Anne Seith

Familienbonus im Konjunkturpaket Na vielen Dank!

Anne Seith
Ein Kommentar von Anne Seith
300 Euro Kinder-Bonus verspricht die Bundesregierung Familien. Das ist ähnlich hilfreich wie ein Blumenstrauß zum Muttertag - die tatsächlichen Belastungen lindert er kaum.
Familie in Kaufbeuren: Mit Kindern durch die Coronakrise

Familie in Kaufbeuren: Mit Kindern durch die Coronakrise

Foto: Karl-Josef Hildenbrand/ dpa

"Wumms" soll das Konjunkturprogramm haben, das die Große Koalition am Donnerstag beschlossen hat, so hat es Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) bei der dazugehörigen Pressekonferenz beschworen. Der "Wumms", über den sich Familien jetzt freuen dürfen, sind 300 Euro Kinderbonus pro Kind. Der soll nun "mit dazu beitragen, dass die Familien in diesem Land nach vorn blicken", so Scholz.

Im Ernst jetzt?

Natürlich kommt der Kinderbonus für viele Familien zur richtigen Zeit. Vielleicht können sich einige irgendwann das dringend notwendige Notebook leisten, damit die Kinder am virtuellen Unterricht teilnehmen können. Immerhin profitieren von dem Geld vor allem Haushalte mit geringerem Einkommen - denn der Bonus wird auf die Grundsicherung nicht angerechnet, muss steuerlich aber mit dem Kinderfreibetrag verrechnet werden - sodass Spitzenverdiener unterm Strich von dem Geld nicht mehr profitieren.

Homeschooling in Mardsen, Nordengland.

Homeschooling in Mardsen, Nordengland.

Foto: OLI SCARFF/ AFP

Aber am Grundproblem ändert das nichts: Dass nämlich etliche Schulen und Kitas nicht im Normalbetrieb laufen. Dass das noch Monate so weiter gehen kann. Dass diese Situation, nach allem was man weiß, nicht nur für Kinder, sondern auch für Frauen fatale, teure, langfristige Folgen haben kann. Und dass die Betroffenen sich damit ziemlich allein gelassen fühlen.

Hilfreich wie ein Kinogutschein zum Muttertag

Umfragen und Untersuchungen zeigen, dass vor allem Mütter die zusätzlich anfallende Betreuungsarbeit zu Hause übernehmen, dass sie beruflich in sehr viel höherem Maße zurückstecken als die Väter. Unter dem Hashtag #coronaelternrechnenab haben in den sozialen Medien einige von ihnen ausgerechnet, wie viel Betreuungs- und Schularbeit sie in den vergangenen Wochen übernommen haben. Einen normalen Stundenlohn vorausgesetzt, kamen sie oft auf viele Tausend Euro.

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Wissenschaftlerinnen des DIW haben außerdem gezeigt, dass Frauen am Arbeitsmarkt besonders von der Coronakrise betroffen sind. Weil sie unter anderem überdurchschnittlich oft in Branchen arbeiten, die aktuell stark leiden, etwa die Gastronomie oder der Kunst- und Kulturbereich.

Ein Kinderbonus von 300 Euro ist da ähnlich hilfreich wie Blumen oder ein Kinogutschein zum Muttertag, wenn den Rest des Jahres Mama die gesamte Hausarbeit allein erledigen darf.  

Hilfe für Alleinerziehende

Immerhin: Für Alleinerziehende hat das Konjunkturpaket ein weiteres Goodie parat. Auf Druck der CSU nämlich wurde der steuerliche Freibetrag für Alleinerziehende von 1908 Euro auf 4000 Euro erhöht, und das für zwei Jahre. Bei einem Bruttoeinkommen von 2000 Euro im Monat bedeutet das für eine Alleinerziehende oder einen Alleinerziehenden mit einem Kind eine jährliche Entlastung von rund 515 Euro, so hat es das Deutsche Steuerzahlerinstitut des Bundes der Steuerzahler ausgerechnet, rund 43 Euro im Monat.

0,75 Milliarden Euro sind für diesen Posten im Konjunkturpaket an Finanzbedarf kalkuliert - bei einem Gesamtvolumen von 130 Milliarden Euro.

Der Kinderbonus kostet 4,3 Milliarden Euro, für Um- und Ausbau von Kindergärten, Kitas, Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung werden insgesamt noch 3 Milliarden Euro lockergemacht. Sie können etwa in Umbauten zur "Verbesserung der Hygienesituation" oder die Digitalisierung der Schulen fließen.

Ein Kind geht einmal die Woche zur Schule, das andere wenige Stunden pro Tag

Natürlich kann man argumentieren, dass ein Konjunkturprogramm vornehmlich die Wirtschaft ankurbeln soll, und das möglichst kurzfristig. Auch der Kinderbonus soll und könnte dabei helfen – über seine Wirkung sind sich Ökonomen uneins. Das Problem ist aber, dass sich viele Frauen und Familien in dieser Krise immer noch völlig alleingelassen fühlen von der Politik. Sie fragen zu Recht, warum Geschäfte auf Biegen und Brechen geöffnet, warum Unternehmen mit gigantischen Summen gestützt werden, die Öffnung von Kitas und Schulen aber viel zu spät in den Fokus rückte, und nun ziemlich chaotisch abläuft. Nicht nur, dass die Kinder auf nicht absehbare Zeit sehr viel mehr Zeit zu Hause verbringen müssen – die Regelungen sind noch dazu oft völlig unterschiedlich.

Wer etwa mehrere Kinder in unterschiedlichen Schulen oder Kitas hat, steht mitunter vor dem Problem, dass das eine Kind einmal die Woche oder nur jede zweite Woche in die Schule darf, das andere aber täglich, dafür jedoch nur wenige Stunden. Und das gilt auch nur, solange die Infektionszahlen nicht wieder nach oben schnellen. In Göttingen haben die Schulen gerade wegen eines erneuten Corona-Ausbruchs wieder dicht gemacht. Jeder Kinderschnupfen, dem Kinder wie Eltern früher kaum Beachtung schenkten, führt außerdem bis auf Weiteres zu einer mehrtägigen Auszeit.

Hilfe mit Bedingungen

Je länger die Pandemie anhält, desto schwieriger wird es, mit dieser Situation umzugehen. Vor allem viele Mütter werden sich fragen, ob sie mittelfristig ihren Beruf nicht doch aufgeben oder ihre Arbeitszeit noch weiter reduzieren müssen. Andere werden schlicht weniger leisten können in ihrem Job, mit den entsprechenden Folgen.

Weil es vor allem in Deutschland eben immer noch meistens die Männer sind, die für einen Großteil des Haushaltseinkommens sorgen – und deren Arbeit dann in einer solchen Krise naturgemäß erst einmal wichtiger erscheint. Je knapper das Haushaltseinkommen ist, desto weniger Raum ist da für die Überlegung, was das langfristig bedeutet, für die eigene Karriere, die spätere Rente, die eigene Unabhängigkeit.  

Das ist nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein ökonomisches Problem, das die Politik viel entschiedener und systematischer angehen muss als bisher.

Bundesfamilienministerin Giffey wollte deshalb Konjunkturhilfen für Unternehmen an Maßnahmen zur Geschlechtergerechtigkeit koppeln, zu denen sich diese Firmen verpflichten sollten. Es wäre eine sinnvolle Maßnahme gewesen – von der im "Kraftpaket für Deutschland", wie die CDU das fertige Konjunkturprogramm nennt, allerdings keine Rede mehr ist.

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