Marcel Fratzscher

Lockerung der Corona-Regeln Wenn der neue Übermut zur Gefahr wird

Marcel Fratzscher
Ein Gastbeitrag von Marcel Fratzscher
Die Lockerung der Corona-Regeln könnte für Deutschland zu früh kommen. Eine zweite Welle der Pandemie wäre nicht nur eine Gesundheitsgefahr, sondern würde auch die Wirtschaft schwer schädigen.
Einkaufsstraße in Köln: Die Angst verschwindet

Einkaufsstraße in Köln: Die Angst verschwindet

Foto: Marius Becker/ DPA

Angesichts des Erfolgs bei der Eindämmung der Corona-Pandemie hatten viele Menschen auf das gehofft, was nun eingetreten ist: Deutschland verlängert zwar die Kontaktbeschränkungen, überlässt das weitere Vorgehen aber den Ländern, die schon vielfach großzügige Lockerungen in Aussicht gestellt haben. Fast hat es den Anschein, als wäre ein Leben wie vor dem Ausbruch der Pandemie wieder möglich.

Doch wir sollten uns nicht zu früh freuen. Die Politik hat damit zwar dem Wunsch vieler Gruppen nachgegeben, doch blendet sie die damit verbundenen Gefahren einer sehr viel schädlicheren zweiten oder gar dritten Ansteckungswelle leichtfertig aus. Die Entscheidungen könnten sich als zu mutig herausstellen - vor allem für die Wirtschaft.

Der Lockdown in Deutschland war in vielerlei Hinsicht ein Erfolg. Das Horrorszenario von Chaos und überfüllten Krankenhäusern ist nicht eingetreten und die Zahl der Toten ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern relativ gering geblieben. Die überwältigende Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hatte schon vor der Bekanntgabe der Maßnahmen angefangen, ihr Verhalten zu ändern und das Risiko der Ansteckung zu reduzieren - und damit beeindruckende Solidarität mit ihren Mitmenschen und vor allem mit gefährdeten Menschen gezeigt.

Dies mag nicht nur einer guten Kommunikation der Politik und auch der Wissenschaft geschuldet gewesen sein, sondern auch der enormen Ungewissheit und der dadurch entstandenen puren Angst vor der eigenen Ansteckung oder der der Familie.

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Die Gefahr ist groß, dass diese Angst, die im März für die Einhaltung der Regelungen gesorgt hat, im Mai nun in Euphorie und Übermut umschlägt. Da die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger selbst oder in der Familie von Covid-19 nicht betroffen war, entsteht leicht der Eindruck, dass die Maßnahmen übertrieben gewesen seien und es nun endlich an der Zeit sei, wieder zu einem normalen Leben zurückzukehren. Die Kakophonie der Politik, bei der sich Ministerpräsidenten mit Lockerungsversprechen überbieten, verstärkt den Eindruck, dass die Krise nun bewältigt sei und vor allem die Wirtschaft nun oberste Priorität haben sollte. Viele Unternehmen sehnen diese Normalität wieder herbei, denn die Einschränkungen haben sie an den Rand der Belastbarkeit gebracht.

Doch damit wächst auch die Gefahr einer zweiten Ansteckungswelle, die wahrscheinlicher, früher und auch deutlich heftiger eintreten könnte, als viele Bürgerinnen und Bürgern sich vorstellen können. Zwar haben die Bundeskanzlerin und der bayerische Ministerpräsident Markus Söder erst an diesem Mittwoch wieder auf dieses Risiko hingewiesen, nur stößt diese Warnung zunehmend auf taube Ohren, eben gerade auch weil die Bekämpfung der ersten Welle in Deutschland so erfolgreich war. 

Auf eine nachhaltige Lockerung nicht gut vorbereitet

Noch unterstützt eine Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger die bisherigen Beschränkungen. Aber diese Unterstützung sinkt rapide und viele Menschen haben schon jetzt ihr Verhalten geändert, wie Mobilitätsdaten zeigen. Viele Geschäfte und Unternehmen öffnen wieder und symbolisieren eine neue Normalität. Spiele der Fußball-Bundesliga sollen wieder ausgetragen werden. Dabei ist die Symbolkraft solcher Sportveranstaltungen nicht zu unterschätzen, selbst wenn sie ohne Zuschauerinnen und Zuschauer ausgetragen werden.

In einer solchen Situation wird es für die Politik immer schwieriger, soziale Distanzierung und andere Maßnahmen aufrechtzuerhalten. Hinzu kommt, dass das Land auf eine nachhaltige Lockerung nicht gut vorbereitet ist. Denn eine effektive Einzelfallverfolgung, durch ein breiteres Testen und effektives Tracking, steht nach wie vor aus. Dies wäre aber die sinnvolle Voraussetzung dafür gewesen, die Einschränkungen jetzt schon wieder aufzuheben. 

Dabei muss uns bewusst sein, dass eine zweite Welle nicht nur für die Gesundheit unserer Gesellschaft, sondern gerade auch für die Wirtschaft deutlich schmerzvoller und kostspieliger werden könnte als die erste Welle. So war dies zu Zeiten der Spanischen Grippe 1918 und es gibt sehr überzeugende Gründe, wieso es auch diesmal so sein wird. Viele Unternehmen haben schon diese beiden letzten Monate des Stillstands nur schwer überstehen können. Über zehn Millionen Menschen arbeiten in Kurzarbeit, das ist mehr als jeder fünfte Beschäftigte. Viele Unternehmen haben sich verschuldet und ihre Rücklagen aufgebraucht. Eine zweite Welle und ein erneuter Shutdown könnten eine massive Welle an Insolvenzen und einen starken Anstieg der Arbeitslosigkeit verursachen.

Von einem solchen Szenario würde sich die deutsche Wirtschaft nicht so schnell erholen können. Denn wenn es Unternehmen nicht mehr gibt und Menschen erst einmal arbeitslos sind, dann ist auch ein Neustart der Wirtschaft nur noch begrenzt möglich. Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass eine zweite Welle die Wirtschaftsleistung in den Industrieländern bis Ende kommenden Jahres nochmals um fast zehn Prozent stärker schrumpfen lassen könnte. Das ist gleichbedeutend mit Massenarbeitslosigkeit und einer wirtschaftlichen Depression.

Niemand in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft kann seriös sagen, wie groß die Wahrscheinlichkeit eines solchen Horrorszenarios heute ist. Aber die meisten Epidemiologen sind sich einig, dass dieses Risiko real und sehr ernst zu nehmen ist. Nun gilt es, dieses Risiko so gut es geht zu minimieren. Denn die Kosten eines solchen Szenarios stehen in keinem Verhältnis zu dem potenziellen Nutzen einer schnellen Lockerung. Deshalb gilt: Lieber zu vorsichtig beim Ausstieg aus den Schutzmaßnahmen als zu mutig.

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