Thomas Fricke

Coronakrise und Eurobonds Deutschlands fatales Zerrbild von Italien

Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Eine Kolumne von Thomas Fricke
Das wahre Euro-Drama liegt im irrigen deutschen Klischee vom prassenden Italiener. Es hat mit der Lebenswirklichkeit nichts zu tun - und ist dabei, die EU zu zersetzen.
Junges Paar auf dem Markusplatz in Venedig

Junges Paar auf dem Markusplatz in Venedig

Foto: Laurent EMMANUEL / AFP

Vielleicht ist es eine Folge der vielen Mafiafilme. Vielleicht ist es auch einfach der Neid, dass Italien einfach das schönere Wetter, das bessere Essen, mehr Sonne und Meer hat. Irgendetwas muss es jedenfalls sein, was diesen Drang erklärt, darauf zu pochen, dass wir Deutschen sparsamer, ernster und überhaupt vertrauenswürdiger sind. Und die Italiener diesbezüglich eben gravierende Unzulänglichkeiten aufweisen. Was manch einer selbst jetzt noch doziert, im größten unverschuldeten Drama seit Jahrzehnten.

So viel deutscher Hochmut ist nicht erst jetzt, aber jetzt besonders tragisch. Warum? Weil die deutsche Leier mit der Lebenswirklichkeit des Italieners schon seit geraumer Zeit nur noch in etwa so viel zu tun hat wie Sauerkraut mit den Ernährungsgewohnheiten in Wanne-Eickel oder wie die gelobte deutsche Pünktlichkeit mit der Baugeschwindigkeit unseres hübschen Hauptstadtflughafens. Wobei das ja noch lustig ist.

Anders als der peinliche Streit darüber, ob die Deutschen bei Eurobonds mitmachen, um damit anderen zu helfen - oder stattdessen lieber fantasieren, der Italiener hätte ja mal früher sparen sollen. Was den mangelnden deutschen Eifer erklären dürfte, in der EU wie beim Gipfel diese Woche endlich eine historische Rettungsaktion zu starten. Europa droht ein Drama, nicht weil der Italiener daneben liegt, sondern ein gewichtiger Teil der deutschen Wahrnehmung.

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Wenn der italienische Staat in einer Krise wie dieser unter finanziellen Druck gerät, liegt das, wenn es überhaupt an den Italienern liegt, daran, dass das Land eine ziemlich hohe staatliche Altschuldenquote hat, also viele Kredite aus vergangenen Zeiten. Nur hat das ja wenig mit der Lebensrealität heute zu tun, sondern mit einer Phase tatsächlicher Entgleisung in den Achtzigerjahren - wobei das damals nicht per se an einer Mentalität des Prassens lag, sondern auch an plötzlich hochgeschnellten Zinsen, wie Antonella Stirati von der Universität Roma Tre sagt.

Das ist bis zu vier Jahrzehnte her. Kleine Denkaufgabe: Hätten wir Deutschen nicht so liebe Freunde im Ausland gehabt, die uns 1953 einen Teil unserer Schulden erlassen haben, ständen wir mit der Altlast auch heute noch ziemlich dumm da. Wie es endet, wenn Menschen historisch entstandene Schulden weiterzahlen sollen, hat Deutschland überdies nach dem Ersten Weltkrieg vorgemacht, als am Ende das System kippte, wie es seit Jahren in Italien droht.

Wie viel der Italiener in jüngster Zeit tatsächlich geschludert hat - und ob überhaupt -, lässt sich besser aus der Entwicklung der laufenden jährlichen Staatsbudgets ablesen. Da fahren Italiens Regierungen seit 1992 Jahr für Jahr Überschüsse im Etat ein, wenn man herausrechnet, was als Zinszahlungen für die Bedienung der Altschulden draufgeht. Sprich: Der Staat gibt seit 30 Jahren weniger für seine Bürger aus, als er ihnen abnimmt. Mit der einzigen Ausnahme des Weltfinanzkrisenjahres 2009. Das ist Rekordsparen, nicht Schludern, liebe schwäbische Hausfrau.

Zur Katastrophe ist all das seit der Eurokrise geworden, als Regierungschefs wie Mario Monti unter internationalem und gerade auch deutschem Druck eine Reform nach der anderen durchzogen. Mal am Arbeitsmarkt, mal für die Rente. Dolce vita? Blödsinn. Seit 2010 sind die öffentlichen Investitionen in Italien unter dem Spardruck um 40 Prozent gesunken, so Stirati. Ein regelrechter Kollaps. In Bildung wird heute staatlich fast ein Zehntel weniger investiert. Irre.

Alles in allem stagnieren die realen öffentlichen Ausgaben in Italien seit 2006. Zum Vergleich: In Deutschland sind sie seither um fast 20 Prozent gestiegen. Und das lässt sich, liebe Schlaumeier, auch nicht als vermeintlicher Ausgleich dafür legitimieren, dass vorher beim Italiener zu viel ausgegeben wurde. In Deutschland gibt Vater Staat pro Kopf ein Viertel mehr aus als in Italien. Was in diesen Wochen elend zu spüren ist.

Das alles wird in der aktuellen Coronakrise zu einem unfassbaren Drama: Auch die öffentlichen Gesundheitsausgaben haben Italiens Regierungen seit 2010 gekappt - während zeitgleich in Deutschland pro Kopf Jahr für Jahr mehr ausgegeben wurde. Was dazu geführt hat, dass in Italien beim Ausbruch der Pandemie jetzt umso mehr Betten fehlten und Menschen gestorben sind, die heute womöglich noch leben könnten. Keine direkte Schuld deutscher Politiker, klar. Aber höchste Zeit, mit irrigen Belehrungen aufzuhören - und zur Behebung des Desasters beizutragen, lieber Herr Schäuble. Oder mal "scusi" zu sagen.

Stattdessen schreiben deutsche Welterklärungsclowns allen Ernstes in diesen Tagen noch über die "Kreditsucht" der Italiener. Auch hier ein kleiner Faktentipp: Die privaten Schulden liegen gemessen am Bruttoinlandsprodukt in kaum einem Land der EU so niedrig wie in Italien.

Noch Fragen, warum in Italien in den vergangenen Wochen der Anteil derer, die die EU verlassen wollen, auf über 50 Prozent gestiegen ist? Um das zumindest ansatzweise zu verstehen, muss man sich nur einen Moment in jene Menschen in Mailand oder Bergamo hineinversetzen, die seit Jahren all die oben zitierten Kürzungen im täglichen Leben zu spüren bekommen haben, wegen überlasteter Krankenhäuser womöglich gerade ihren Vater oder ihre Mutter verloren haben - und jetzt von deutschen Großkotzen lesen, sie hätten ja mal sparen können. Manchmal ist es einfach nur unangenehm. Denen würde ich als Italiener auch irgendwann "Verpisst euch!" sagen.

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

All das lässt sich nicht den Deutschen an sich vorwerfen. Dahinter steckt eher ein großes Versagen von denen, die bei uns fachlich ziemlich freihändig Politik machen, sich als Ökonomiepäpste gerieren oder sonst wie in Ressentiments ergeben. Und die aus Faulheit oder Was-auch-immer lieber Klischees umrühren, als sich mit Menschen und relativ simplen Regeln makroökonomischer Analyse und Statistik zu beschäftigen. Da reicht es eben nicht, immer nur Italiens Altschuldenquote aufzusagen.

Wenn Italiens Staatsschulden nach der Eurokrise eher wieder gestiegen sind, kann das nicht am mangelnden Sparen liegen. Wer in Krisen kürzt und Steuern anhebt, macht wirtschaftlich und dadurch im Etat einfach alles nur schlimmer - und hat am Ende mehr Staatsdefizit und Schulden als vorher. So etwas müsste mit etwas gutem Willen auch in Deutschland zu vermitteln sein. Wir sind ja nicht durchweg blöder als andere.

Wenn Hans-Werner Sinn über Jahre mit der Über- und Fehlinterpretation der Target-Salden die Mär vom bösen Südeuropäer ins Volk posaunt hat, ist das eher Gesinnungseifer und, was weiß ich, Ressentiments geschuldet als mangelnder Kompetenz (sicher nicht). Wobei es schon irre ist, wenn selbst ehemalige Chefökonomen der Europäischen Zentralbank wie Ottmar Issing alle nüchternen Zahlen zu vergessen scheinen und stattdessen düster munkeln, dass der italienische Politiker Eurobonds nur will, um sich weiter endlos zu verschulden - nachdem der italienische Politiker jetzt über drei Jahrzehnte Überschüsse erwirtschaftet hat. Was soll das?

Vielleicht braucht Europa zur Rettung als Erstes einmal neue deutsche Experten. Für manche, die jetzt laut zu hören sind, ist das gute deutsche Image in der Welt einfach zu schade.

Wir sind nicht im Zirkus. Sondern in einer atemberaubend ernsten Krise. So wie es jetzt läuft, wird die Zahl der Italiener weiter steigen, die dieses Europa satthaben und sich nichts mehr über ihren Lebensalltag sagen lassen wollen von Leuten, die davon offenbar keine Ahnung haben.

Es ist höchste Zeit, das Drama zu stoppen - und sei es eben mit Eurobonds als Symbol für die Schicksalsgemeinschaft, die wir ohnehin mit der gemeinsamen Währung haben. Noch ist für die Deutschen Zeit, nach den verkorksten vergangenen Wochen die Kurve zu kriegen.

Sonst wird die Europäische Union in ein paar Jahren keine Union mehr sein. Und in Italien wie in Frankreich werden Leute an die Macht kommen, die, wie jetzt schon Donald Trump oder Boris Johnson, keine Lust haben, das Spiel mitzumachen. Das Spiel, auf das Deutschland seit Jahrzehnten seinen Wohlstand baut.