Coronakrise Unternehmen stoppen Neueinstellungen

Die Corona-Pandemie kostet Handwerker 50 Prozent ihrer Umsätze. Viele Firmen fragen bereits nach Hilfskrediten - stellen aber nicht mehr ein. Das Beschäftigungsbarometer des Ifo-Instituts ist eingebrochen.
Baustelle in Hattersheim: Viele Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht

Baustelle in Hattersheim: Viele Unternehmen sehen sich in ihrer Existenz bedroht

Foto: Michael Schick/ imago images

Handel, Dienstleister und Bau verzeichnen Rekorde - beim Rückgang: Unternehmen in Deutschland stoppen wegen der Coronakrise ihre Neueinstellungen. Das geht aus einer Umfrage des Ifo-Instituts zur Personalplanung hervor. Das zugehörige Beschäftigungsbarometer ist im März um 4,6 auf 93,4 Punkte gefallen, teilte das Institut mit.

Dies sei der größte Rückgang seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 2002 und der niedrigste Wert seit Januar 2010. Der Untersuchung liegt eine Abfrage von rund 9000 Unternehmen zugrunde.

Entlassungen im Handel erwartet

Im Handel erwarten die Experten verstärkt Entlassungen. Vergleichsweise wenig Einfluss habe die aktuelle Entwicklung bisher auf die Beschäftigung in der Industrie. Dort jedoch seien "auch schon vorher Entlassungen vorgesehen" gewesen. "Das wird sich jetzt fortsetzen", sagte Ifo-Experte Klaus Wohlrabe.

Auch im Handwerk hinterlassen die Einschränkungen durch die Coronakrise Spuren. In einer Umfrage des Zentralverbands ZDH klagen 77 Prozent der Betriebe über Umsatzrückgänge, 55 Prozent über stornierte Aufträge und 36 Prozent über fehlendes Personal, weil beispielsweise Beschäftigte wegen eigener Quarantäne oder fehlender Kinderbetreuung nicht zur Arbeit erscheinen können. An der Umfrage, aus der das "Handelsblatt" zitiert, beteiligten sich vom 23. bis zum 25. März knapp 4900 Unternehmen.

Betriebe ohne staatliche Überbrückungshilfen vor dem Aus

"Die Coronakrise hat das Handwerk mit voller Wucht und in der ganzen Breite getroffen", sagte Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer der Zeitung. Ohne staatliche Überbrückungshilfen stünden zahlreiche Betriebe vor dem Aus. So gaben 16 Prozent der Befragten an, dass ihr Betrieb wegen behördlicher Vorgaben geschlossen wurde. 

Die befragten Handwerksunternehmen berichten im Schnitt von einem Umsatzminus von mehr als 50 Prozent. Die Quote der stornierten Aufträge liegt demnach bei 45 Prozent, 58 Prozent der Betriebe planen Kurzarbeit. Für elf Prozent ist die Kündigung von Mitarbeitern vorstellbar und für 18 Prozent die vorübergehende Schließung des eigenen Betriebs.

Der Bundestag hatte im Lauf der Woche einen milliardenschweren Rettungsfonds für angeschlagene Unternehmen in der Coronakrise beschlossen: Über einen "Wirtschaftsstabilisierungsfonds" sollen Firmen mit Kapital und Garantien gestärkt werden können. Der Staat soll sich notfalls wie in der Finanzkrise vor mehr als zehn Jahren auch an Unternehmen beteiligen können. Für Unternehmer gibt es zudem Notkredite und ein Hilfspaket für Soloselbstständige und Kleinunternehmer. Die Firmen stürzen sich auf die Corona-Hilfen.

Große Nachfrage nach Hilfskrediten

Ob die Hilfe rechtzeitig kommt? Die ersten Hilfskredite der staatlichen Förderbank KfW sind bereits in der ersten Woche des Sonderprogramms ausgezahlt worden. Banken und Sparkassen werden überrannt von Anfragen - und sie versichern unisono: Wir tun alles, um kleinen wie großen Firmen in der Coronakrise rasch zu helfen. Bis Mittwochabend lagen der KfW 195 Anträge auf insgesamt 4,8 Milliarden Euro vor.

"Wir erhalten Kreditanträge über alle Größenklassen verteilt, der Schwerpunkt liegt jedoch bei kleinvolumigeren Kreditanträgen bis eine Million Euro", sagte eine Sprecherin. "Die KfW ist darauf vorbereitet, auch hohe Stückzahlen von Krediten zu bearbeiten." KfW-Chef Günther Bräunig sagte dem "Handelsblatt", er rechne mit bis zu 100.000 Anträgen.

Der Bäcker an der Ecke, die Stammkneipe oder der Malermeister - viele kleine Betriebe bangen um ihre Existenz. Aufträge und Umsätze sind binnen kürzester Zeit weggebrochen, Kosten wie Mieten und Strom aber müssen weiterhin bezahlt werden.

Auch viele Busunternehmen in Deutschland sehen sich bereits in ihrer Existenz bedroht. Etwa ein Drittel (32 Prozent) geht davon aus, die aktuelle Situation maximal vier Wochen lang durchhalten zu können. Das ergab eine Umfrage des Bundesverbands Deutscher Omnibusunternehmer (bdo) bei seinen Mitgliedern.

Förderprogramme der Bundesländer für Unternehmer und Selbstständige

Bund

Berlin

Brandenburg

Sachsen-Anhalt

Mecklenburg-Vorpommern

  • Hotline für Unternehmen: 0385 588 5588 (erreichbar Mo. bis Fr., 8 bis 20 Uhr)

Schleswig-Holstein

Schleswig-Holstein

Niedersachsen

Nordrhein-Westfalen

Bremen

Hamburg

Hessen

Sachsen

Thüringen

Bayern

Rheinland-Pfalz

Saarland

Baden-Württemberg

Weitere 57 Prozent glauben, ein bis drei Monate durchhalten zu können. "Viele Betriebe können die aktuelle Lage nicht mehr lange überstehen und brauchen jetzt sofort wirksame Bundeshilfen", sagte bdo-Hauptgeschäftsführerin Christiane Leonard. "Andernfalls gehen wichtige Strukturen im Verkehr verloren, die wir dringend benötigen, um die Mobilität in Deutschland weiter aufrechtzuerhalten."

DIHK: "Die Nerven vieler Unternehmer liegen blank"

Seit dem 23. März können Firmen Mittel aus dem KfW-Sonderprogramm bei ihrer Hausbank beantragen. Die öffentliche Hand übernimmt den Großteil des Risikos für den Fall, dass Unternehmer das Geld nicht zurückzahlen können. Bei Betriebsmittelkrediten und Investitionen kleiner und mittlerer Unternehmen trägt die KfW 90 Prozent des Kreditrisikos. Bei größeren Firmen sind es 80 Prozent.

Für Kredite bis drei Millionen Euro pro Unternehmen verzichtet die KfW auf eine eigene Risikoprüfung. Bei Summen bis zehn Millionen Euro gibt es eine vereinfachte Prüfung. Die Zinsen liegen je nach Größe des Unternehmens zwischen einem und 2,12 Prozent bei Krediten mit fünf Jahren Laufzeit.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier hatte unbürokratische Bearbeitung zugesichert: "Die Auszahlung erfolgt schnellstmöglich, denn wir wissen, dass für viele Unternehmen jede Woche zählt", sagte der CDU-Politiker. Unter anderem DIHK-Präsident Eric Schweitzer hatte zur Eile gemahnt: "Die Nerven vieler Unternehmer liegen blank, denn sie haben bereits einige Wochen Durststrecke hinter sich."

apr/dpa/AFP