Dalia Marin

Globalisierung unter Druck Deutschland holt die Industrie nach Hause

Dalia Marin
Ein Gastbeitrag von Wirtschaftsprofessorin Dalia Marin
Die Ära der Hyperglobalisierung ist beendet. Die Pandemie und die seit Jahren wachsende Unsicherheit verändern das Kalkül der Firmen: Sie holen ihre Fertigung zurück und kaufen Roboter. Ein Problem für China.
Industrieroboter im VW-Werk in Zwickau

Industrieroboter im VW-Werk in Zwickau

Foto: imago images/Eibner

Während die Covid-19-Pandemie eskaliert, sind die Gefahren, die von globalen Lieferketten ausgehen, offensichtlicher denn je. Aufgrund des Coronavirus nimmt die Unsicherheit in der Weltwirtschaft zu, und das veranlasst die Unternehmen, ihr Geschäftsmodell globaler Lieferketten neu zu bewerten. Die Einführung von Robotern wird so in wohlhabenden Ländern beschleunigt, was zu einer Renaissance der Industrieproduktion in den Industrieländern führt.

Wie begann diese Entwicklung, die nun erheblich an Tempo gewinnt? Und was sind die Folgen?

Anfang der Neunzigerjahre hatten die Unternehmen damit begonnen, ihre Produktion in Niedriglohnländer auszulagern. Der Fall des Eisernen Vorhangs trug dazu bei, ebenso Chinas globale Integration und Aufnahme in die Welthandelsorganisation sowie eine Revolution im Transportwesen: die Containerwirtschaft. Es kam zu einer explosionsartigen Ausweitung der globalen Lieferketten in diese Regionen, um Arbeitskosten zu sparen. Die Zeit zwischen 1990 und der globalen Finanzkrise von 2008 wurde als Ära der Hyperglobalisierung bekannt, in der 60 Prozent des Wachstums des Welthandels auf die globalen Wertschöpfungsketten fielen. 

Die globale Finanzkrise von 2008 läutete dann den Anfang vom Ende dieses Zeitalters ein. 2011 kam die zunehmende Expansion der globalen Lieferketten zum Ende. Seitdem sind sie nicht mehr gewachsen.

Der Grund für diesen Wandel war Unsicherheit: Zwischen 2008 und 2011 nahm der von Stanford-Forschern entwickelte Weltunsicherheitsindex um 200 Prozent zu (hier geht es zur Übersicht ). Zum Vergleich: Während des Ausbruchs des ersten Sars-Virus 2002 und 2003 stieg dieser Index lediglich um 70 Prozent. Nachdem Großbritannien 2016 dafür gestimmt hatte, die Europäische Union zu verlassen, schoss er zeitweilig um 250 Prozent in die Höhe. 

Die Verwendung von Robotern ist heute billiger als jemals zuvor

Wenn die Unsicherheit steigt, leiden die globalen Lieferketten. Aus Daten der Vergangenheit lässt sich schließen, dass eine Steigerung der Unsicherheit um 300 Prozent - wie sie wahrscheinlich durch die Covid-19-Pandemie verursacht wird - die globale Lieferkettenaktivität um 35 Prozent verringern könnte. Trotz möglicher Kostenvorteile lohnt es sich für die Unternehmen nicht mehr, die mit der Produktionsauslagerung verbundenen Risiken einzugehen.

Verstärkt werden die Anreize zur Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland und in die reichen Industrieländer noch dadurch, dass die Verwendung von Robotern heute billiger ist als jemals zuvor. Die Rechnung ist einfach: Ein Unternehmen in Deutschland müsste einem deutschen Arbeiter viel mehr zahlen, als eine Arbeitskraft in China verdienen würde. Ein deutscher Roboter aber fordert überhaupt keinen Lohn, ganz zu schweigen von Sozialleistungen wie Krankenversicherung oder Lohnfortzahlung im Krankheitsfall.

Dass in Roboter investiert wird, ist keine neue Entwicklung. In den Industriestaaten findet dieser Wandel bereits seit Mitte der Neunzigerjahre statt. Vorreiter war die Autoindustrie, auf die in manchen Ländern 50 bis 60 Prozent der insgesamt eingesetzten Roboter entfallen. Deutschland gehört bei der Verwendung von Robotern zu den weltweit führenden Staaten: 2014 entfielen hierzulande auf 1000 Arbeiter vier Roboter. Nur in Südkorea und Singapur (sechs Roboter je 1000 Arbeiter) war das Verhältnis noch höher. In den USA liegt der Wert bei 1,5.

Deutschland verfügte, als die Krise von 2008 zuschlug, bereits über genug Roboter, um den Anteil der Arbeitskosten in der Produktion gering zu halten. Die im Vergleich zu den Löhnen seither sinkenden Zinsen förderten den Einsatz von Robotern, weil die Anschaffung auf Kredit günstiger wurde, und veranlassten die Firmen, Produktionen ins eigene Land zurückzuholen. 

Dies wird sich nun wahrscheinlich wiederholen. Aus der bisherigen Geldpolitik der Zentralbanken beim Kampf gegen die Schäden der Covid-19-Pandemie kann daraus geschlossen werden, dass die Zinsen um etwa ein Drittel sinken werden. Daten der Vergangenheit zeigen, dass dies - gemeinsam mit der Rückverlagerung der Produktion aus den Niedriglohnländern - die Verwendung von Robotern um 76 Prozent steigern könnte. Daraus wird allerdings kein ungebremster Roboterboom entstehen, da die steigende Unsicherheit auch die Investitionen hemmen wird.

Dieser Trend stellt für viele Entwicklungs- und Schwellenländer eine erhebliche Gefahr dar

Dieser Trend wird sich auf jene Sektoren konzentrieren, die am stärksten von den globalen Wertschöpfungsketten abhängen. In Deutschland sind das die Auto- und Transportzulieferer, die Elektro- und Textilindustrie und damit Branchen, die etwa zwölf Prozent ihrer Vorprodukte aus Niedriglohnländern importieren (insgesamt importiert die deutsche Wirtschaft 6,5 Prozent ihrer Vorprodukte).

In Deutschland sind die Sektoren, die bereits jetzt ihre Produktion am stärksten ins Land zurückholen, die chemische Industrie, die Metallindustrie sowie die Elektro- und Elektronikbranche. Dieser Trend stellt für das Wachstum vieler Entwicklungs- und Schwellenländer eine erhebliche Gefahr dar, da sie bislang von der kostengünstigen Produktion und dem Export von Vorprodukten abhängen.

In Zentral- und Osteuropa haben einige Länder auf dieses Problem reagiert, indem sie selbst in Robotik investieren. Die Tschechische Republik, die Slowakei und Slowenien (wo es einen großen Automobilsektor in ausländischem Eigentum gibt) verfügen nun über mehr Roboter je 1000 Arbeiter als die USA oder Frankreich. Und die Strategie scheint zu funktionieren: Diese Länder sind für die Auslagerung aus den reichen Ländern weiterhin sehr attraktiv.

Tektonische Veränderungen in der Weltwirtschaft

Die kostengünstigen Produktionszentren in Asien sind schlechter dran, was vor allem auch an der Pandemie liegt. Insbesondere China, das seinen wirtschaftlichen Aufstieg seiner zentralen Stellung innerhalb vieler globaler Wertschöpfungsketten verdankt, steht vor ernsten Problemen - trotz seiner Pläne, auf hochwertigere Produktion zu setzen und den Konsum im Inland anzukurbeln.

Auch wenn diese Entwicklung nicht unbedingt heimischen Arbeitnehmern zugutekommt: Wir beobachten tektonische Veränderungen in der Weltwirtschaft mit einer Renaissance der Industrieproduktion in den reichen Industrieländern. Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wertschöpfung wird in reichen Ländern steigen.

Donald Trump und das Coronavirus werden diese Veränderungen weiter beschleunigen. Doch der eigentliche Auslöser für diese Umstrukturierung der Weltwirtschaft war die Finanzkrise 2008/09.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.