Coronakrise verschärft soziale Ungleichheit »Wer im März 2020 genug Geld hatte, um zu investieren, ist heute vermutlich reicher«

Die Coronakrise kostet schon jetzt historisch viel Geld – und verschärft die soziale Ungleichheit. Staaten sollten aber nicht sparen, sondern viel mehr ausgeben, etwa in Form von Schecks an die Bürger, fordert der Ökonom Max Krahé.
Ein Interview von Jan Petter
Luxusyachten in Monaco: Die Pandemie hat die Vermögen der reichsten Menschen der Welt nicht verringert, sondern noch weiter vergrößert

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Globale Gesellschaft

In Reportagen, Analysen, Fotos, Videos und Podcasts berichten wir weltweit über soziale Ungerechtigkeiten, gesellschaftliche Entwicklungen und vielversprechende Ansätze für die Lösung globaler Probleme.

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Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei, doch die Rechnung der Krise scheint schon jetzt gigantisch. Die Staatengemeinschaft gibt Rekordsummen aus, um das Virus mit Impfkampagnen, Rettungsprogrammen und Einschränkungen auszubremsen. Doch während im vergangenen Jahr viele Menschen um ihren Job fürchteten, wuchs der Besitz der reichsten Menschen der Welt weiter.

Das Gesamtvermögen der mehr als 2000 Dollarmilliardäre weltweit stieg bis Ende Juli 2020 auf den Rekordwert von rund 10,2 Billionen Dollar (8,7 Billionen Euro). Das geht aus Berechnungen der Beratungsgesellschaft PwC und der Schweizer Großbank UBS hervor.

Die gestiegene Ungleichheit könnte in den kommenden Monaten in vielen Ländern für sozialen Sprengstoff sorgen: Wie soll es nach der Krise weitergehen? Und wer soll für die Kosten aufkommen?

Der Ökonom Max Krahé beschäftigt sich mit den Folgen wirtschaftlicher Ungleichheit. Statt über Schulden, rät er, solle lieber über Investitionen gesprochen werden. Die bestehenden Probleme in vielen Ländern seien nicht auf zu hohe Ausgaben zurückzuführen, sondern eine ungleiche Verteilung und falsche Prioritäten. Um die Folgen der Pandemie abzufedern, empfiehlt er Schecks und eine mutigere Politik – insbesondere in Europa.

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Max Krahé, Jahrgang 1988, ist Mitgründer und Research Director von »Dezernat Zukunft«. Der progressive Wirtschafts-Thinktank wurde 2018 gegründet und setzt sich für eine werteorientierte Wirtschaftspolitik ein. Krahé hat politische Theorie und politische Ökonomie in Oxford und London studiert und in Yale promoviert. 2020 erhielt er zusammen mit seinem Co-Autor den Essaypreis der Hertie-Stiftung und der »Wirtschaftswoche«. Derzeit baut Krahé an der Universität Duisburg ein Promotionskolleg zum Thema Ungleichheit auf.

SPIEGEL: Zu Beginn der Coronakrise wurde vielfach ein neuer Zusammenhalt beschworen. Davon ist heute oft wenig zu spüren. War es im Nachhinein ein Fehler, davon auszugehen, die Krise träfe uns alle gleich?

Max Krahé: Ich glaube, es war das ehrliche Empfinden vieler Menschen. Aber nach bald einem Jahr merken wir: Tatsächlich erleben Menschen in unterschiedlichen Schichten und Regionen die Krise ganz unterschiedlich. Untersuchungen zeigen, dass ärmere und migrantische Milieus deutlich ungeschützter vor dem Virus sind. Soziale Ungleichheit ist deshalb ein Risikofaktor für die Weiterverbreitung. Wenn wir die Pandemie überwinden wollen, müssen wir also darüber reden.

SPIEGEL: Systemrelevant scheinen vor allem diejenigen, die schlecht bezahlt sind. Warum hat die breite Sympathie der Öffentlichkeit nicht dazu geführt, dass Pflegekräfte und Paketboten höhere Löhne erhalten?

Krahé: Es gibt bei allen Reformen einen Punkt, an dem von unten Druck aufgebaut und das Problem von oben erkannt wird. Das war beim Wahlrecht, der Zulassung von Gewerkschaften oder der Einführung von Mindestlöhnen so. Hier ist das anders. Es gibt zwar Applaus, aber wenig Druck von unten. Im Niedriglohnbereich fehlt Selbstorganisation, auch strukturbedingt: Viele Branchen wurden bewusst flexibilisiert. Wer heute als Paketbote arbeitet, spürt, dass er ersetzbar ist. Deshalb ist dieser Konflikt so asymmetrisch.

Wer im Frühjahr investiert hat, ist heute oft reicher

SPIEGEL: Tatsächlich ist die Ungleichheit in der Pandemie weiter gestiegen. Die reichsten Menschen der Welt sind heute wohlhabender als vor der Krise. Wie ist das zu erklären?

Krahé: Zum Teil sind das Papierwerte, die mit den Aktienkursen steigen. Tatsächlich spielen aber auch hier politische Entscheidungen eine Rolle: Seit knapp drei Jahrzehnten gibt es in Europa den Konsens, dass man die Wirtschaft über die Finanzmärkte ankurbelt. Kommt es zur Krise, soll Geld billig gemacht werden, damit Unternehmen an Kredite kommen und investieren. Das stärkt aber vor allem die Aktienmärkte. Dementsprechend erholen sie sich viel schneller. Wer im März 2020 genug Geld hatte, um Aktien, Anleihen oder Fonds zu kaufen, hat vermutlich bereits heute von der Pandemie profitiert. Wer dagegen ausschließlich von seinem Lohn leben muss, verdient oft weniger oder ist arbeitslos.

Diese Kluft gab es auch vor Corona. Was mich stört, ist, dass die Diskussion darüber völlig entpolitisiert wurde. Die Politik tut oft so, als könne sie nichts am System ändern. Man hofft, dass das Geld von den Finanzmärkten automatisch bei allen ankommt. Das ist bequem, die Politik muss so weniger direkt entscheiden. Dabei verstärkt dieses System die bestehenden Ungleichheiten oft noch. Die Politik sollte sich trauen, aktiv über die grundlegenden Mechanismen unserer Wirtschaft zu entscheiden.

Katalanische Gruppen protestieren vor der Börse in Barcelona gegen die Corona-Politik der Regierung

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Foto: Albert Llop / NurPhoto / Getty Images

SPIEGEL: Viele Vermögende haben sich in der Pandemie betont großzügig gezeigt und mit ihrem Geld Stiftungen, Forschungsarbeit oder soziale Zwecke gefördert. Ist das nicht auch ein wichtiger Beitrag?

Krahé: Grundsätzlich ist es sicher besser, als wenn das Geld ungenutzt auf der Bank liegt. Doch Spenden schaffen keine Verlässlichkeit. Genau die brauchen wir aber, um eine weltweite Krise zu bekämpfen. Wir können die systemrelevanten Bereiche nicht davon abhängig machen, dass die obersten 0,2 Prozent das Richtige tun.

Spanien und Italien trifft die Pandemie besonders hart

SPIEGEL: In Europa traf die Pandemie besonders Länder, die bereits vor Corona in der Krise steckten: Italien, Spanien und Großbritannien beispielsweise. Ist es nur ein Zufall, dass gerade sie in der aktuellen Situation so hilflos wirken?

Krahé: Ich denke nicht. Wir haben gleich zu Beginn der Pandemie gesehen, wie sehr diese Länder aufpassen mussten, dass ihre Staatsanleihen nicht abstürzen. Jede Ausgabe musste vor diesem Hintergrund geprüft werden. Diese Länder konnten gar nicht so reagieren wie beispielsweise Deutschland, das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit 400 Milliarden Euro an Bürgschaften, 50 Milliarden Euro an Soforthilfen und noch mal 100 Milliarden Euro an vergünstigten Krediten zu Verfügung stellen konnte. Auch deshalb ist es wichtig, das Gleichgewicht zu stärken.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Krahé: Man könnte kurzfristig die Kaufkraft erhöhen, in dem man allen Bürgern Geld in die Hand drückt. Wenn man das ein paar Jahre später über Steuern refinanziert, träfe es jeden fair nach seinen Möglichkeiten. Dadurch stiege zuverlässig die Nachfrage. Gerade Deutschland könnte damit andere Länder stärken, ohne dass die Exporte leiden müssten.

Höhere Löhne als Antwort auf die Krise

SPIEGEL: Die Kosten der aktuellen Krise sind bereits historisch. Sie schlagen dennoch vor, in Zukunft noch viel mehr Geld auszugeben. Wie soll das funktionieren?

Krahé: Es wäre fatal, wenn sich jetzt alle kaputtsparen. In der Ökonomie gibt es inzwischen einen Konsens, dass Schulden weniger riskant sind, als man lange Zeit dachte. Übermäßiges Sparen hat sich in jüngerer Zeit als viel gefährlicher herausgestellt. In der Ära von Negativzinsen können und sollten die Staaten aktiv Anleihen ausgeben. Damit könnten sie in digitale und grüne Infrastruktur investieren und für bessere Gehälter und mehr Personal in Schulen, Kitas, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sorgen.

Die Einkommen von morgen, nicht die Schulden von gestern, bestimmen die Nachhaltigkeit unserer Staatsfinanzen. Ich plädiere deshalb für eine Art Hochdruckwirtschaft nach der Pandemie. Das heißt, dass durch Geldpolitik und staatliche Ausgaben die Nachfrage gezielt erhöht wird. Die Arbeitslosigkeit dürfte dadurch sinken und Unternehmen merken, dass es sich lohnt zu investieren. Salopp gesagt: Wir müssen ordentlich reinbuttern.

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Foto: Angel Garcia / Bloomberg / Getty Images

SPIEGEL: Was ist mit Staaten, die nicht mit den Möglichkeiten europäischer Wohlfahrtsstaaten ausgestattet sind?

Krahé: Es gibt verschiedene Ansätze. In Indien existiert seit Längerem eine Form der Jobgarantie, die der ländlichen Bevölkerung bis zu 100 Tage pro Jahr an einfacher Lohnarbeit verspricht. Die Löhne sind an das örtliche Preisniveau gekoppelt und werden aus dem allgemeinen Steueraufkommen bezahlt. Die Stärkung eines solchen Programms könnte zumindest für einen moderaten Ausgleich nach der Pandemie sorgen.

Auch kurzfristig gibt es bereits Konzepte: In Argentinien wurde im vergangenen Jahr eine Sonderabgabe eingeführt, um den allerreichsten Teil der Bevölkerung an den Kosten der Pandemie zu beteiligen. Dort, wo staatliche Strukturen besonders schwach sind, ist viel gewonnen, wenn Gesundheitsleistungen, Lebensmittel und Wohnraum kostenfrei zur Verfügung gestellt werden. So etwas ist oft verpönt, aber es hilft den Menschen unmittelbar und stabilisiert ihre Lage. Und das ist doch das Ziel guter Politik.

Dieser Beitrag gehört zum Projekt Globale Gesellschaft

Unter dem Titel »Globale Gesellschaft« berichten Reporterinnen und Reporter aus Asien, Afrika, Lateinamerika und Europa – über Ungerechtigkeiten in einer globalisierten Welt, gesellschaftspolitische Herausforderungen und nachhaltige Entwicklung. Die Reportagen, Analysen, Fotostrecken, Videos und Podcasts erscheinen in einer eigenen Sektion im Auslandsressort des SPIEGEL. Das Projekt ist langfristig angelegt und wird von der Bill & Melinda Gates Foundation (BMGF) unterstützt.

Ein ausführliches FAQ mit Fragen und Antworten zum Projekt finden Sie hier.

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