Sozialsysteme 2,7 Milliarden Menschen sind schutzlos in der Coronakrise

Weltweit hat mehr als jeder dritte Mensch keinerlei Absicherung gegen die Folgen der Coronakrise, warnt die Hilfsorganisation Oxfam. Das fördere riskantes Verhalten.
Verkäufer mit handgemachter Maske in Ruanda: »In soziale Sicherungssysteme investieren, Steuern für die Reichsten erhöhen«

Verkäufer mit handgemachter Maske in Ruanda: »In soziale Sicherungssysteme investieren, Steuern für die Reichsten erhöhen«

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MARGARET ANDRESEN/ REUTERS

Mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung hat in der Coronakrise bisher keine finanzielle Unterstützung durch soziale Sicherungssysteme erhalten. Zu diesem Ergebnis kommt ein Bericht  der Hilfsorganisation Oxfam. Demnach bekommen 2,7 Milliarden Menschen keinerlei Hilfen aus staatlichen Sozialsystemen zur Bewältigung der Krise. Oxfam analysierte für den Bericht staatliche Sozialsysteme in 126 Ländern.

Demnach bestanden 41 Prozent der zusätzlichen Sicherungsprogramme aus Einmalzahlungen, die inzwischen ausgeschöpft sind. Nur 15 Länder legten den Angaben zufolge Programme auf, die länger als sechs Monate dauern. Von rund 100 US-Dollar, die reiche Länder zur Unterstützung der Bevölkerung in der Pandemie aufbringen, fließen zudem nur etwa fünf Cent in die soziale Absicherung von Menschen in ärmeren Ländern.  

Insgesamt gaben laut Oxfam Regierungen weltweit 11,7 Billionen US-Dollar zusätzlich aus, um die Folgen der Pandemie zu bekämpfen. Davon seien rund 9,8 Billionen Dollar oder 83 Prozent von 36 reichen Ländern ausgegeben worden, im Vergleich zu 42 Milliarden Dollar oder 0,4 Prozent in 59 Ländern mit niedrigem Einkommen. Die Hilfen der reichen Länder für soziale Sicherung in Entwicklungsländern seien zugleich um insgesamt 5,8 Milliarden Dollar gestiegen, heißt es ferner in dem Bericht. Das seien rund fünf Cent pro 100 Dollar.

»Niemand ist sicher, bevor nicht alle sicher sind«

Die Vernachlässigung zwinge die Menschen in riskantes Verhalten, wie etwa trotz Anzeichen einer Corona-Infektion weiterhin zu arbeiten, sagte Ellen Ehmke, Expertin für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland. »Reiche Länder müssen begreifen, dass niemand sicher ist, bevor nicht alle sicher sind.«

Oxfam fordert massive Investitionen in soziale Sicherungssysteme und die Einrichtung eines globalen Fonds für soziale Sicherheit, um steigender Armut und Ungleichheit zu begegnen. Zudem müssten reiche Länder den armen Staaten Schulden erlassen.

Auch die Entwicklungsländer selbst sollten in Sozialprogramme investieren, fordert die Hilfsorganisation. So könnten dem Bericht zufolge Kenia und Indonesien beispielsweise ihre Armutsrate bis 2030 um bis zu 30 Prozent senken, wenn sie 1,7 Prozent ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) in soziale Sicherung investierten. »Regierungen in armen Ländern müssen selbst verstärkt in universelle soziale Sicherungssysteme investieren und hierfür die Steuern für die Reichsten erhöhen«, verlangte Ehmke.

dab/AFP
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