dabei nicht auf die Zustimmung des Arbeitgebers angewiesen. Vernünftige Absprachen schaden aber natürlich nicht.

Wer wegen der Pflege weniger Lohn bekommt, kann zumindest bei der Rente auch noch einen Ausgleich erhalten. Egal ob Sie deswegen Teilzeit arbeiten, ob Sie arbeitslos sind, Hartz IV empfangen oder selbst bereits in Rente sind.

Um mit der Pflegearbeit die Rente erhöhen zu können, muss der Mensch, den Sie betreuen:

  • mindestens Pflegegrad 2 haben oder höher.

  • Sie müssen an mindestens zwei Tagen in der Woche für insgesamt mehr als zehn Stunden helfen.

  • Und Sie helfen mindestens zwei Monate im Jahr.

Dann zahlt die Pflegekasse Ihnen dafür Rentenbeiträge - aber nur, wenn Sie ihr Bescheid geben. Ihr Rentenplus reicht von gut 5 Euro im Monat nach einem Jahr Hilfe bei Pflegegrad 2 bis hin zu 30 Euro zusätzliche Rente im Monat bei einem Jahr Hilfe bei Pflegegrad 5.

Das geht sogar für Pflegende, die selbst schon in Rente sind. Lassen Sie sich als Pflegender während der Pflegezeit statt als Vollrentner als 99-Prozent-Teilrentner einstufen. Dann verzichten Sie solange auf ein Prozent Ihrer bisherigen gesetzlichen Rente. Später aber bekommen Sie erheblich mehr an Rente .

Heribert Maiers Kinder sind selbst schon in Rente, gehen aber einen anderen Weg. Gemeinsam mit anderen Angehörigen verlangen Sie von der Heimleitung strengere Hygienemaßnahmen, einen besseren Personalschlüssel, Möglichkeiten der Angehörigen zu helfen und die Verpflichtung, die Arbeitsorganisation deutlich zu verbessern. Ein Konzept soll Anfang kommender Woche vorliegen.

*Name von der Redaktion geändert

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