Landwirtschaft in der Coronakrise Die Helferlücke

Saisonkräfte dürfen in der Coronakrise nicht mehr einreisen - für Bauern ein Problem. Agrarministerin Klöckner will jetzt Asylbewerber auf den Feldern arbeiten lassen, um die Versorgung sicherzustellen. Der Überblick.
Spargelfeld in Weiterstadt: "Für eine rumänische oder eine polnische Kraft brauche ich fünf Deutsche"

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Foto: Kai Pfaffenbach/ REUTERS

Hamsterkäufer räumten in den vergangenen Wochen vielerorts die Supermärkte leer. "Die Lebensmittelversorgung ist gesichert", beruhigte da Agrarministerin Julia Klöckner. Doch die CDU-Politikerin muss auch viel dafür tun, damit das so bleibt. Unter anderem auch, weil durch die Grenzschließungen vielen deutschen Betrieben Saisonarbeiter und Erntehelfer fehlen. In den vergangenen Tagen hingen sie in Staus an den Grenzen fest, und für Arbeitskräfte aus anderen Ländern gilt von diesem Mittwoch 17 Uhr an sogar ein komplettes Einreiseverbot. Auch der Import von Obst und Gemüse aus anderen Ländern kann stocken.

Klöckner sagt dennoch weiterhin: "Es gibt keinen Grund, Sorge zu haben, dass es nicht mehr genug zu essen gibt." Die Bundesregierung will mit einem umfassenden Programm Engpässe bei der Versorgung verhindern und Landwirten helfen. Die wichtigsten Fragen und Antworten dazu im Überblick:

Welche Folgen hat der Saisonarbeiter-Stopp?

Aufs ganze Jahr gerechnet, greift die deutsche Landwirtschaft in knapp 300.000 Fällen auf Saisonarbeitskräfte zurück - in mehr als 90 Prozent kommen sie nicht aus Deutschland. Sie stellen rund ein Drittel der Arbeitskräfte in der Branche insgesamt. Das Verbot der Einreise für diese überwiegend aus Osteuropa stammenden Menschen trifft aktuell besonders Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe. "Das trifft unsere Landwirte enorm hart", sagte Klöckner. "Eine Ernte wartet nicht, eine Ernte, die nicht reingeholt wird, kann man nicht nachholen."

Und die Landwirtschaft braucht jetzt dringend Arbeitskräfte - um Felder zu bestellen und Pflanzen zu setzen. Der Bedarf in diesem Bereich liegt laut Bundeslandwirtschaftsministerium im März bei etwa 30.000 und steigt im Mai auf etwa 85.000 an, andere Kulturen wie der Getreideanbau können stärker auf Maschinen denn auf Saisonarbeiter zurückgreifen.

Wie groß der Schaden durch ausfallende Saisonarbeiter für Bauern und Bevölkerung insgesamt ist, lässt sich bislang nicht beziffern. Doch Klöckner schrieb bereits am Dienstag in einem Brief an die Fraktionen von CDU/CSU und SPD im Bundestag: "Was nicht gesät, gepflanzt, gepflegt, geerntet, verarbeitet und transportiert wird, fehlt am Ende zur Versorgung unserer Bevölkerung." Und: "Wenn Gemüse jetzt nicht gepflanzt werden kann, wird der Markt ab Mai leiden." Ein Engpass an Arbeitskräften aus Polen und Rumänien könne "enorme Auswirkungen auf unsere Urproduktion haben".

Bauernpräsident Joachim Rukwied sagte: "Das Einreiseverbot für unsere Saisonarbeitskräfte trifft unsere Betriebe in der jetzigen Phase sehr hart." Es dürfe nur sehr kurz gelten, man sei auch bereit, "jegliche Maßnahmen zum Infektionsschutz" umzusetzen.

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Was droht Bauern und der Versorgung noch?

Außer durch fehlende Arbeitskräfte könnte es durch die Coronakrise im internationalen Handel und bei Lieferketten zu Problemen kommen. Zwar werden zahlreiche Lebensmittel in deutlich größerer Menge produziert als hierzulande verbraucht werden, darunter wichtige Grundnahrungsmittel wie Kartoffeln, Schweinefleisch, Getreide, Zucker, Milch und Käse: Der Selbstversorgungsgrad  liegt für sie bei über 100 Prozent. Viele Kulturen wurden zudem bereits im Herbst ausgesät. Von Obst und Gemüse jedoch werden nur weniger als 40 Prozent des Verbrauchs hierzulande hergestellt - Äpfel kommen oft aus Norditalien, Paprika oder Gurken aus Spanien. Allerdings sind hierbei auch etwa Südfrüchte mitgezählt, die so oder so nicht in Deutschland produziert werden.

"Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet", sagte Bauernpräsident Rukwied dem SPIEGEL. "Dennoch kann es, abhängig von der Dauer des Einreisestopps, durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen."

Auch Lieferketten könnten im Einzelfall teils unterbrechen: weil die Produktion in einem von der Coronakrise betroffenen Gebiet leidet oder weil niemand da ist, der die Güter transportieren kann - denn auch bei deutschen Speditionen fehlen bereits Lkw-Fahrer aus Polen und anderen Staaten Osteuropas, die jetzt bei ihren Familien bleiben wollen. An den Grenzen kommt es durch Kontrollen zudem zu teils langen Wartezeiten von bis zu zwei Tagen. Die Megastaus an der Grenze zu Polen haben sich nach Intervention von Bundeskanzlerin Angela Merkel vergangene Woche jedoch verkürzt.

Insgesamt rechnete der Bauernverband bereits vor dem Saisonkräftestopp mit erheblichen Auswirkungen auf die Agrarmärkte  und zeigte sich besorgt um die Stabilität einiger Bereiche. Der Agrarökonom Sebastian Hess von der Universität Stuttgart-Hohenheim rechnet dabei aber eher damit, dass eine mögliche Nachfrageschwäche auf dem Weltmarkt die deutsche Landwirtschaft treffen könnte. An nennenswerte Engpässe bei der Versorgung hierzulande glaubt er weniger.

Selbst wenn manche Bauern Probleme haben sollten, ihre Ware in gewohnter Frische zu den Kunden zu bringen, so gilt die Versorgung insgesamt als sicher. Die Lager seien gut gefüllt, "auch wenn vielleicht nicht mehr alle Sorten Nudeln" angeboten werden, sagt auch Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels. Sollten die Erzeugerpreise aber stark unter Druck geraten, "könnten politische Forderungen nach Finanzhilfen für die Landwirte wieder auf den Plan kommen", sagt Hess.

Wie kann der Mangel an Erntehelfern kompensiert werden?

Ein Sprecher des Bundesinnenministeriums, das den Einreisestopp für Arbeitskräfte verhängt hat, sagte, es werde geprüft, wie der Ausfall durch Arbeitskraft in Deutschland ausgeglichen werden könne. Klöckner hat dafür den Einsatz von Asylbewerbern vorgeschlagen, auch wenn sie bisher keine Arbeitserlaubnis haben. Der SPD-Fraktionsvize Matthias Miersch sprach von einer "Chance für verschiedene Gruppen, wie Studenten oder Menschen in Kurzarbeit und damit für die gesamte Branche".

Frankreich will verstärkt auf Arbeitslose zurückgreifen. Landwirtschaftsminister Didier Guillaume hat alle unbeschäftigten Franzosen aufgerufen, sich freiwillig zur Verfügung zu stellen: "Wir müssen produzieren, um die Franzosen zu ernähren."

Auch in Deutschland haben Verbände und Landwirtschaftsministerium Internetplattformen aufgesetzt, um Betriebe und Freiwillige zu vermitteln. Das neue deutsche Jobvermittlungsportal für Erntehelfer  werde überrannt, sagte Klöckner. Bis gestern Abend hätten sich 16.000 Menschen gemeldet, die anpacken wollten. Ob sich so der Mangel an osteuropäischen Saisonarbeiten ausgleichen lässt? Bauernpräsident Rukwied sagte: "Wir brauchen unsere erfahrenen und bewährten Saisonarbeitskräfte aus dem Ausland, die seit Jahren zu uns kommen. Jede zusätzliche helfende Hand ist herzlich willkommen."

Manche Bauern berichten jedoch auch von Problemen mit so mancher helfenden Hand. Jürgen Jakobs, Spargel- und Obstbauer aus Brandenburg, sagte den ARD-"Tagesthemen ": "Wir selbst haben die Erfahrung: Wenn zehn aus dem Inland anfangen, hören neun gleich wieder auf." Ein anderer Spargelbauer, Thomas Syring, sagte der Nachrichtenagentur AFP, die Tätigkeit müsse lange erlernt werden. Und: "Das ist eine schwere Arbeit, es ist kalt, es ist draußen. Für eine rumänische oder eine polnische Kraft brauche ich fünf Deutsche."

Was tut die Regierung für Landwirte?

Neben dem Vermittlungsportal für Saisonarbeitskräfte will Agrarministerin Klöckner mit zehn weiteren Punkten die Lebensmittelversorgung und -produktion sicherstellen und den Bauern helfen:

  • Die Branche wird als systemrelevant anerkannt - von der Futtermittel- und Maschinenindustrie über Erzeugung bis hin zu Logistik und Handel.

  • Saisonarbeitskräfte bleiben bis Ende Oktober bei einer kurzfristigen Beschäftigung insgesamt 115 Arbeitstage lang sozialversicherungsfrei. Bislang galt eine Grenze von 70 Tagen.

  • Bei Kurzarbeitern werden Nebentätigkeiten aus der Landwirtschaft bis zur Höhe des bisherigen Lohns nicht auf das Kurzarbeitergeld angerechnet.

  • Hinzuverdienstgrenzen für Ruheständler werden angehoben - und in der Alterssicherung der Landwirte komplett aufgehoben.

  • Arbeitnehmerüberlassungen sollen ohne Erlaubnis möglich sein, um schnell Personal in die Landwirtschaft verschieben zu können.

  • Arbeitszeiten sollen befristet flexibler gehandhabt werden können.

  • Ein Darlehensprogramm bei der Landwirtschaftlichen Rentenbank soll die Liquidität der Betriebe sichern.

  • Wie bei Mietern, deren Wohnung nicht mehr einfach gekündigt werden darf, sollen Pachtverträge für Ackerflächen nicht mehr wegen Zahlungsrückständen gekündigt werden.

  • Auch Kleinstbetriebe mit weniger als zehn Mitarbeitern in der Landwirtschaft sollen sofort auf die "Corona-Soforthilfe" des Bundes zugreifen können.

  • Lebensmittel- und Viehtransporte sollen von den Ländern an den Grenzen bevorzugt behandelt werden, etwa durch eine separate Spur bei der Abfertigung. So sollen Verzögerungen beim Warenverkehr eingedämmt werden.

Klöckner sagte zudem nach einer Videokonferenz mit den anderen EU-Agrarministern am Mittwoch: "Wichtig ist, dass die üblichen Bezugs- und Absatzwege weitgehend erhalten bleiben." Sollte es aufgrund der Coronakrise "zu außergewöhnlichen Marktstörungen kommen, sollten die Instrumente der Gemeinsamen Marktorganisation einsatzfähig sein", verlangte Klöckner. Die EU-Kommission darf beispielsweise in den Markt eingreifen, wenn es erhebliche Preisschwankungen gibt oder schwere Ungleichgewichte auf dem Markt für Agrarprodukte entstehen.

Klöckner: "Das trifft unsere Landwirte enorm hart"

Klöckner: "Das trifft unsere Landwirte enorm hart"

Foto: TORSTEN SILZ/ AFP

Was wird noch gefordert?

Reicht das, um die Landwirtschaft am Leben zu halten und die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen? Albert Stegemann, Vorsitzender der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft in der Unionsfraktion, sagte: "Jetzt sind vor allem auch die Landwirte gefordert, die Hilfe in Anspruch zu nehmen." Wer derzeit in Kurzarbeit sei oder ohne Beschäftigung, könne sich so etwas dazuverdienen und zugleich etwas für die Allgemeinheit leisten. Der CDU-Politiker sprach von einem "umfassenden Maßnahmenpaket", die Erzeugung von heimischen und regionalen Lebensmitteln würde gestärkt. SPD-Fraktionsvize Miersch sagte: "Es geht um faire Löhne, faire Arbeitsbedingungen und faire Preise in der Lebensmittelindustrie. Den Rahmen dafür haben wir geschaffen und wir werden ihn weiter gestalten."

Der Bauernverband verlangt dagegen bereits weitere kurzfristige und unbürokratische Lösungen, um Menschen in und aus Deutschland beschäftigen zu können. Die bisherigen Anrechnungsfreigrenzen für Bezieher von Kurzarbeitergeld reichten nach dem Einreisestopp für Saisonkräfte nicht mehr. Auch die Höchstbeträge für geringfügige Beschäftigungsverhältnisse müssten angehoben werden, "um Menschen für die Arbeit in der Landwirtschaft zu motivieren".

Mit Material von dpa und AFP

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