Selbstständige in der Coronakrise Einnahmen bis auf Weiteres: null

Die Coronakrise bedroht die Existenz vieler Kleinunternehmer. Sie hoffen auf den Rettungsschirm der Regierung. Aber bis der kommt, wird es für viele eng.
Fotograf Nils Hasenau

Fotograf Nils Hasenau

Foto: Nils Hasenau

Hübsche Vintagemöbel und Accessoires gehören zu den ersten Dingen, auf die Menschen in Krisenzeiten verzichten. Das bekam Nadine Nagelmann, 39, vergangene Woche zu spüren. Sie betreibt das Geschäft "anno26 Wohnakzente" in Tecklenburg, einer Kleinstadt in Nordrhein-Westfalen.

"Am Mittwoch hatte ich nur noch 28 Euro in der Kasse", sagt Nagelmann. "Am Donnerstag war es dann gar nichts mehr." Am Samstag, noch drei Tage bevor die Bundesregierung die Schließung vieler Läden veranlasste, sperrte Nagelmann ihr Geschäft zu. Auch aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus. Ihr Sohn ist herzkrank, sie wollte kein Risiko eingehen.

Nagelmanns Einnahmen liegen nun bis auf Weiteres bei null. Ihre Fixkosten aber bleiben: Die Ladenmiete, die Versicherungen, die Steuerzahlung, die gerade ansteht. "Bei mir liegen die Nerven blank", sagt Nagelmann.  

Rund 2,3 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland als Freiberufler oder Kleinstunternehmer ohne Angestellte. Dazu gehören Ladenbetreiber wie Nagelmann, Yogalehrer, Coaches, Künstler. Diese sogenannten Soloselbstständigen trifft die Coronakrise besonders hart. Vielen sind binnen Tagen die Einnahmen weggebrochen, sie fürchten um ihre Existenz. Anspruch auf Arbeitslosengeld haben die wenigsten.

"Ich habe keine riesigen Rücklagen"

Im Berliner Regierungsviertel ist man sich der Notlage durchaus bewusst und sucht nach Lösungen. Die Bedingungen etwa, unter denen Selbständige im Ernstfall Grundsicherung beantragen können, sollen möglichst vereinfacht werden. Nach Informationen des SPIEGEL arbeitet die Bundesregierung außerdem an einem Rettungspaket für Soloselbstständige und Kleinstunternehmer in Höhe von 40 Milliarden Euro. 10 Milliarden sollen als direkte Zuschüsse fließen, weitere 30 Milliarden als Kredite vergeben werden.

Für Ladenbetreiberin Nagelmann wäre ein solcher Fonds eine Riesenhilfe. "Mein Geschäft trägt sich in normalen Zeiten gut, aber ich habe keine riesigen Rücklagen, und es weiß ja keiner, wie lange die Krise dauert." 

Auch Fotograf Nils Hasenau aus Berlin ist zumindest etwas erleichtert. "Wenn ein solcher Fonds wirklich kommt, habe ich Hoffnung", sagt er. Doch skeptisch ist er auch. "Es werden jetzt massenhaft Anträge kommen, da wird es sicherlich logistische Schwierigkeiten geben."

Hasenau fotografiert vor allem Polit-Events, Werbung und auch Hochzeiten, er hat bis vor zwei Wochen gut verdient, wie er sagt. Dann brachen binnen Tagen Aufträge im Volumen von 18.000 Euro weg, ein Ende ist nicht absehbar. Hasenau hat deshalb schon Worst-Case-Szenarien durchgedacht. Wenn es "hart auf hart" komme, werde er seine Eigentumswohnung vermieten und mit Kind und Freundin zu den Eltern nach Nordrhein-Westfalen ziehen, sagt er.

"Die halten vier oder sechs Wochen durch"

Etliche seiner Kollegen seien noch schlimmer dran, erzählt er am Telefon. "Bei vielen ist die Finanzdecke so dünn, die halten vier oder sechs Wochen durch, dann ist es vorbei."

Dass es bei mancher Hilfsmaßnahme allerdings noch dauern könnte, bis sie greift, merkte Ladenbesitzerin Nagelmann schon in den vergangenen Tagen. Vergangenen Freitag hatte sie die Pressekonferenz von Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier verfolgt. Scholz versprach unter anderem, dass Unternehmer künftig Steuern, die sie "real" schulden, ohne Zinsen stunden können - und zwar "ohne allzu detaillierte Prüfung".

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

"Mir sind wirklich die Tränen gekullert vor Erleichterung, als ich das gehört habe", sagt Nagelmann. Sie muss noch Steuern für 2019 an das Finanzamt überweisen. Das Geld dafür hätte sie zwar, "ich bräuchte es aber jetzt dringend, um meine laufenden Kosten zu decken."

Also rief Nagelmann am Dienstag bei dem zuständigen Mitarbeiter ihres Finanzamtes an. "Der hat gesagt, ich könne ja jetzt nicht alles auf die Coronakrise schieben und hat echt losgelacht, als ich ihm gesagt habe, dass laut Bundesregierung auch auf Kontopfändungen bis Ende des Jahres verzichtet werden soll." Die Beschlüsse aus Berlin seien bei ihm offenbar noch nicht angekommen. 

Das liegt daran, dass sich der Bund bei den angekündigten Steuermaßnahmen erst noch mit den Ländern abstimmen muss. Das solle bis Ende der Woche geschehen, erklärte das Bundesfinanzministerium am Dienstag.

"Ich brauch einfach nur unbürokratische Hilfe"

Bei verschiedenen Hilfsprogrammen der Förderbank KfW, die die Bundesregierung wegen der Coronakrise ebenfalls ausgeweitet hat, gibt es derartige Abstimmungsprobleme nicht. Allerdings handelt es sich dabei durchweg um Kredite, die natürlich irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Die KfW nimmt den Hausbanken einen Teil des Risikos ab - vorausgesetzt, man besitzt als Soloselbstständiger genügend Bonität, um überhaupt einen Kredit zu erhalten. "Einzelunternehmer, die wenig Anlagevermögen oder andere Sicherheiten mitbringen, haben oft größere Schwierigkeiten beim Zugang zu Krediten", weiß auch ein KfW-Sprecher.

Ladenbetreiberin Nagelmann hadert aus einem anderen Grund damit, in Zeiten wie diesen ein Darlehen aufzunehmen. "Ich weiß ja gar nicht, wann ich wieder Einnahmen habe und Schulden zurückzahlen kann." Zuschüsse, wie sie jetzt die Bundesregierung plant, wären eine sehr viel größere Hilfe, sagt sie.

Zwar will der Bund im Nachhinein voraussichtlich überprüfen, ob die Zuwendungen wirklich gebraucht wurden und Zuschüsse im Zweifel sogar im Nachhinein in Kredite umwandeln – das aber findet Nagelmann "völlig korrekt": "Ich erwarte ja nicht, dass meine Ausgaben eins zu eins übernommen werden", sagt sie. "Ich brauch einfach nur unbürokratische Hilfe, um die nächsten Monate zu überbrücken."