Italiens Wirtschaft in der Coronakrise Freier Fall

Mode, Tourismus, Gastronomie: Viele Firmen in Italien sind durch das Coronavirus in ihrer Existenz bedroht. Sie fordern massive Hilfe von der Regierung.
Leere Straße in Mailand: Die Verschuldung des Landes wird nochmal kräftig steigen

Leere Straße in Mailand: Die Verschuldung des Landes wird nochmal kräftig steigen

Foto: Flavio Lo Scalzo/ REUTERS

"Alles wird gut!", sagt Luigi Salvadori, und das klingt, als wolle er sich zur Hoffnung zwingen. Der 62-jährige Unternehmer in Florenz ist Präsident des lokalen Zweigs des Industrieverbands Confindustria. Die Situation sei gerade "dramatisch", sagt er, "viele Unternehmen sind geschlossen, bis zu 70 Prozent der Firmen kämpfen ums Überleben, viele Jobs sind weg, die Familien haben kein Geld zum Einkaufen und jeden Tag sterben Hunderte von Menschen".

Aber die Regierung in Rom und die EU-Kommission in Brüssel hätten nun begriffen, dass Italiens Wirtschaft viel Geld brauche, damit nicht alles zusammenbreche. Ganz viel Geld: "100 Milliarden Euro im Monat". Die Verschuldung des Landes werde damit noch einmal steigen - "von etwa 3,8 auf etwa 4,5 Prozent" des Bruttoinlandsprodukts (BIP) - aber "eine Alternative dazu gibt es nicht". Wenn das Geld erst mal fließe, glaubt Salvadori, "wird alles gut!" 

Italiens Wirtschaft erlebt dieser Tage eine Kernschmelze. Mit dem Ausbruch des Coronavirus sind Tourismus, Luftfahrt und Handel zusammengebrochen. Seit die Regierung am Wochenende per Dekret auch noch die Schließung von Unternehmen und Fabriken anordnete, die für die Grundversorgung der Bevölkerung  "nicht absolut notwendig, entscheidend und unverzichtbar" sind, ist klar: Ohne massive Finanzhilfen droht vielen Firmen das Aus. Vor allem kapitalschwache Klein- und Mittelbetriebe in allen Branchen werden Mühe haben, die ökonomische Tragödie zu überstehen. Die Ratingagentur Fintech d´Europa stuft 65 Prozent von ihnen als pleitegefährdet ein.

"Die größte ökonomische Krise nach dem Zweiten Weltkrieg"

Blumenzüchter und Bürgermeister Alberto Biancheri: Die nächsten Wochen entscheiden darüber, sagt er, "ob es zur wirtschaftlichen Katastrophe kommt"

Blumenzüchter und Bürgermeister Alberto Biancheri: Die nächsten Wochen entscheiden darüber, sagt er, "ob es zur wirtschaftlichen Katastrophe kommt"

Foto: picture alliance / Photoshot

Alberto Biancheri, 57, ist Blumenzüchter und Bürgermeister in der "Nelkenstadt" San Remo. Das Geschäft hatte nach langer Krise gerade wieder angezogen, nun macht das Virus den zarten Aufschwung im Blumenhandel zunichte und das Tourismusgeschäft in der Stadt gleich mit. Der Absatz ist weggebrochen, auf etwa 35 Prozent seiner Produktion blieb Biancheri erst einmal sitzen.

Noch hofft er, dass die Bestellungen nur verschoben sind, von März auf April, aber sicher ist er sich da längst nicht mehr. Und bald danach kann er die meisten Pflanzen, Zwiebeln, Samen nur noch wegwerfen. Für Biancheri ist es "die größte ökonomische Krise nach dem Zweiten Weltkrieg". In San Remo "ist seit 15 Tagen alles zu, Restaurants, Bars, die kleinen Firmen schließen, es ist sehr schwierig zu überleben." Die nächsten Wochen entscheiden darüber, sagt er, "ob es zur wirtschaftlichen Katastrophe kommt". Nur mit gewaltigen Finanzmitteln aus Europa sei das zu verhindern, "allein schafft das die römische Regierung nicht". 

Für jede vierte der kapitalschwachen Tourismusfirmen könnte es das Aus bedeuten

Wahrscheinlich hat er recht. Denn es gilt, nicht nur einzelne Unternehmen zu retten, sondern ganze Wirtschaftszweige. Italiens Tourismus- und Transportwirtschaft, die für dieses Jahr eigentlich ein Plus von 2,1 Prozent erwartet hatte, erlebt gerade einen steilen Absturz. Wie steil er ausfallen wird, ist noch nicht entschieden. Cerved, die Ratingagentur eines italienischen Kreditinformationsdienstes, hat verschiedene Szenarien durchgerechnet. In der glimpflichen Variante verlieren die Tourismusunternehmen 25 Milliarden Euro in diesem und weitere acht Milliarden Euro im nächsten Jahr. In der pessimistischen Variante verlieren sie in diesem Jahr 49 Milliarden und danach weitere 29 Milliarden Euro. Etwa jeder zehnte Betrieb in der Branche würde das nicht überleben. Unter den Firmen, die ohnehin kapitalschwach sind, könnte es für jede vierte das Aus bedeuten. 

Für etliche andere Branchen fallen die Cerved-Prognosen kaum besser aus. Hotels und Pensionen, so die Ratingagentur, werden in diesem und im nächsten Jahr etwa 40 Prozent weniger Umsatz machen, Flughäfen 20 bis 30 Prozent. Vorausgesetzt, die Coronakrise ist bis Juni ausgestanden. Geht der Horror bis zum Jahresende weiter, verlieren Hotels, Pensionen, Reiseagenturen und Flughafenbetreiber in diesem Jahr sogar zwischen 50 und über 70 Prozent ihrer Bruttoeinnahmen.  

Alle Artikel zum Coronavirus

Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

Zahlreiche große italienische Unternehmen haben diese Woche Alarm geschlagen. Der Einzelhandelsverband Federdistribuzione - er vertritt so bekannte Firmen wie H&M, Ikea, Oviesse, Coin, Rinascente und Zara - fordert "schnelle Hilfen", gegen die "Liquiditätsprobleme" vieler Firmen. So gut wie alle Modeunternehmen hätten "Hunderte von Millionen für die Frühlingskollektionen ausgegeben", von denen sie nun nicht wissen, ob sie die jemals verkauft kriegen, sagte Verbandspräsident Claudio Gradara der Tageszeitung "La Repubblica". Viele der rund 100.000 Beschäftigten seien in Kurzarbeit, aber das reiche nicht: Der Staat müsse den Betrieben die Steuern und andere Abgaben stunden und staatliche Kredite bereitstellen.

Auch der Modeproduzent Archetipo in Udine mit seinem Label "Cleofe Finati" bleibt vom Corona-Desaster nicht verschont. Der Betrieb musste schließen, wie alle, die nicht von "existenzieller Bedeutung" sind. Jetzt, in der letzten Märzwoche, wird normalerweise die neue Kollektion präsentiert, mit Pressekampagnen und Events von Europa bis Asien. "Nichts davon war möglich", sagt Stefania Vismara, Gründerin und Chefin des Modehauses, "wir haben alles verschoben - auf die Zeit danach". Die Läden, die ihre Mode weltweit verkaufen, sind zumeist geschlossen. Die Nachfrage ist ohnehin gering: "Viele Hochzeiten und große Feste wurden verschoben oder abgesagt", so Vismara, "und das sind die Gelegenheiten, bei denen sich die Menschen gern mit Cleofe Finati einkleiden." Aber was soll es", sagt die Modeschöpferin, "Menschenleben gehen immer vor!". 

Stefania Vismara, Gründerin und Chefin des Modehauses Cleofe Finati

Stefania Vismara, Gründerin und Chefin des Modehauses Cleofe Finati

Foto: cleofe finati

Schutz der Beschäftigten soll verbessert werden

Womöglich werden auch einige Unternehmen, die bislang nicht per Regierungsdekret geschlossen wurden, demnächst auf Druck der Gewerkschaften geschlossen werden müssen. Sie berichten von schlimmen Arbeitsbedingungen in Betrieben von Mailand bis Neapel. So müssten Arbeiter mitunter ohne Gesichtsmasken oder andere Schutzkleidung arbeiten und würden dafür mit einer 100-Euro-Prämie beruhigt. In Werken, in denen bereits Beschäftigte kontaminiert wurden, werde gleichwohl weiter gearbeitet. Nun fordern drei große Gewerkschaften, die Arbeit in allen Firmen, die auch nach dem Dekret der Regierung noch geöffnet sind, aber nicht wirklich von existenzieller Bedeutung für das Land seien, einzustellen. Dort, wo unbedingt weitergearbeitet werden müsse, solle der Schutz der Beschäftigten optimiert werden. Ansonsten drohe ein Generalstreik. 

Zustimmung dafür kommt aus dem Unternehmerlager. Maurizio Casasco, Firmenchef und Verbandspräsident der italienischen Kleinunternehmer, fordert, alle Unternehmen, die "nicht wirklich unverzichtbar" für das Land sind, "für sieben bis neun Tage zu schließen", um die Ansteckungsgefahr drastisch zu reduzieren. Unmöglich? Ach was, sagt Casasco, "das machen wir jeden August!".

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