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Weniger Praxisbesuche Kinderärzte fürchten Pleitewelle

In der Pandemie sind die Praxen von Kinderärzten viel leerer als sonst, sogar Vorsorgeuntersuchungen fallen aus. Mediziner sorgen sich um ihre berufliche Existenz – und um die Gesundheit der jungen Patienten.
aus DER SPIEGEL 9/2021
Besuch beim Kinderarzt: Auch aus Sorge vor Ansteckung scheuen viele Familien den Weg in die Praxis

Besuch beim Kinderarzt: Auch aus Sorge vor Ansteckung scheuen viele Familien den Weg in die Praxis

Foto: Sebastian Gollnow / dpa

Die niedergelassenen Kinderärzte in Deutschland fürchten angesichts der Corona-Pandemie um ihre berufliche Zukunft. Mehr als ein Drittel der Befragten sieht die eigene wirtschaftliche Existenz bedroht, 52 Prozent denken über den Abbau von Personal nach, 84 Prozent über die Reduktion von Stunden. Das ergab eine repräsentative Umfrage des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), die dem SPIEGEL vorliegt. Teilgenommen hatten 1066 niedergelassene Mediziner. Die Erhebung fand Anfang Februar statt.

Seit der Coronakrise gehen die Fallzahlen in den Praxen deutlich zurück, weil es aufgrund der Schutzmaßnahmen weniger akute Infektionskrankheiten gibt. Kurz: Kinder leiden seltener an Husten oder Schnupfen, wie die Mediziner berichten. Auch bleiben viele Familien vermutlich aus Sorge vor Ansteckung den Praxen fern. So ist die Zahl der Vorsorgeuntersuchungen im Januar 2021 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 14,2 Prozent gesunken, die der Impfungen um 26,2 Prozent, wie die Umfrage zeigt.

All das beschert den Kinderärzten deutliche Einnahmeausfälle. Im Vergleich mit anderen Facharztgruppen erzielen sie grundsätzlich eher niedrige Einkünfte. Auch bei Medizinern anderer Fachrichtungen und in Kliniken ist seit der Pandemie aber ein Rückgang der Patientenzahlen zu beobachten.

Verband warnt von Entwicklungsdefiziten bei Kindern

Die Bundesregierung hat 2020 einen »Schutzschirm« für die Arztpraxen aufspannen lassen. Das Programm läuft Ende März aus. Derzeit wird in der Großen Koalition über eine Verlängerung beraten, die nach ersten Entwürfen allerdings weniger umfangreich ausfallen könnte. Leidtragende könnten dabei vor allem die Kinderärzte sein, sollte es künftig keine Ausgleichszahlungen für ausgefallene Vorsorgeuntersuchungen oder Impfungen mehr geben.

In einem Brief bittet BVKJ-Präsident Thomas Fischbach Bundesgesundheitsminister Jens Spahn um Hilfe. »Wir werden unsere ohnehin knapp aufgestellten Ressourcen nach der Pandemie wieder dringend benötigen und können uns keine weiteren Praxisaufgaben leisten«, heißt es darin. Gerade die Jüngsten seien von der Pandemie stark betroffen. Zu beobachten seien schon jetzt »Entwicklungsdefizite wie Sprachentwicklungsverzögerungen, Übergewicht und eine Zunahme häuslicher Gewalt bei einem Teil der Kinder und Jugendlichen«.

cos
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