Suche nach "Shutdown"-Alternativen "Alles ist billiger, als die Wirtschaft noch länger lahmzulegen"

Deutschland kann nicht mehr lange stillstehen, warnt der Ökonom Jens Südekum. Er fordert von der Politik einen Kraftakt, um beides zu schaffen: Menschenleben retten - und die Wirtschaft.
Ein Interview von Benjamin Bidder
Das öffentliche Leben in Deutschland steht fast still, auch vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Das öffentliche Leben in Deutschland steht fast still, auch vor dem Brandenburger Tor in Berlin

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Deutschland blickt in einen zweifachen Abgrund. In Italien und Spanien liegen um Luft ringende Patienten auf den Fluren der Krankenhäuser; sie warten auf freie Betten, die es nicht gibt. Die Angst vor vergleichbaren Situationen in deutschen Kliniken ist ein Grund, warum Deutschland weitreichende Schutzmaßnahmen verhängt hat. Das öffentliche Leben steht fast still.

Inzwischen mehren sich aber auch die Warnungen vor einer zweiten Katastrophe: Je länger der Shutdown dauert, desto tiefer dürfte der Absturz der deutschen Wirtschaft ausfallen. Viele Firmen stehen schon vor der Pleite, viele Selbstständige wissen nicht, wie sie die nächste Miete bezahlen sollen.

Sollte der Shutdown drei Monate lang dauern, könnten laut dem Münchner Ifo-Institut mehr als zwei Millionen Menschen schnell ihre Jobs verlieren, die Zahl der Kurzarbeiter stiege auf 6,6 Millionen (Hier geht's zur Ifo-Analyse ). Die Wirtschaftskraft würde um apokalyptisch anmutende 20 Prozent schrumpfen. Das käme einer Kernschmelze gleich, vergleichbar mit den Wirtschaftskrisen, die Ost- und Mitteleuropa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion erlebt hat.

Noch ist Zeit, solche Szenarien zu verhindern, sagt der Düsseldorfer Ökonom Jens Südekum. Er fordert den schnellen Neustart des Wirtschaftslebens - aber flankiert von einem Kraftakt zum Aufbau schützender Infrastruktur und der Einführung bundesweiter Massentests. Nur so könne noch verhindert werden, dass am Ende abgewogen werden müsse zwischen den Leben einer Minderheit und der Zukunft und dem Wohlergehen der Mehrheit.

Zur Person
Foto: JarkoSirki/Lehtikuva

Jens Südekum, Jahrgang 1975, ist Professor für Internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf und forscht unter anderem zum internationalem Handel und zur Regionalökonomie. Südekum fungierte unter anderem als Berater der Bundesregierung, EU-Kommission und der Bundesbank. Die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" nannte ihn einmal "Ökonom der Mächtigen", auf dessen Rat die Politik zunehmend hört.

SPIEGEL: Herr Südekum, was passiert gerade in der deutschen Wirtschaft?

Südekum: Alles kracht dramatisch nach unten. Wir haben Tausende Firmen, die von einem Tag auf den anderen keine Einkünfte mehr haben. Viele kleinere Unternehmen stehen kurz vor dem Abgrund. Jetzt kommt der Beginn eines neuen Monats, dann sind Mieten fällig, Zahlungen an Lieferanten. Es beginnt ein Wettlauf: Kommen die staatlichen Zuschüsse rechtzeitig bei den Firmen an?

SPIEGEL: Wenn der Shutdown länger als einen Monat dauert, werden viele Firmen keine Möglichkeit mehr haben, irgendetwas zu verändern, weil sie pleite sind. Der Staat will zwar einspringen - aber kann er über einen langen Zeitraum wirklich alle Löhne zahlen, alle ausbleibenden Aufträge kompensieren?

Südekum: Alles hängt davon ab, wann das Wirtschaftsleben wieder beginnt. Einen sehr langen Shutdown kann man sich kaum vorstellen, zumal ja auch Beschäftigte in der Kurzarbeit nur 67 Prozent ihres Lohns bekommen, ihre Lebenshaltungskosten aber bleiben bei 100 Prozent. Je länger Firmen raus sind, desto schwieriger wird es für sie, wieder zurückzukommen in den Markt. Deshalb muss aus wirtschaftspolitischer Sicht die wichtigste Frage sein: Wie kann der Shutdown vernünftigerweise so kurz wie möglich gestaltet werden? Wie begrenzen wir die wirtschaftlichen Schäden, ohne Abstriche machen zu müssen beim medizinischen Schutz?

"Der strikte Shutdown kann nicht länger als ein paar Wochen dauern"

SPIEGEL: Wie könnte eine Exit-Strategie aus dem Shutdown aussehen?

Südekum: Das hängt von vielen Faktoren ab, die nichts mit Wirtschaft im engeren Sinne zu tun haben, mit dem Gesundheitsbereich vor allem. Da müssen Ökonomen, Mediziner und Epidemiologen viel stärker als bisher kooperieren. Klar ist: Der strikte Shutdown kann nicht länger als ein paar Wochen dauern. Vielleicht bis Ostern, vielleicht bis Anfang Mai. Das Ziel muss sein, die Verbreitung des Virus in dieser Zeit zu stoppen und die Zahl der Neuinfektionen drastisch zu senken. Wenn das ganze Land - theoretisch gesprochen - vier Wochen auf dem Sofa sitzt und gar nichts tut, dann würde das Virus weitgehend aussterben. Wer infiziert ist, weiß dann, dass er krank ist und kann sich auskurieren.

SPIEGEL: Wenn die Wirtschaft wieder anläuft, kommt dann nicht auch das Virus zurück?

Südekum: Das ist genau das Problem. Einen solchen Rebound der Krankheit müssen wir verhindern. Die Infrastruktur dafür müssen wir jetzt schaffen, sonst hätte uns der Shutdown nichts gebracht. Es würde ja nichts nutzen, wenn wir im Juni oder Juli schon über die nächste Aussetzung des wirtschaftlichen Lebens diskutieren.

SPIEGEL: Inzwischen melden fast alle Staaten Covid-19-Erkrankungen. Wie soll eine Rückkehr des Virus da verhindert werden?

Südekum: Die Erfahrung von Südkorea und anderen Ländern in Asien macht Hoffnung. Die haben es in relativ kurzer Zeit geschafft, Ausbrüche unter Kontrolle zu bringen und die Verbreitung zu stoppen. Das ging durch konsequente Isolierung von Infizierten. Durch Quarantäne, die nicht nur verordnet, sondern deren Einhaltung auch stark kontrolliert wurde, auch mithilfe digitaler Lösungen wie Handyortung. Der andere Schlüssel ist: testen, testen, testen - und zwar in der gesamten Bevölkerung.

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Südekum: Bestimmte Arten des öffentlichen Lebens wie Großveranstaltungen, die bei der Verbreitung des Virus eine besondere Rolle spielen, aber nicht entscheidend sind für das Wirtschaftsleben, würden vermutlich sehr lange vom Staat untersagt bleiben. Die Schließung von Kitas und Schulen aber ist für die Wirtschaft mit sehr hohen Kosten verbunden. Das belastet die Firmen im Moment am meisten: Viele Mitarbeiter können wegen der fehlenden Kinderbetreuung nicht mehr arbeiten. Das könnte gelockert werden, wenn wir über größere Testmöglichkeiten verfügen.

SPIEGEL: Sind millionenfache Tests nicht viel zu teuer?

Südekum: Inzwischen gibt es Berichte über Tests, die so einfach zu handhaben sind wie Schwangerschaftstests. Die sind vielleicht nicht zu hundert Prozent akkurat, aber erheblich besser als nichts. Die Kosten liegen laut Berichten bei ein paar Euro.

SPIEGEL: Ein Berliner Hersteller hat der "taz" gesagt , er könnte ja mehr herstellen - ihm fehlten dafür aber Verpackungen. Muss der Staat nicht in der jetzigen Lage in die Produktion eingreifen? Brauchen wir eine Art Kommandowirtschaft wie zu Kriegszeiten?

Südekum: Nein. Wir brauchen jetzt sehr schnelle, kreative Lösungen. Und ich glaube nicht, dass die Weisheit in diesen Fällen irgendwo in einem Ministerium liegt. Was der Staat tun muss: Als Abnehmer für diese Innovationen auftreten und sie unendlich lohnend machen. Er könnte beispielsweise pauschal garantieren, in den kommenden Monaten solche Tests praktisch unbegrenzt aufzukaufen, zu jedem beliebigen Preis. Die Firmen organisieren sich dann aber am besten selbst, sie können auch Kooperationen schließen mit Verpackungsherstellern. Die Schwarmintelligenz in Unternehmen ist immer höher als die einer zentralen Planungsagentur. Nur: Das große Signal vom Staat muss jetzt schnell gesetzt werden.

SPIEGEL: Sollten dabei vor allem einheimische Firmen zum Zuge kommen?

Südekum: Das muss international gedacht werden. Viele Dinge werden wir importieren müssen. Deshalb brauchen wir auch Lösungen an den Grenzen. Es ist völlig richtig, die Grenzen zu schließen für Tourismus, für Spaßreisen. Das brauchen wir jetzt nicht. Aber wir sind angewiesen auf den internationalen Warenverkehr. Der Aufbau der Testinfrastruktur wird nicht ohne internationalen Handel gehen.

SPIEGEL: Wir benötigen nicht nur Tests, sondern massenhaft Beatmungsgeräte. Personal müsste mobilisiert werden für Behelfskrankenhäuser, die ein, vielleicht zwei Jahre betrieben werden müssen. Glauben Sie wirklich, der Markt wird das regeln können?

Südekum: Wie gesagt: Wir brauchen Kreativität. Wir sehen doch jetzt schon: Autohersteller, die keine Autos bauen können im Moment, stellen Pumpen her, die für Beatmungsgeräte gebraucht werden. Da braucht es staatliche Anreize, und es gibt ja auch bereits direkte Gespräche. Man darf den Einfallsreichtum der unternehmerischen Basis nicht unterschätzen. Mitarbeiter einer Behörde können solche Lösungen nicht besser entwerfen als die Heerscharen von Ingenieuren in deutschen Betrieben. Der Staat muss dafür aber die Weichen stellen. Ein Weg wäre eine Art von Ausschreibung: Der Staat garantiert zum Beispiel die Abnahme von soundso vielen Schutzmasken zu einem äußerst attraktiven Preis. Das Gleiche wäre möglich für digitale Projekte zum Tracking von Infektionswegen. Da könnten viele Internet-Start-ups helfen. Es gibt dann einen großen Anreiz für denjenigen, der das liefert. Und ob das am Ende zehn Millionen Euro oder 20 Millionen Euro mehr kostet, spielt eigentlich keine Rolle.

SPIEGEL: Der Staat wird gigantische Schulden anhäufen.

Südekum: Nichts ist so teuer wie eine zusätzliche Woche Shutdown. Jede weitere Woche kostet mindestens 35 Milliarden Euro an entgangener Produktion. Alles ist billiger, als die Wirtschaft noch länger lahmzulegen. Geld darf keine Rolle spielen, wenn es darum geht, eine Verlängerung des Shutdowns zu verhindern. 

SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, dass bei den bisherigen Entscheidungen zu wenig auf wirtschaftswissenschaftliche Expertise geachtet wurde und eher einseitig auf die medizinische Seite?

Südekum: Jetzt wird klar, wie weitreichend die Auswirkungen der Maßnahmen auf die Wirtschaft sind. Die Politik lässt sich natürlich aus unterschiedlichen Bereichen beraten. Wir müssen aufpassen, dass da Wirtschaft und Medizin nicht gegeneinander ausgespielt werden. Es geht nicht darum, beim Schutz der Bevölkerung nachlässig zu werden, nur um ein paar Wachstumspunkte beim BIP zu retten. Wir müssen Lösungen finden, wie beides gleichzeitig erreicht werden kann: Die Kosten des Shutdowns minimieren, ohne dabei Kompromisse bei der Versorgung zu machen. Wir müssen erreichen, was Südkorea geschafft hat - und das durchhalten, bis ein Impfstoff einsatzbereit ist.

"Aus dem Kanzleramt muss nur das Signal kommen, dass Geld keine Rolle spielen wird bei der Suche nach dieser Lösung"

SPIEGEL: Haben westliche Gesellschaften vielleicht einen Nachteil beim Ausbalancieren medizinischer und wirtschaftlicher Last gegenüber autoritäreren Systemen? Unser Anspruch ist ja eigentlich: Wir kämpfen um jedes Leben, zu jedem Preis. Kommen nicht früher oder später sehr bittere Abwägungsentscheidungen auf die Gesellschaft zu: Wen retten wir noch, zu welchen Kosten?

Südekum: Dann wäre man schnell bei der zynischen Rechnung, wie viel Euro ein Leben oder ein Lebensjahr wert ist. Noch einmal: Uns muss es darum gehen, beide Ziele zu erreichen. Das könnte klappen, wenn wir jetzt die Infrastruktur dafür aufbauen. Natürlich haben wir in Europa womöglich eine geringere Akzeptanz für weitreichende Maßnahmen, wie sie in Asien erfolgreich waren. Südkorea hat ja Quarantänepatienten rigoros überwacht und hat dabei Instrumente verwendet, die schwer vereinbar wären mit unseren bürgerlichen Rechten. Aber darüber muss gesprochen werden: Was ist in der jetzigen Lage angemessen?

SPIEGEL: Die Diskussion "Wohlstand sichern oder Leben retten" nimmt doch schon Fahrt auf. Der Vizegouverneur von Texas hat Ältere aufgerufen, sich für die Zukunft ihrer Enkel zu opfern.

Südekum: Das führt in eine Sackgasse, in eine brutale Emotionalisierung und in die Spaltung. Es muss die dritte Lösung geben, die beide Ziele erreicht. Es ist keine Utopie. Es gibt ja Beispiele, die zeigen, wie das möglich ist. Wir müssen jetzt schnell lernen, und wir brauchen Fantasie und Kreativität. Das kann nicht aus dem Bundeskanzleramt kommen. Von dort muss nur das Signal kommen, dass Geld keine Rolle spielen wird bei der Suche nach dieser Lösung.