Lehren aus der Coronakrise Leopoldina-Forscher fordern Umbau des Gesundheitssystems

Die vierte Studie der Leopoldina zur Coronakrise ist fertig - und sie kritisiert den Staat. Der habe sich zu stark aus der Vorsorge für die Gesundheit der Bürger herausgehalten. Das müsse dringend geändert werden.
Foto: Peter Kneffel/ DPA

Schon drei Studien haben die Mitglieder der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina zur Coronakrise vorgelegt. Vor allem die dritte von Anfang April hatte entscheidenden Anteil daran, dass die Regierung die Kontaktbeschränkungen lockern sowie Geschäfte, Restaurants und Schulen wieder öffnen ließ.

Jetzt legen die Forscher ihr viertes Werk vor. Es befasst sich vor allem mit der Frage, wie das Gesundheitssystem kurz- und langfristig so umgebaut werden muss, dass es auch künftige Pandemien bewältigen kann. Im Blick der Gelehrten: nicht nur Corona-Patienten, sondern auch alle anderen Kranken, die auf lebenswichtige Diagnosen und Behandlungen warten.

Der achtseitige Bericht, der dem SPIEGEL vorliegt, analysiert "die Stärken und Schwächen", die die Coronakrise im Gesundheitssystem des Landes offengelegt habe, schreiben die 31 Leopoldina-Forscher. Und er dürfte die überfällige Diskussion darüber anstoßen, welche Lehren Staat und Gesellschaft aus der Coronakrise ziehen müssen.

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Die Gelehrten fordern ein grundsätzliches Umdenken: "Wie diese Krise deutlich zeigt, können in einem Gesundheitssystem grundsätzlich nicht die gleichen wirtschaftlichen Maßstäbe angelegt werden wie in der freien, wettbewerbsorientierten Wirtschaft", schreiben sie. Die öffentliche Hand, so kritisieren sie indirekt, habe sich zu stark aus der Vorsorge für die Gesundheit der Bürger herausgehalten. Das muss nach Ansicht der Akademiker dringend geändert werden. Sie fordern: "Die Gestaltung eines adaptiven Gesundheitssystems, das auch Ausnahmesituationen meistern kann, ist eine staatliche Aufgabe."

Situation "relativ gut" bewältigt

Deutschland habe die Pandemie-Situation "relativ gut" bewältigen können, so die Analyse der 15 Forscherinnen und 16 Forscher. Doch dies, so suggerieren sie, ist eher auf die Improvisation der Ärztinnen und Ärzte, des Pflegepersonals und der öffentlichen Gesundheitsdienste zurückzuführen, als auf gute Vorbereitung. Sie formulieren das nur etwas dezenter: Die Akteure hätten "schnell und flexibel" reagieren müssen, dadurch hätten sich "Strukturen herausgebildet, die zu klaren Aufgabenverteilungen" geführt hätten.

Das Resultat dieses schmerzlichen Lernprozesses wollen die Gutachter der Hallenser Vereinigung erhalten und ausbauen. Es werde in dieser Phase der Pandemie darum gehen, ausreichend Kapazitäten für Covid-19-Erkrankte vorzuhalten. Universitätskliniken müssten mit regionalen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten eng zusammenarbeiten und noch stärker die Erkenntnisse aus der Behandlung der Covid-Patienten austauschen.

Zu ihrer Analyse gehört aber auch, dass "viele Patientinnen und Patienten mit anderen, zum Teil schweren Erkrankungen in den vergangenen Wochen nicht oder nur sehr eingeschränkt untersucht und versorgt werden konnten". Dazu zählen sie etwa Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs oder auch psychischen Leiden.

Diese müssten wieder eine "bedarfsgerechte Versorgung" bekommen, auch "um ihr Vertrauen in eine gute und sichere Behandlung zu stärken". Damit nehmen die Leopoldina-Forscher die Kritik einer ganzen Reihe von Medizinern und Patientenvertretern auf, die quasi als Kollateralschaden der Coronakrise vor einer Zunahme von Erkrankungen und Todesfällen durch Nicht-Covid-19-Patienten warnen.

Das Infektionsgeschehen in Krankenhäusern und Arztpraxen müsse beherrscht werden, indem die beiden Patientengruppen baulich oder organisatorisch getrennt werden. Es müsse "eine zentrale Reserve" aufgebaut werden für Schutzausrüstung, Medikamente und Medizinprodukte - auch das ein Versäumnis in der Vorbereitung für eine Pandemie.

Kritik an Fallpauschalen

Die Nationalakademie rät eindringlich dazu, das Gesundheitssystem langfristig und strukturell umzubauen. Grundsätzliche Fehlanreize des derzeitigen Systems müssten korrigiert und vermieden werden, schreiben die Wissenschaftler. Diese ergeben sich aus dem bestehenden Finanzierungssystem der Mediziner mit Fallpauschalen, bei denen Hospitäler von den Krankenkassen einen fixen Betrag etwa für eine Operation bekommen - weitgehend unabhängig von der tatsächlichen Verweildauer des Patienten.

Die Fallpauschalen sollten nicht abgeschafft, sondern weiterentwickelt werden, damit auch eine Infrastruktur für den Pandemiefall entsteht. Es müssten "Reserven" gebildet werden, für "zusätzliche Intensiv- und Infektionsbereiche" sowie die Notfallmedizin. Entscheidend für das Wohl der Patienten und deren qualitativ hochwertige Behandlung seien aber auch das medizinische und pflegerische Fachpersonal. Das müsse angemessen ausgebildet und bezahlt werden, attraktivere Arbeitsbedingungen aber auch "gesellschaftliche Wertschätzung" bekommen, so die Leopoldina-Experten.

Der Bericht ist entstanden unter Leitung des Leopoldina-Präsidenten Gerald Haug. Mitgewirkt haben Direktoren und Vorstandschefs von Universitätskliniken wie etwa Heyo Kroemer von der Berliner Charité oder Julia Mayerle von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Mit dabei war auch der Berliner Virologe Christian Drosten, der zum wohl prominentesten Gesicht der Corona-Forschung in Deutschland geworden ist.

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina ist mit über 350-jähriger Geschichte die älteste Gelehrtenvereinigung des Landes und rühmt sich ihrer Unabhängigkeit von wirtschaftlichen Interessen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat während der Coronakrise mehrfach erwähnt, besonderes Augenmerk auf den Ratschlag der Leopoldina zu legen. Auch ihr Mann Joachim Sauer ist seit dem Jahre 2007 Mitglied der Vereinigung.

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