SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor Gefühlt liegt das Schlimmste hinter uns

Die Angst vor Arbeitslosigkeit schwindet, der Optimismus wächst: Die wirtschaftliche Stimmung der Deutschen verbessert sich deutlich. Das könnte über Aufschwung oder Dauerkrise entscheiden.
Flinger Straße in Düsseldorf: Gefühlt ist die Coronakrise offenbar vorüber

Flinger Straße in Düsseldorf: Gefühlt ist die Coronakrise offenbar vorüber

Foto: Marius Becker/ dpa

Seit Beginn der Coronakrise hoffen Unternehmen, Beschäftigte und die Regierung auf das berühmte V: Auf einen steilen Absturz möge bitte sofort ein ebenso steiler Anstieg folgen. Was die Konjunktur betrifft, hat sich der erste Teil jedenfalls erfüllt, wie amtliche Daten belegen. Der Einbruch der Industrieproduktion sowie der Exporte und der Anstieg der Arbeitslosigkeit binnen weniger Wochen sind in der Geschichte der Bundesrepublik bislang beispiellos. Ob der zweite Teil - der ebenso steile Anstieg - Wirklichkeit wird, ist trotz erster positiver Anzeichen noch ziemlich unsicher.

Die Stimmung der Bundesbürger ist da schon deutlich weiter: Die Angst vor Arbeitslosigkeit ist wieder fast so gering wie vor der Krise, der Optimismus in Bezug auf die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sogar größer. Für die Deutschen ist der Tiefpunkt der ökonomischen Coronakrise offenbar überschritten, wie der aktuelle SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor zeigt.

So ist die Sorge um den Verlust des Arbeitsplatzes fast genauso rapide geschwunden, wie sie zu Beginn des Lockdowns gewachsen war. Zwischen Mitte März und Mitte April äußerten 20 Prozent der Befragten die Angst, binnen einem Jahr ihren Job zu verlieren - fast doppelt so viel wie vor der Krise. Inzwischen sind es nur noch 13 Prozent. Hingegen fürchten mit 78 Prozent fast vier Fünftel nicht um ihren Arbeitsplatz - obwohl im Mai geschätzt mehr als sieben Millionen Menschen in Kurzarbeit waren.

In diesem Zusammenhang ist die Methode der Befragung von Bedeutung: Das Meinungsforschungsinstitut Civey führt die repräsentativen Befragungen für den Wirtschaftsmonitor im Auftrag des SPIEGEL kontinuierlich durch. Die Befragungszeiträume erstrecken sich dabei jeweils über vier Wochen. Die nun vorliegenden Ergebnisse spiegeln damit nicht das augenblickliche Stimmungsbild von Anfang Juni - sondern das seit dem 10. Mai bis zu diesem Dienstag.

In diesem Zeitraum waren zwar die Läden bereits durchgängig wieder geöffnet, im Tourismus kamen die Lockerungen aber erst schrittweise während dieser vier Wochen. Und die Unsicherheit über das weitere Infektionsgeschehen war Anfang Mai noch deutlich größer als derzeit. Im Zeitverlauf zeigt sich zudem, dass die Angst vor der Arbeitslosigkeit mit immer größerer Geschwindigkeit abnimmt - es ist daher wahrscheinlich, dass sie im Augenblick wieder exakt auf dem geringen Vorkrisenniveau liegt.

Das spiegelt ein hohes Vertrauen in die Stabilität der deutschen Wirtschaft wider. Es ist womöglich auch eine Reaktion auf das schnelle und beherzte Krisenmanagement des Staates. Ein Beleg dafür findet sich auch bei der Frage nach dem dringendsten Handlungsbedarf in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Hier wird gezielt nicht nach dem "wichtigsten Thema" gefragt. Der Unterschied ist groß: Ein Problem kann durchaus als das Wichtigste bewertet werden, ohne dass ein großer Handlungsbedarf gesehen wird - wenn das Gefühl vorherrscht, dass bereits alles getan wird, um es zu lösen.

So könnte es sich mit dem Bereich "Arbeitslosigkeit und Umbruch der Arbeitsgesellschaft" verhalten. Zwar wurde er von mehr Befragten als noch im April und vor der Krise genannt. Dennoch rangierte er nur auf dem sechsten von sieben zur Auswahl gestellten Bereichen.

Das Gleiche gilt für "Gesundheitsvorsorge und Pflege": Zu Beginn der Pandemie sahen mit 19 Prozent deutlich mehr Bundesbürger als vor der Krise dort den größten Handlungsbedarf - inzwischen hat dieser Anteil wieder etwas abgenommen. Das deutsche Gesundheitssystem hat sich in der ersten Welle der Pandemie als stabil erwiesen.

Stattdessen sehen die Befragten - wie schon zuletzt - die Ungleichheit bei Einkommen und Vermögen als dringendstes Thema. Auf Platz zwei folgt nun wieder die Vereinbarkeit von Umweltschutz und Wirtschaft - ein Zeichen dafür, dass nach der akuten Coronakrise die Klimakrise in das Bewusstsein der Deutschen zurückkehrt.

Das alles heißt jedoch nicht, dass den Bundesbürgern die ökonomische Krise nicht bewusst wäre. Die aktuelle wirtschaftliche Lage schätzen sie tendenziell als schlecht ein - 46 Prozent bewerteten sie so, nur 34 Prozent als gut. Doch auch hier zeigt sich eine Trendwende, zwischenzeitlich hatten 50 Prozent der Befragten die aktuelle Lage als schlecht eingeschätzt.

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Für die kommenden zwölf Monate zeigen sich die Deutschen zudem - relativ - optimistisch. Relativ deshalb, weil die Bundesbürger bei dieser Frage generell pessimistisch sind. Auch in Nichtkrisenzeiten rechnet fast immer mehr als die Hälfte mit einer Verschlechterung. Derzeit sind es 60 Prozent - aber so viele waren es bereits im vergangenen Herbst, als das Coronavirus noch nicht einmal zu erahnen war.

Der Anteil der optimistischen Bürger erreicht einen Spitzenwert: 23 Prozent rechnen mit einer Verbesserung - vor der Coronakrise waren es durchweg weniger als zehn Prozent. Allerdings macht es auch einen Unterschied, ob man erwartet, dass sich eine eindeutig schlechte Lage aufhellt - oder eine ohnehin gute Lage noch besser wird.

Noch ein wenig optimistischer - dies wieder in seiner relativen Bedeutung - schätzen die Bundesbürger die langfristige Sicht ein. Bei der Frage nach der wirtschaftlichen Entwicklung in den kommenden Jahren erwarteten noch nie so wenige Bürger eine Verschlechterung (47 Prozent) und so viele eine Verbesserung (26 Prozent).

Wie groß das Vertrauen in die Stabilität der Wirtschaft ist, macht eine andere Frage deutlich: die nach der Entwicklung der persönlichen wirtschaftlichen Lage in den kommenden fünf Jahren. Bei ihr ist bereits der vollständige V-Verlauf abzulesen. Zu Beginn der Pandemie verdüsterte sich die Erwartung abrupt, kehrte jedoch ebenso schnell auf das Vorkrisenniveau zurück. Mit 48 Prozent rechnet fast die Hälfte damit, dass sich bei ihnen persönlich nicht viel ändern wird. 27 Prozent erwarten langfristig eine Verschlechterung, 21 Prozent eine Verbesserung ihrer Lage. Zu Beginn der kontinuierlichen Befragung im Juni 2019 waren die Deutschen etwas pessimistischer als derzeit.

Keinerlei Auswirkungen hat die Coronakrise auf die Einschätzung der aktuellen persönlichen wirtschaftlichen Situation - trotz gestiegener Arbeitslosigkeit und massenhafter Kurzarbeit. Wie durchgehend seit Beginn der Befragung geben jeweils rund 40 Prozent an, ihnen gehe es besser als, beziehungsweise gleich gut wie vor fünf Jahren. Und weiter sagen etwas mehr als 20 Prozent, es gehe ihnen schlechter als damals.

Es scheint so, als befürchteten die Bundesbürger nicht, dass sich die aktuelle heftige Rezession zu einer systemischen Krise ausweiten könnte, die langfristig erhebliche negative Folgen für den Arbeitsmarkt und den Wohlstand hätte.

Diese Zuversicht der Bürger ist für die Wirtschaft ein ermutigendes Zeichen. Sie könnte ein wichtiger Faktor für die Entwicklung in den nächsten Wochen und Monaten werden, zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Denn wer um seinen Arbeitsplatz fürchtet oder einen ökonomischen Niedergang erwartet, hält das Geld lieber zusammen, als es auszugeben - und wird sich dann auch nicht durch eine gesenkte Mehrwertsteuer oder einen Familienbonus zu teuren Anschaffungen hinreißen lassen. Der SPIEGEL-Wirtschaftsmonitor deutet darauf hin, dass der Aufschwung zumindest nicht daran scheitern dürfte.

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