Coronakrise Die Verzweiflung der Barbesitzer

Restaurants dürfen unter Auflagen vielerorts wieder öffnen. Den meisten Bars, Diskotheken und Klubs fehlt aber eine solche Perspektive. Ihre Rufe nach Ausgleichszahlungen verhallen bisher.
Hamburger Schanzenviertel (im März): Hoffnung zumindest für die Kneipen

Hamburger Schanzenviertel (im März): Hoffnung zumindest für die Kneipen

Foto: Axel Heimken/ DPA

Falk Hocquél ist kein Mann, der sich leicht unterkriegen lässt. In der DDR aufgewachsen, sperrte ihn die Stasi kurz vor der Wende nach der Teilnahme an einer Montagsdemo ein. Nun, in der Coronakrise, versucht der Gastronom, an die Zukunft seiner Hamburger Bar- und Klub-Locations zu glauben. Dabei sind die wirtschaftlichen Belastungen, die seine Firma tragen muss, enorm.

Allein für die Gastro-Ebene im Kulturhaus 73 im Stadtteil Sternschanze belaufen sich die Fixkosten ohne Gehälter laut Hocquél jeden Monat auf rund 25.000 Euro. Hinzu komme, so der 50-Jährige, der noch mehrere weitere Läden hat, dass der von den Schließungen betroffene Zeitraum wichtig für die Einnahmen des ganzen Jahres sei: "März, April und Mai sind sonst besonders umsatzstarke Monate", sagt Hocquél. Im Sommer, wenn das Wetter gut und die Menschen im Urlaub seien, sei die Auslastung geringer.

Hocquéls Firma heißt Pferdestall, zu ihr gehört auch die Pony Bar im Hamburger Uni-Viertel. Wie lange das Unternehmen die Schließungen noch durchhält? Hocquél tut sich schwer mit einer konkreten Antwort: "Wir haben jede Schwierigkeit in den vergangenen 20 Jahren hinbekommen." Optimistisch ist er unter anderem, weil sein zweites Standbein, die Bäckereikette Schmidt und Schmidtchen, zumindest noch einen Teil ihrer Umsätze in der Krise weiter erwirtschaften kann - und weil er hofft, mit Abstandsregeln zumindest in einigen seiner Läden schon bald wieder Kaffee und Bier servieren zu dürfen.

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Trotz aller Hoffnung, auch das gehört dazu: Seine rund 50 Minijobber kann Hocquél derzeit nicht weiter beschäftigen. Und wenn der Zustand bis weit in den Herbst hinein andauern sollte, wüsste wohl auch er nicht, wie er die Mietrückstände noch aufholen sollte. Viele andere dürften noch viel früher als Hocquél in die Knie gehen, besonders wenn sie noch hohe Kredite zu bedienen haben.

Restaurants dürfen in vielen Bundesländern unter Auflagen wieder öffnen, in Hamburg zum Beispiel ab diesem Mittwoch. Doch den Betreibern von Klubs und Bars fehlt vielerorts noch immer die Perspektive. Ob es für sie Lockerungen geben kann, so das Bundeswirtschaftsministerium, "hängt von der weiteren Infektionsentwicklung ab".

Die Lage von Kneipiers und Klubbetreibern sei verheerend, sagt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin beim Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. "Die Verzweiflung wächst." Bundesweit gibt es laut dem Verband rund 50.000 Kneipen und Discos. Wie viele noch immer geschlossen sind, ist unklar, denn in Hessen und in Nordrhein-Westfalen, wenn sie Speisen anbieten, könnten auch Bars zumindest teilweise und unter Auflagen wieder öffnen. Bezogen auf die Gastronomie insgesamt, so schätzt der Verband, ist ein Drittel aller Betriebe von der Insolvenz bedroht.

Angesichts der verheerenden Lage hatten Bar-, Klub- und Kneipenbesitzer im Hamburger Stadtteil St. Pauli vergangene Woche symbolisch um eine zerborstene Discokugel auf dem Beatles-Platz vor der Vergnügungsmeile Große Freiheit getrauert. Die Initiatorin, Dragqueen Olivia Jones, die selbst mehrere Bars im Viertel betreibt, sagte: "Viele stehen vor dem Abgrund. Wir waren die Ersten, die schließen mussten. Und werden die Letzten sein, die wieder öffnen können. Für uns gibt es kein Licht am Ende des Tunnels."

Verband fordert Rettungsfonds

"Es ist besonders bitter für Kneipen und Klubs, Bars und Diskotheken, die wichtige Treffpunkte für Jung und Alt sind", erklärt Dehoga-Chefin Hartges die Lage der Wirte. Allein im April habe das Gastgewerbe insgesamt elf Milliarden Euro an Umsatz eingebüßt. Die Soforthilfen vom Staat deckten in den Betrieben oftmals nicht mal eine Monatsmiete mit Nebenkosten, sagt Hartges. Und denen, die nun doch öffnen könnten, drohten in den ersten Wochen wegen der Abstandsregeln und des zusätzlichen Aufwands weiterhin Umsatzeinbußen. Es müsse einen Rettungsfonds für die Branche geben: "Es gab schon immer Ausgleichszahlungen, ob für die Landwirtschaft in Dürrejahren oder für die Flutopfer. Diese müssen jetzt auch schnell für die Gastronomie fließen."

Eine Öffnung ist für Wolf von Waldenfels, der mit dem Uebel & Gefährlich einen der bekannteren Musikclubs Hamburgs betreibt, noch lange nicht absehbar. "Wenn das Oktoberfest abgesagt ist, dann heißt das für mich, dass wir absehbar auch keine Partys feiern werden", sagt er. Rund 70.000 Euro an Fixkosten verursache sein Klub pro Monat, erzählt der 59-Jährige am Telefon.

Zwei bis drei Monate, so vermutet er, könne sein Klub in der aktuellen Lage noch durchhalten. Schulden seien nichts Ungewöhnliches, wenn eine neue Musikanlage angeschafft werde, koste die auch Geld. Doch jetzt sei es "schon sehr existenziell". Wichtig sei daher ein ordentlicher Neustart, denn "mit halbem Umsatz zahlt sich nicht die ganze Miete". Wie das gehen soll? Er denkt bereits darüber nach, ob vielleicht sogar mit Face-Shield und Maske getanzt werden könnte, "wenn die Alternative lautet, dass sonst alles zu ist".

In der Szene scheint derzeit nichts undenkbar. An viel musste man sich von einem Tag auf den anderen bereits gewöhnen – zum Beispiel Kurzarbeit. Betraf dies im Februar laut Dehoga bundesweit gerade mal 173 Beschäftigte in der Gastronomie, schnellte die Zahl bis Ende April auf 1,025 Millionen hoch, das entspricht 95 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten der Branche. Auch die jeweils rund zehn Angestellten der Szenewirte Hocquél und von Waldenfels sind in Kurzarbeit.

Bestimmungen in den einzelnen Bundesländern (Stand 11. Mai)

Ohne das staatlich gezahlte Kurzarbeitergeld und die anderen Hilfen von Land und Bund sähe es noch viel düsterer aus. Doch es gibt auch private Hilfe: Das Clubkombinat, ein Zusammenschluss der Hamburger Partyveranstalter, sammelt Spenden. "Die Leute sind sehr solidarisch, die schauen unsere Livestreams und bezahlen für virtuelle Drinks", sagt von Waldenfels. Auch ein gutes Verhältnis zu Lieferanten und Vermietern kann sich jetzt auszahlen. Doch ob das alles reicht?

Die Bundesregierung gibt sich bislang jedenfalls noch recht zugeknöpft, was zusätzliche Hilfe für Bars, Klubs und Diskotheken anbelangt. Das Wirtschaftsministerium verweist auf das bestehende branchenoffene Programm zur Unterstützung von Unternehmen in der Corona-Pandemie , lediglich manche Bundesländer haben zusätzliche Hilfen auch für Klubs aufgelegt. Immerhin: "Die Förderkulisse wird laufend auf Anpassungsbedarf überprüft", ist aus dem Haus von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) zu hören. Und: "Hierzu laufen derzeit die Gespräche."

In der Branche werden längst auch andere Ideen diskutiert, wie die Lasten abgefedert werden könnten. Etwa, dass Vermieter nicht mehr nur die Mieten stunden, sondern sich auch an den Raumkosten beteiligen. Oder die Forderung nach einer (temporären) Senkung der Umsatzsteuer auch auf Getränke.

Der aktuelle Beschluss der Bundesregierung, die Abgabe nur auf Speisen zu senken, bringt Klubbesitzer Falk Hocquél jedenfalls in Rage: "Wenn man diesen Schritt geht, dann muss das für alle Arten von Gastronomie gelten." Die Klubbetreiber, die üblicherweise kein Essen anbieten, seien sonst benachteiligt – und für alle anderen werde die Abrechnung komplizierter. Hinzu kommt laut von Waldenfels ein weiteres Problem: "Im Moment hilft das auch nicht, denn ich mache ja keinen Umsatz."

Ob es eine Perspektive gibt, kann dieser Tage auch davon abhängen, wo eine Bar aufhört und eine Gaststätte anfängt. Während die Lage beim Konzert- und Partyklub Uebel & Gefährlich eindeutig ist, hofft Hocquél etwa in der Pony Bar darauf, jetzt wieder anfangen zu können. Doch wie realistisch ist das?

Die in Hamburg zuständige Gesundheitsbehörde verweist bei der Frage, welche Gastrobetriebe wieder öffnen dürfen, auf den Verordnungstext: Dicht bleiben müssen demnach unter anderem Lokale "mit den besonderen Betriebsarten Tanzlokal, Bar oder Vergnügungslokal, Diskothek, Musik- und Tanzdarbietungen, Vorführungen", aber auch "ähnliche Betriebsarten" mit Unterhaltungsprogramm. Was das heißt, kommt auf den Einzelfall an.

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