Stefan Kuzmany

Mehr Geld für Service, Pflege und Dienstleistung Weil wir sie brauchen

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Die neue Dankbarkeit an der Supermarktkasse sollte sich langfristig auf das Lohngefüge niederschlagen: Wer den Laden am Laufen hält, verdient mehr Geld. Ein Corona-Bonus kann nur ein Anfang sein.
Kassiererin in einem Hamburger Drogeriemarkt, 23. März 2020

Kassiererin in einem Hamburger Drogeriemarkt, 23. März 2020

Foto: Christian Charisius/ DPA

Nur schnell in den Supermarkt? Das waren noch Zeiten. Vor dem Eingang hat sich eine Schlange gebildet, acht Menschen warten geduldig auf Einlass, brav in anderthalb Metern Abstand haben sie sich auf dem Gehsteig aufgereiht. Wenn ein Kunde den Laden verlässt, winkt der Sicherheitsmann den nächsten herein, teilt Einweg-Gummihandschuhe aus  - so können nie gleichzeitig so viele Menschen drinnen sein, dass sie sich nicht großräumig umfahren können. Drinnen dann ungewohnte Leere, die Radiomusik läuft wie immer im Hintergrund, aber sonst ist es merkwürdig still. Nichts ist wie immer.

Stimmt nicht ganz: Wie immer wuseln die Angestellten durch den Markt, jetzt zwar auch alle mit Handschuhen, aber ansonsten alle da. "Geht ja nicht anders. Die Leute müssen ja einkaufen", sagt der junge Mann an der Kasse. Herzlichen Dank.

Erst jetzt, in dieser surrealen Coronakrise, wird klar, worauf es wirklich ankommt, wenn das Leben weitergehen soll, wenn fast nichts mehr geht: Dass es Brot gibt. Dass das Wasser aus der Leitung kommt. Dass die Pakete geliefert werden und das Essen vom Bringdienst. Und sollte uns das Virus erwischen, trotz Händewaschen und gehörig Abstand, sollte es schlimm werden oder sogar noch schlimmer: Dass da jemand ist, der im Krankenhaus aufpasst. Der oder die sich um uns kümmert.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

In Frankreich gibt es das schon, in Deutschland wird noch diskutiert: Supermarktangestellte sollen einen sofortigen Bonus bekommen, direkt aufs Konto. Das ist eine gute Idee. Denn schön ist es zwar, wenn sich jetzt alle freundlich bedanken für die virengefährdete Arbeit an der Supermarktkasse, und wichtig war es, dass die Bundeskanzlerin in ihrer Rede an die Nation speziell jene gelobt hat, die jetzt "den Laden am Laufen halten", die die härtesten Jobs übernehmen, damit wir nicht verhungern oder Zeitungspapier zweckentfremden müssen. Aber solche Dankbarkeit sollte selbstverständlich sein. Sie muss sich jedoch zusätzlich finanziell niederschlagen, sonst bleibt sie allzu billig.

Deshalb ist auch ein einmaliger Bonus zwar eine gute Geste, aber noch längst nicht genug. Wenn uns die Coronakrise tatsächlich etwas lehren sollte, dann zunächst das: Eine Gesellschaft, will sie gut oder überhaupt leben, ist angewiesen auf ein riesiges Heer von Helferinnen und Helfern, die uns Waren bringen und verkaufen, die für uns putzen, fahren, pflegen. Und bei aller neuen Wertschätzung für die gefährlicher gewordenen Dienstleistungen in Zeiten der Pandemie: Das gilt nicht nur für jetzt, das gilt immer. Und es gilt nicht nur für jene Dienstleister und Servicekräfte, die uns in der aktuellen Situation besonders ins Auge fallen – es gilt für alle. Das Virus sollte uns bewusst machen, dass eine ganze Klasse von Arbeitenden mehr Geld verdienen sollte.

Viele Selbständige stehen jetzt vor dem Ruin. Ihnen sollen staatliche Rettungsschirme helfen, und das ist gut so. Aber vergessen wir nicht: In guten Zeiten sind Selbständige ihre eigenen Chefs, mit einer guten Idee und Fleiß können sie sich Reichtum schaffen, ohne beides gehen sie in die Pleite. Das ist ihr unternehmerisches Risiko. Viele, insbesondere akademisch ausgebildete Angestellte bemerken von der Krise finanziell noch nichts: Ob sie ihre Bildschirmarbeit im Büro oder daheim erledigen, fällt kaum ins Gewicht. Vielleicht nerven die Kinder und die vielen Videokonferenzen – aber das ist vergleichsweise harmlos.

Am Ende dieses ersten Corona-Monats werden viele von ihnen sogar mehr Geld auf dem Konto haben als normalerweise: Sie gehen nicht ins Restaurant, nicht in die Kneipe und nicht ins Kino. Sie sind erst dann bedroht, wenn die Krise andauert und ihre Arbeitgeber in Schieflage geraten. Darum muss der Staat auch hier für Absicherung sorgen.

Die vielen Lohnempfänger jedoch, die nicht von daheim arbeiten können, weil Waren ausgeliefert, Busse gefahren und Regale aufgefüllt werden müssen, stehen seit jeher am unteren Ende der Lohnskala. Dazu zählen auch die zahllosen nur formal selbständigen Paketfahrer und anderen Scheinselbständigen mit nur einem einzigen großen Arbeitgeber. Sie gelten als ersetzbar, irgendein Handlanger wird sich immer finden. Sie können sich auch nicht risikolos krankmelden, ohne Angst vor der Kündigung zu haben. Sie sind systemrelevant, aber nicht systemrelevant genug dafür, dass der Staat die Notbetreuung ihrer Kinder übernimmt. Doch jetzt zeigt sich, wie wichtig jeder und jede einzelne von ihnen dafür ist, dass diese Gesellschaft nicht zusammenbricht.

Das Coronavirus stellt eine längst vergessen geglaubte Frage: Die nach der Klasse. Wir müssen sie beantworten. Wir sollten der neuen Wertschätzung für Arbeiterinnen und Arbeiter eine neue Lohngerechtigkeit folgen lassen. Die Unternehmen müssen sie besser bezahlen, wir Kunden müssen dafür höhere Preise akzeptieren. Warum? Weil sie für uns alle arbeiten.

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