Corona-Schock auf dem Arbeitsmarkt Der Horror kommt aus Nürnberg

Bis zu zehn Millionen Kurzarbeiter, 300.000 Arbeitslose mehr: Der bundesdeutsche Arbeitsmarkt erlebt den schlimmsten April der Geschichte. Eine rasche Besserung ist möglich – aber auch der Absturz.
Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg: Schier unfassbare Zahlen

Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg: Schier unfassbare Zahlen

Foto: Daniel Karmann/ DPA

Detlef Scheele neigt schon qua Herkunft nicht zu Übertreibungen. Doch die Daten, die der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA) an diesem Vormittag präsentierte, zwangen auch den gebürtigen Hamburger zu Superlativen. Von der "größten Rezession seit der Gründung der Bundesrepublik" sprach Scheele, "so umfassend wie noch nie", das "Arbeitsmarktgeschehen sei praktisch zum Erliegen" gekommen.

Um 308.000 ist die Zahl der Arbeitslosen in diesem Monat gestiegen, so stark wie nie zuvor in einem April. Die schier unfassbare Zahl ist aber eine andere: Für 10,14 Millionen Menschen wurde seit Beginn der Coronakrise Kurzarbeit angemeldet. Das sind 30 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitnehmer in Deutschland.

Auch wenn nicht alle 10 Millionen am Ende wirklich in Kurzarbeit gehen werden: Wie ungeheuer das Ausmaß ist, macht der Vergleich zur ehemals schwersten Rezession der Nachkriegszeit deutlich. 2009 schrumpfte die Wirtschaft im Zuge der Finanzmarktkrise um 5,6 Prozent. Damals meldeten Unternehmen im ganzen Jahr insgesamt 3,6 Millionen Menschen zur Kurzarbeit an - nun sind es binnen rund sechs Wochen fast dreimal so viele.

In dieser Horrorzahl aus der Nürnberger BA-Zentrale stecke aber auch eine gute Nachricht, sagte Behördenchef Scheele: Das System Kurzarbeit funktioniere, schließlich schütze die Kurzarbeit jene mehr als zehn Millionen Arbeitnehmer zumindest vorerst vor der Kündigung.

Dennoch ist auch die Arbeitslosigkeit im April enorm gewachsen – und das eigentlich noch stärker, als es die absoluten Zahlen zeigen. Denn normalerweise sinkt sie im Frühlingsmonat April deutlich. Wenn man diesen Saisoneffekt herausrechnet, lag die Zahl der Arbeitslosen um 373.000 höher.

Schönzureden gibt es an diesen Daten nichts. Und doch muss man sie einordnen:

Bei der Kurzarbeit stellen die 10,14 Millionen Menschen die Höchstgrenze für die Zahl der Kurzarbeiter dar. In Wirklichkeit werden es weniger sein, vielleicht sogar erheblich weniger. Das liegt am Verfahren: Im ersten Schritt melden Unternehmen Kurzarbeit an – und zwar für alle Mitarbeiter, die davon auch nur möglicherweise betroffen sein könnten. Erst danach lassen die Firmen auch wirklich kurzarbeiten - und sich das Kurzarbeitergeld nachträglich von der BA erstatten. Erst dann kann die Behörde exakter angeben, wie viele Kurzarbeiter es im April wirklich gab. Die Autokonzerne und ihre Zulieferer fahren derzeit ihre Produktion wieder hoch, Einzelhändler haben seit Kurzem wieder geöffnet. Diese Betriebe werden zumindest einen Teil ihrer angemeldeten Mitarbeiter entweder gar nicht in Kurzarbeit geschickt oder sie bereits wieder zurückgeholt haben.

Bei der Arbeitslosigkeit ist die stark gestiegene Zahl nicht gleichzusetzen mit Menschen, die entlassen wurden und nun ohne Job dastehen. Ein großer Teil der 300.000 war zuvor schon arbeitslos – zählte aber nicht zur offiziellen Statistik. Denn aus dieser werden Arbeitslose herausgerechnet, die krankgemeldet sind oder sich in sogenannten Maßnahmen der Arbeitsagentur oder des Jobcenters befinden, zum Beispiel in Schulungen. Durch die Corona-Beschränkungen finden diese Schulungen aber derzeit nicht mehr statt, was dazu führt, dass die Teilnehmer plötzlich in der Statistik auftauchen.

Aus diesem Grund ist auch die Zahl der Unterbeschäftigten – bei denen die BA stets auch Menschen in Maßnahmen oder Kranke mitrechnet – lediglich um 184.000 gestiegen. Doch auch in dieser Gruppe hatte nicht jeder zuvor einen Arbeitsplatz: Ein Teil der nun hinzugekommenen Arbeitslosen ist neu auf dem Arbeitsmarkt – da die Unternehmen derzeit aber kaum noch Arbeitnehmer einstellen, hatten diese Erstbewerber derzeit keine Chance und meldeten sich arbeitslos. Der Arbeitsmarktökonom Enzo Weber plädiert daher für einen Rettungsschirm für Neueinstellungen.

Die BA hat die verschiedenen Komponenten des Anstiegs der Arbeitslosigkeit im April aufgeschlüsselt. Als Vergleich wählte sie die Entwicklung im Vorjahresmonat, dem April 2019. (Details zur Berechnung finden Sie im Monatsbericht der BA  ab Seite 12.)

So düster bereits die Momentaufnahme des Arbeitsmarkts klingt - derzeit ist völlig offen, wie sie im Rückblick erscheinen wird: als ein Tiefpunkt eines ebenso drastischen wie kurzen Schocks, von dem aus es nach ein paar Monaten wieder aufwärts geht – oder als noch vergleichsweise gute Situation zu Beginn einer dauerhaften und in der Nachkriegszeit beispiellosen Systemkrise. Niemand ist gerade imstande, verlässliche Prognosen anzustellen. "Wir haben es mit einer verrückten Situation zu tun", sagt BA-Chef Scheele. Für die gebe es keine Referenz, auch die Erfahrungen aus der Finanzkrise 2009 taugten dazu nicht.

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Beunruhigend erscheint daher weniger, dass sich bisherige Prognosen zu Arbeitsmarkt und Konjunktur in der Coronakrise oft sehr bald als unhaltbar erwiesen haben – sondern eher, dass sie sich dabei stets als zu optimistisch herausstellten. Das Forschungsinstitut der BA, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), rechnete anfangs noch mit rund 90.000 mehr Arbeitslosen im Jahresschnitt – fünf Wochen später erhöhte sie auf 520.000.

BA-Chef Scheele schätzte Ende März, im April würde die Arbeitslosenzahl um 150.000 bis 200.000 steigen – nun waren es über 300.000 mehr. Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute bezifferten das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung für das Gesamtjahr in ihrem Frühjahrsgutachten Anfang April auf 4,2 Prozent. Nun, wenige Wochen später, rechnet die Bundesregierung mit einem Rückgang von 6,3 Prozent.

Für die nähere Zukunft – konkret die kommenden drei Monate – geben die aktuellen Arbeitsmarktbarometer sowohl des IAB-  als auch des Ifo-Instituts ohnehin kaum Hoffnung. Sie sind auf historischen Tiefstständen.

Sicher ist nur, dass alles davon abhängt, ob und wie schnell die Wirtschaft durch schrittweise Lockerungen der Corona-Beschränkungen wirklich wieder in Gang kommt. Denn Kurzarbeit ist nur so lange ein effektives Mittel, um echte Arbeitslosigkeit zu verhindern, solange es die kurzarbeitenden Unternehmen überhaupt noch gibt.

Laut einer Umfrage des Ifo-Instituts geben knapp 30 Prozent der Unternehmen in Deutschland an, höchstens drei Monate überleben zu können, sollten die pandemiebedingten Einschränkungen weiter bleiben. Fast die Hälfte würde maximal sechs Monate überstehen. "Beunruhigende Zahlen, die auf eine kommende Pleitewelle hindeuten", kommentierte das Ifo-Institut die Zahlen.

Ein wenig Optimismus kann daher daraus gezogen werden, dass einige der Beschränkungen bereits gelockert sind – viele Geschäfte dürfen nun wieder öffnen und Waren verkaufen. Für andere gibt es zumindest Stufenpläne, etwa für Hotels, Restaurants und den Tourismus. Der Handel und das Gastgewerbe sind Bereiche, die besonders stark zu den verheerenden April-Zahlen auf dem Arbeitsmarkt beitragen – vielleicht ist die Situation bereits jetzt oder in wenigen Wochen dort schon wieder deutlich besser.

Es wird auch darauf ankommen, wie sich die Verbraucher nun verhalten: Werden sie in den wiedereröffneten Läden nur gucken – oder auch kaufen? Werden sie den Sommerurlaub statt im Ausland nun an der Nordsee oder in den bayerischen Bergen verbringen – oder ganz aufs Reisen verzichten? Viele dieser Entscheidungen werden davon abhängen, für wie sicher der eigene Arbeitsplatz und damit das künftige Einkommen eingeschätzt wird. Entscheiden sich viele Verbraucher auch nach den Lockerungen gegen das Geldausgeben, könnte das für viele Beschäftigte fatal sein: Ladenbesitzer und Hoteliers würden dann wohl nicht mehr Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter anmelden, sondern sie entlassen.

Grundsätzlich sollte man jedoch nicht vergessen: Die fundamentalen Daten und Strukturen des deutschen Arbeitsmarkts sind nach wie vor gut. Die Bundesrepublik hatte sich im vergangenen Jahrzehnt zu einer regelrechten Jobmaschine entwickelt, die immer mehr Arbeitskräfte benötigte, damit die Wirtschaft expandieren konnte – so viele, dass der absehbare Mangel an diesen Arbeitskräften noch vor Wochen als eine der größten Wachstumsbremsen der Zukunft galt. Die Demografie wird diesen Pool an Arbeitskräften künftig eher schrumpfen als wachsen lassen.

Sollte sich die Wirtschaft also nach der Coronakrise wieder erholen, könnte auch die Krise auf dem Arbeitsmarkt eine relativ kurze, heftige Episode bleiben.

Nicht auszuschließen ist aber, dass der Corona-Schock eine globale systemische Krise erzeugt. Die Pandemie betrifft die ganze Welt, die Exportnation Deutschland ist besonders stark darauf angewiesen, wie ihre Handelspartner die Krise meistern. Käme es so, "würden immense und lang anhaltende Schäden" enstehen, warnte das IAB in der vorigen Woche . "Ausmaß und Wirkungsweise einer solchen Krise sind unvorhersehbar."

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