Tim Bartz

Auf und Ab an den Finanzmärkten Das Schlimmste ist nicht vorbei

Tim Bartz
Ein Kommentar von Tim Bartz
An den Börsen geht es plötzlich wieder teils steil bergauf. War es das schon in der Coronakrise? Für Entwarnung ist es zu früh: Börsenexperten nennen eine solche Rallye einen "Dead Cat Bounce".
Szene an der Frankfurter Börse, 20. März 2020

Szene an der Frankfurter Börse, 20. März 2020

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Kai Pfaffenbach/ REUTERS

Wer sich den Kursverlauf des Deutschen Aktien-Index (Dax) der vergangenen fünf Handelstage anschaut, könnte glatt annehmen, die Welt sei wieder in Ordnung. Das deutsche Kursbarometer kletterte in der Zeit von rund 8500 Punkten auf knapp 10.000 Punkte, hat also um 17 Prozent zugelegt.

Doch um daraus zu schließen, dass in der Coronakrise das Schlimmste überstanden sei, müsste man schon Hellseher sein oder die Realität völlig ausblenden. Dass Finanzmärkte im Laufe eines Crashs immer mal wieder für ein paar Tage zulegen, ist normal, weil Börsianer die Chance wittern, Aktien etablierter Firmen mit hohen Marktanteilen günstig zu kaufen. Dahinter steht die Hoffnung, dass sie als Erste von einer konjunkturellen Erholung profitieren. Aktienhändler sprechen in so einem Fall von einem "Dead Cat Bounce" - ein brutales Bild: eine Katze, die aus großer Höhe abstürzt, auf den Boden prallt, kurz wieder hochschnellt, um letztlich tot liegenzubleiben, weil sie sich das Genick gebrochen hat.

Die billionenschweren Hilfsmaßnahmen von Zentralbanken und Regierungen haben geholfen, die Panik vor dem Zusammenbruch von Wirtschaft und Kapitalmärkten zu lindern. Dass sich Demokraten und Republikaner im US-Kongress letztlich doch darauf einigen konnten, ein zwei Billionen Dollar schweres Konjunkturpaket zu schnüren, hat für weitere Zuversicht gesorgt. Nicht verhindern kann das freilich, dass in vielen Branchen der westlichen Welt die Produktion fast oder ganz zum Stillstand gekommen ist - ein Szenario, das es außerhalb von Kriegszeiten noch nie gegeben hat.

US-Präsident Donald Trump wünscht sich, dass Amerikas Unternehmen bereits zu Ostern wieder ihr Geschäft hochfahren können. Doch sehr viel realistischer ist, dass die Wirtschaft weit davon entfernt ist, zu normalen Verhältnissen zurückzukehren. Die derzeitige Kursrallye geht vom Weltfinanzzentrum New York City aus, gleichzeitig zählt die Stadt zu den am härtesten vom Coronavirus betroffenen in den USA. Die Lage in der Stadt wird sich in den nächsten Tagen verschlimmern, das wird seine Spuren auch bei den New Yorker Aktienhändlern hinterlassen, die den Takt für die anderen Börsen vorgeben.

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Auch in Europa wird die Zahl der Infizierten und Toten in den nächsten Tagen und Wochen voraussichtlich stark steigen, so die Prognosen der meisten Virologen. Und auch wenn bereits debattiert wird, wann die strikten Corona-Maßnahmen wieder gelockert werden, um die Wirtschaft nicht weiter zu gefährden: In vielen Betrieben liegt die Produktion weiter brach, Lieferketten bleiben noch für längere Zeit unterbrochen. Erst Mitte April wird zu erkennen sein, wie stark die Wirtschaft im ersten Quartal eingebrochen ist. Fallen die Zahlen höher aus als erwartet, könnte auch der Schock an der Börse groß sein. Zudem erwarten die meisten Experten, dass das zweite Quartal düsterer wird als das erste.

Kurzum: Für Entwarnung an den Kapitalmärkten ist es viel zu früh. Die einzigen, die der Höllenfahrt an den Börsen etwas Positives abgewinnen können, sind die Investmentbanken. Deren Handelsabteilungen profitieren stets, wenn die Kurse besonders stark schwanken. Ersten Schätzungen zufolge könnten ihre Einnahmen aus dem Handel mit Aktien und Anleihen im ersten Quartal um 20 bis 30 Prozent gestiegen sein.

Aber selbst das ist eine Momentaufnahme: Auch die großen US-Banken, die so lange unverwundbar gegen Krisen schienen, haben seit dem vollen Ausbruch der Corona-Katastrophe etwa ein Drittel ihres Werts verloren.

Es spricht nicht viel dafür, dass sie diese Verluste in naher Zukunft aufholen. Das gilt für alle Branchen. Daran ändert auch eine Handvoll Tage mit deutlichen Zugewinnen nichts. Eine tote Katze bleibt eine tote Katze.

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