Digitalisierung in der Coronakrise Jeder zweite Arzt bietet Videosprechstunden an

Die Coronakrise beschleunigt die Digitalisierung auch in der Medizin. Die Videosprechstunde gewinnt an Bedeutung. Besonders Psychotherapeuten schätzen diese Form der Behandlung ihrer Patienten.
Ende 2017 boten nur 1,8 Prozent der Ärzte Videosprechstunden an

Ende 2017 boten nur 1,8 Prozent der Ärzte Videosprechstunden an

Foto: Sebastian Gollnow/ picture alliance/dpa

Videosprechstunden waren bisher kein großes Thema unter deutschen Ärzten. Doch die Krise rund um das neuartige Coronavirus sorgt nun dafür, dass sich auch das ändert.

Mittlerweile rät die Kassenärztliche Bundesvereinigung sogar zu dieser Form der Sprechstunde. Nachholbedarf gibt es ausreichend: Ende 2017 nutzten gerade mal 1,8 Prozent der niedergelassenen Ärzte die Möglichkeit der Videokonsultation. 

Eine Umfrage, an der sich 2240 Ärzte und Psychotherapeuten beteiligten, gibt nun einen Einblick, wie sich das Angebot an Videosprechstunden entwickelt hat - vor allem getriggert durch die Coronakrise. Die Onlinebefragung wurde vom Mannheimer Institut für Public Health der Universität Heidelberg, der Stiftung Gesundheit sowie dem Health Innovation Hub des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführt und ausgewertet. 

Patienten fragen häufiger nach Videocall-Möglichkeit

Von den befragten Ärzten und Psychotherapeuten gaben mehr als 52 Prozent an, nun Videosprechstunden in ihrer Praxis anzubieten, weitere zehn Prozent planen, dies demnächst zu tun. Noch vor drei Jahren lehnten fast 60 Prozent der befragten Behandler diese Form der Arzt-Patienten-Interaktion generell ab. Rund 94 Prozent der zuletzt befragten Ärzte und Therapeuten gaben an, die Onlinesprechstunde erst seit diesem Jahr abzuhalten - ein deutliches Zeichen, dass dies unter dem Eindruck der Coronakrise geschah. Fast 90 Prozent der Befragten sagten, dass sich die Covid-19-Pandemie auf die Nutzung von Videosprechstunden in ihrer Praxis ausgewirkt habe. Auch Patienten fragten diese Form der Behandlung mehr nach.

Bei den Hausärzten bieten nun 35 Prozent der Befragten Videosprechstunden an, doch die Hälfte der Behandler in der hausärztlichen Versorgung will auch in näherer Zukunft keine solchen Sprechstunden einführen. Die höchste Nutzungsrate zeigt sich bei den Psychotherapeuten - 86,1 Prozent bieten derzeit schon Fernsprechstunden an oder wollen diese zeitnah einrichten. Bei Fachärzten aus anderen Disziplinen liegt die Ablehnung derzeit bei fast 60 Prozent; knapp 28 Prozent nutzen hier Videosprechstunden, 12,6 Prozent wollen sie demnächst einführen. Am geringsten ist die Quote bei Ärzten, die auch operieren: fast zwei Drittel machen hier keinen Gebrauch von Videosprechstunden und haben dies laut Befragung auch nicht vor. 

Wenig überraschend: Jüngere Ärzte und Therapeuten unter 40 Jahren stehen dieser Form der Sprechstunde besonders aufgeschlossen gegenüber; 80 Prozent in der Altersgruppe nutzen Videosprechstunden bereits. Sitzt der Behandler in einer Stadt, ist die Chance größer, dass er eine Fernsprechstunde anbietet, als wenn die Praxis in einer ländlichen Gegend liegt. Zwar erwarten viele Behandler, dass der Anteil der Videosprechstunden nach der Pandemie deutlich abnehmen wird, allerdings auf einem höheren Niveau verharrt als vor der Viruskrise. Doch es bleiben auch Zweifler: 43,5 Prozent der Befragten halten heute Videosprechstunden grundsätzlich für keine gute Form der Arzt-Patienten-Interaktion, 24 Prozent fürchten den organisatorischen und rechtlichen Aufwand. 

Die Umfrage erfolgte online und ist nur teilweise für die gesamte Ärzteschaft repräsentativ. So sind Haus- und Fachärzte überrepräsentiert. Auch nahmen weniger unter 50-jährige Ärzte teil, als in der Grundgesamtheit der Mediziner vorhanden. Überrepräsentiert waren psychologisch-psychotherapeutisch-psychiatrisch tätige Behandler; dies könnte den Zuspruch zur Videosprechstunde teilweise erklären, da sich bei Psychotherapien Sitzungen aus der Ferne zunehmend verbreiten. 

"Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung"

Die Fernbehandlung war manchen deutschen Ärztefunktionären länger ein Ärgernis. Sie wollten die unliebsame Konkurrenz aus dem Netz am liebsten loswerden  und beriefen sich dabei auf das "Verbot der ausschließlichen Fernbehandlung", ein Relikt in der Berufsordnung. Die Ursprünge liegen wohl in einem Reichsgesetz zur Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten von 1927; es ging darum zu regeln, dass Ärzte Syphilis oder Tripper nicht aus der Ferne therapieren dürfen. Seitdem galt: Ein Arzt muss einen Patienten mindestens einmal gesehen haben, bevor er ihn auch online oder per Telefon behandeln darf.

Seit April 2017 dürfen Ärzte Videosprechstunden mit Patienten abrechnen; genau zwei Jahre später wurden Beschränkungen aufgehoben, nach denen nur bestimmte Krankheitsbilder oder Verlaufskontrollen aus der Ferne behandelt werden konnten. Auch Psychotherapeuten dürfen seit April 2019 Videosprechstunden abrechnen. Im Oktober 2019 gab es eine Einigung, wonach Ärzte Patienten auch dann in der Videosprechstunde behandeln können, wenn diese vorher noch nicht in der Praxis bekannt waren. 

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