Corona-Pandemie Kapitalflucht aus Schwellenländern stärker als zur Weltfinanzkrise 2008

Produktion eingestellt, Milliarden abgezogen, Touristen weg: In Ländern wie Südafrika oder der Türkei bahnt sich eine Krise nach der Krise an. Doch einige Emerging Markets sind besser vorbereitet.
Markt in Dakar, Senegal: "Die Verwundbarsten auf diesem Planeten schützen"

Markt in Dakar, Senegal: "Die Verwundbarsten auf diesem Planeten schützen"

Foto: ZOHRA BENSEMRA/ REUTERS

Kristalina Georgiewa verteilt dieser Tage Dollar-Millionen, rund um die Welt: 442 Millionen für den Senegal, 174 Millionen für Albanien, 121 Millionen für Kirgisistan, eine Milliarde für Ghana, und, und, und. Einen Corona-Notkredit nach dem nächsten vergibt die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) in diesen Tagen. Sie muss noch eine lange Liste abarbeiten.

Mehr als 90 Schwellenländer haben den IWF um finanzielle Hilfe angesucht. Viele Staaten fürchten bankrottzugehen. "Es ist die dunkelste Stunde der Menschheit, die ich miterlebt habe", sagt Georgiewa. Jetzt komme es darauf an, "die Verwundbarsten auf diesem Planeten zu schützen". Gerade hat der IWF 25 der ärmsten Staaten wie Afghanistan, Haiti oder Mali nun Schuldenerleichterungen gewährt; 500 Millionen Dollar stehen für das Programm bereit. 

"Alle Schwellenländer werden von dieser Krise getroffen"

Aber das sind Peanuts, verglichen mit den tatsächlichen wirtschaftlichen Schäden, welche die Pandemie in den Schwellen- und Entwicklungsländern anrichtet. 83,3 Milliarden Dollar haben ausländische Geldgeber in diesem März aus den Emerging Markets abgezogen, hat der Ban­ken­ver­ban­d In­sti­tute of In­ter­na­tio­nal Fi­nance (IIF) errechnet. Die Kapitalflucht war stärker als in den allerschlimmsten Zeiten der Weltfinanzkrise von 2008. Und in diesem April dürften die Zahlen kaum besser aussehen.

"Alle Schwellenländer werden von dieser Krise getroffen", sagte Mauro Toldo, der Emerging-Markets-Chefstratege der DekaBank, dem SPIEGEL. "Niemand kann absehen, wie schwer es wird und wie lange es dauert." Keine Krise vergangener Jahrzehnte war so allumfassend wie diese. Zum einen brechen die Preise für Erdöl, Kupfer oder andere Rohstoffe ein, von deren Export Länder wie Nigeria, Chile oder Brasilien leben. Zum anderen ist Tourismus plötzlich nicht mehr vorhanden - ein besonderer Schlag für Staaten wie Thailand oder die Türkei. Schließlich stocken globale Liefer- und Produktionsketten, worunter etwa Nationen wie Bangladesch oder Mexiko leiden.

Und völlig ungewiss ist dabei, wie stark sich das Coronavirus in welchen Ländern ausbreiten, wie lange es das Leben lahmlegen, wie viele Menschen es schwer krank machen oder töten wird. Es sei ein Seiltanz, twittert Pakistans Premierminister Imran Khan, "zwischen einem Lockdown, der nötig ist, um die Verbreitung von Covid-19 zu verlangsamen/verhindern, und der Sicherstellung, dass Menschen nicht verhungern und unsere Wirtschaft nicht kollabiert".

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Plötzlich sind viele Emerging Markets wieder ganz schwach. Nachdem sie jahrelang prosperiert und der Weltwirtschaft Schwung verliehen haben. Sie haben ausländisches Kapital in großem Stil angezogen: oft über sogenannte "Carry Trades" von Investoren aus Industrieländern, denen die Zinsen und Renditen in der Ersten Welt zu niedrig waren. Der Boom hat eine neue Mittelklasse in vielen Schwellenländern erschaffen. Aber auch Schuldenberge. Laut IIF haben sich die Verbindlichkeiten der Emerging Markets seit 2010 verdoppelt: auf rund 72.000 Milliarden Dol­lar.

"Jetzt drehen sich die 'Carry Trades' um", sagt DekaBank-Experte Toldo. Viele Kapitalgeber ziehen ihr Geld aus dem globalen Süden ab, zurück in die Heimat. Dadurch werten die Landeswährungen ab: besonders stark zuletzt etwa in Südafrika, Mexiko oder Indonesien. Entsprechend teurer wird es für diese Staaten, in Dollar aufgenommene Schulden zurückzuzahlen. Obendrauf haben Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit mehrerer Staaten abgesenkt, unter anderem von Südafrika, Mexiko und Nigeria. So schießen die Risikoprämien für die Anleihen vieler Nationen hoch. Entsprechend teurer wird es für die Regierungen werden, sich neues Geld zu beschaffen, um alte Schulden zurückzuzahlen.

Erste Staaten melden sich zahlungsunfähig

Der Libanon hat sich bereits Anfang März für zahlungsunfähig erklärt. Besonders offensichtlich werden die Nöte momentan in Lateinamerika. Argentiniens Regierung, die schon vor Corona am Rande des Bankrotts stand, hat einen weitreichenden Lockdown ausgerufen - und für dieses Jahr alle Rückzahlungen aus lokalen Anleihen ausgesetzt. Ecuador, wo das Coronavirus gerade heftig wütet, bittet seine Gläubiger um Zahlungsaufschub und niedrigere Zinsen. Und in Venezuela, dem Land mit den größten Ölreserven der Erde, wird nun offenbar sogar Benzin knapp: In sozialen Netzwerken häufen sich die Videos von kilometerlangen Autoschlangen vor Tankstellen.

Nicht überall ist die Wirtschaftslage derart dramatisch. "Schwellenländer wie Russland, Vietnam oder Malaysia sind deutlich besser aufgestellt", sagt Deka-Experte Toldo. Sie sind zum Teil nicht so hoch verschuldet oder vor allem bei inländischen Kreditgebern. Einige haben in den fetten Jahren sogar Reserven für Krisenzeiten aufbauen können.

Und dann ist da noch China, das vom Entwicklungsland zur Supermacht aufgestiegen ist - und selbst dieses globale Krisenjahr womöglich noch mit ein bisschen Wachstum abschließen könnte. Die Volksrepublik ist in den vergangenen Jahren selbst zu einem der größten Gläubiger von Schwellenländern geworden. Auf Pekings Haltung kommt es nun an: kommendes Wochenende, wenn die Vertreter der Staaten bei der virtuellen Frühjahrstagung von IWF und Weltbank über die Schulden der ärmsten Nationen verhandeln.

IWF-Chefin Georgiewa und Weltbank-Präsident David Malpass haben ein erstes Ziel erreicht: Auf ihre Initiative hin haben die 20 führenden Industrienationen (G20 ) diesen Mittwochabend ein Schuldenmoratorium beschlossen: Sie stunden den ärmsten 77 Nationen zwölf Monate lang anstehende Zinszahlungen und Tilgungsleistungen in Höhe von insgesamt 14 Milliarden Dollar. Gegenüber den Rettungspaketen, die Staaten wie Deutschland oder die USA  für ihre eigenen Volkswirtschaften angekündigt haben, sind die Summen überschaubar. Für die ärmsten der Armen machen sie einen großen Unterschied.