Engpässe in der Pflege wegen Coronavirus Die Betreuungskrise

Nach Ostern könnten bis zu 200.000 Pflegekräfte aus Osteuropa in Deutschland fehlen. Davon betroffen wären Senioren, die in ihrem eigenen Zuhause gepflegt werden. Ein Lösungsvorschlag: Kurzarbeit für Angehörige.
Drohende Engpässe in der Pflege: "Die Alten- und Pflegeheime sind voll"

Drohende Engpässe in der Pflege: "Die Alten- und Pflegeheime sind voll"

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Christoph Schmidt/ dpa

Wegen der Coronakrise drohen bei der Pflege und Versorgung älterer Menschen daheim aus Expertensicht akute Engpässe. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) warnte, dass nach Ostern bis zu 200.000 Betreuungskräfte aus Osteuropa fehlen könnten. Aus Sicht der Stiftung Patientenschutz ist die Situation akut: "Die Betreuer fehlen schon jetzt, die Krise ist längst da", sagte Vorstand Eugen Brysch der Nachrichtenagentur dpa. Der Sozialverband VdK forderte Hilfe für berufstätige Angehörige, wenn sie für professionelle Betreuer einspringen.

"Wo sollen all die pflegebedürftigen Menschen bleiben, die derzeit zu Hause leben, wenn Betreuungshilfe wegbleibt? Die Alten- und Pflegeheime sind voll", sagte VdK-Präsidentin Verena Bentele. Sie schlug vor, Kurzarbeit-Regelungen auf Angehörige auszudehnen. Dann könnten Berufstätige zeitweise aus dem Job aussteigen und wären abgesichert. Pflegebedürftige blieben im eigenen Zuhause.

VHBP-Geschäftsführer Frederic Seebohm äußerte die Sorge, dass Pfleger aus Osteuropa früher als geplant in ihre Heimat zurückreisen und kein Ersatz mehr kommt. "Das hängt mit der Angst vor dem Virus, Angst um die eigenen Familien und auch der Situation an den Grenzen zusammen." Dort gibt es zum Teil lange Wartezeiten. Von etwa 300.000 täglich in Deutschland arbeitenden Betreuern - laut der Stiftung Patientenschutz sind die Zahlen noch weit höher - sind zudem nur zehn Prozent mit ordentlichen Papieren im Land, schätzt der VHBP. Der Rest arbeite illegal. Seebohm sprach von einem "Tabuthema".

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Verunsicherung bei Angehörigen von Pflegebedürftigen

Patientenschützer Brysch sagte, Hunderttausende Pflegekräfte vor allem aus Polen hätten Deutschland angesichts der Pandemie bereits verlassen, weitere etwa aus der Ukraine und dem Baltikum wollten bald ausreisen. Er berichtete von weinenden Angehörigen am Patiententelefon, die nicht mehr weiterwüssten. "Alle gucken auf die Kinderbetreuung, da haben wir einen gesellschaftlichen Blick - aber ein Blick in Richtung der alten Menschen existiert überhaupt nicht." Brysch forderte kommunale Krisenstäbe, um Angehörigen in dieser Situation beizustehen und Abhilfe zu schaffen.

Der VdK forderte auch Unterstützung für pflegende Angehörige, die fürchten müssten, ihre Eltern oder Großeltern anzustecken. Viele seien verunsichert, sagte Bentele. "Wie sollen sie ihre Angehörigen weiter gut versorgen, einkaufen, ihnen nahe sein? Wegen der Infektionsgefahr dürften sie das Haus eigentlich nicht verlassen." Ein erster wichtiger Schritt wäre, die außerhäusliche Versorgung sicherzustellen - zumindest mit Lebensmitteln, Medikamenten, Schutzkleidung und anderen Produkten des täglichen Bedarfs. Hierfür sollten Mittel des Entlastungsbetrags bereitgestellt werden. Dies sind monatlich 125 Euro. Patientenschützer kritisieren, dass viele der 2,6 Millionen zu Hause versorgten Menschen diesen nicht abrufen.

ptz/dpa
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