Einbruch von Ifo-Index Experten warnen vor neuer Staatsschuldenkrise

Deutschlands Wirtschaft stürzt in die Rezession: Der Ifo-Index ist so stark gesunken wie zuletzt 1991. Experten schauen mit Sorge nach Italien.
Handelsknotenpunkt Hamburger Hafen

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Foto: Christian Charisius/ dpa

Die Coronavirus-Krise schürt in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft massive Sorgen vor einem starken Einbruch der Wirtschaftskraft. Der Ifo-Geschäftsklimaindex - ein wichtiger Indikator für die Geschäftsaussichten der Firmen - sank im März auf 87,7 Punkte. Im Februar hatte er noch bei 96 Punkten gelegen. Dies ist der stärkste Rückgang seit 1991 und der niedrigste Wert seit August 2009. "Die deutsche Wirtschaft stürzt in die Rezession", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Wegen der weltweiten Auswirkungen des Coronavirus befürchten die meisten Ökonomen 2020 für die exportlastige deutsche Wirtschaft einen deutlichen Rückgang der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In der Finanzkrise 2009 war die Konjunktur um fast sechs Prozent eingebrochen. Sollte die Corona-Krise länger andauern, könnte das Minus 2020 noch größer ausfallen.

Das Ifo will die endgültigen Ergebnisse seiner monatlichen Umfrage unter 9000 Unternehmen am 25. März bekannt geben. "Angesichts der ungewöhnlichen Lage" wegen der Virus-Pandemie legten die Münchner Forscher nun erstmals seit Beginn der Erhebung 1949 vorläufige Daten vor. Für das Geschäftsklima werden Manager aus Industrie, Dienstleistungssektor, Baubranche sowie Groß- und Einzelhandel gebeten, ihre gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate mitzuteilen.

DIW warnt vor Staatsschuldenkrise

Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sieht Deutschland vor dem Wirtschafts-Crash. "Die deutsche Wirtschaft wird in diesem Jahr sicher in eine Rezession stürzen", sagte DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen. Wie schwer die Krise werde, sei derzeit unvorhersehbar. Denkbar seien zwei Szenarien für den Verlauf des Einbruchs. "Entweder ein V, also baldige Nachholeffekte von Produktion und Konsum nach einem rapiden Absturz, so wie es bei anderen Epidemien wie Sars, der Schweine- oder Vogelgrippe der Fall war", sagte der Experte. Dann könnte das Bruttoinlandsprodukt nur um 0,1 Prozent schrumpfen.

"Es kann aber - und das scheint derzeit realistisch – auch zu einem L-Verlauf der Wirtschaft kommen, in dem nach dem Absturz eben erst mal nichts groß nachgeholt wird und Konsum und Produktion auf einem deutlich niedrigeren Niveau bleiben", sagte Michelsen. "Die Rezession würde dann noch deutlich schwerer ausfallen." Eine konkrete Prognose dazu wollte das DIW nicht wagen.

Dieses Szenario zu vermeiden sei die wichtigste Aufgabe der Politik. "Vor allem kleine Unternehmen und Solo-Selbstständige wissen nicht einmal, ob sie die Krise wirtschaftlich überleben werden", sagte DIW-Präsident Marcel Fratzscher. "Es kommt nun darauf an, schnell und unbürokratisch Finanzhilfen bereitzustellen." Oberste wirtschaftspolitische Priorität müsste die Vermeidung von Pleiten und hoher Arbeitslosigkeit sein. Mehr internationale Kooperation und europäische Lösungen seien notwendig.

Fratzscher kann sich angesichts der Ausbreitung von Kurzarbeit und einem erwarteten Anstieg der Arbeitslosigkeit auch Helikoptergeld vorstellen, wobei Konsumenten pauschal Geld vom Staat bekommen würden. "Das ist eine Option", sagte er. Bei 1000 Euro pro Kopf würde das den Staat insgesamt rund 83 Milliarden Euro kosten, was etwa 2,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspreche. "Das wäre machbar für eine Bundesregierung, die finanziell hervorragend dasteht", sagte Fratzscher. "Der deutsche Staat kann sich immer noch zu negativen Zinsen refinanzieren." Er habe in den vergangenen Jahren Schulden abgebaut und Überschüsse erzielt.

Institut für Weltwirtschaft warnt vor noch größeren Verlusten

Der DIW-Chef warnte vor einer neuen Staatsschuldenkrise in der Eurozone. "Es gilt, ähnlich einem Virus, die Ansteckung über Ländergrenzen hinweg zu vermeiden", sagte er. Sorgen bereite vor allem Italien. "Italien hat eine sehr angeschlagene Wirtschaft. Sie ist in den vergangenen Jahren kaum gewachsen", sagte Fratzscher. "Es muss in deutschem Interesse sein, dass Italien nicht in Schieflage kommt." Dagegen könnten etwa Coronavirus-Anleihen helfen.

Laut dem Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) könnte der Einbruch in diesem Jahr noch stärker ausfallen, das Minus könne sich auf 9 Prozent belaufen. Das Bruttoinlandsprodukt falle um 4,5 Prozent, sofern die derzeitige Stresssituation nur bis Ende April andauere und sich dann ab Mai allmählich entspanne. "Dies wäre ein Rückgang der Wertschöpfung von 150 Milliarden Euro", hieß es dazu. Setzt die Erholung aber erst drei Monate später im August ein, würde die Wirtschaft sogar 8,7 Prozent schrumpfen.

beb/dpa/Reuters
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