Kredite und Jobverlust Corona wird zum Schuldenproblem für Verbraucher

Durch Kurzarbeit und Jobverlust wegen Corona rutschen mehr Menschen in die Überschuldung - auch aus der Mittelschicht. Trotzdem hat die Zahl der Privatinsolvenzen abgenommen. Warum?
Von Jens Radü und Guido Grigat (Grafiken)
Foto: DER SPIEGEL

Mit 5000 Euro fing es an bei Yannick H.* Ein Konsumkredit, damals, vor sieben Jahren. Nicht fürs Smartphone oder die Spielekonsole, sondern für den Kinderwagen und ein Babybett, der erste Sohn war gerade geboren. Dann die Raten für das Auto, 317 Euro im Monat. Noch ein Kredit, um den ersten abzulösen. Und noch einer. "Erst kaufen, dann zahlen, Null-Prozent-Finanzierung, das schreit einen ja überall an", erzählt Yannick H. am Telefon. Irgendwann dann die Scheidung von seiner Frau. Noch ein Umzug, Jobwechsel, noch mehr Kredite.

Inzwischen lebt der 40-Jährige in Köln. 2020 sollte sein Jahr werden, endlich: Er hatte eine Weiterbildung hinter sich, wollte als selbstständiger Mediengestalter und Toningenieur neu durchstarten. Aufträge gingen ein, bis Juli war er ausgebucht. Doch dann kam Corona. Erst wurden nur die großen Veranstaltungen gecancelt, bei denen er sich um den Ton kümmern sollte. Schließlich alle. Die Investitionen in das Studio, das ganze Equipment, umsonst. Nur die Schulden blieben, die alten und die neuen.

H. sucht verzweifelt einen neuen Job, fängt bei einer Firma in Düsseldorf an, pendelt jeden Tag eine Stunde hin, eine Stunde zurück. Egal, Hauptsache, es kommt wieder Geld rein. Es reicht für die Miete und das Nötigste. Doch für die Raten reicht es nicht: "Es gibt im Moment drei Institute, die rufen mich jeden Tag im Schnitt achtmal an", erzählt Yannick H. Er blockt die Anrufer. Öffnet die Post nicht mehr. Rund 60.000 Euro fordern die Gläubiger und die Inkassofirmen von ihm. "Ich hab einfach irgendwann den Überblick verloren. Und dann nach der Vogel-Strauß-Methode den Kopf in den Sand gesteckt".

Es gibt viele Menschen wie Yannick H. in Deutschland. Rund 6,9 Millionen gelten als überschuldet. Das bedeutet: Mit ihren Einkünften können sie die Raten für die laufenden Kredite nicht mehr bedienen. Letzter Ausweg: Verbraucherinsolvenz. Es betrifft mehr Männer (12,5 Prozent) als Frauen (7,65 Prozent), etwas mehr Ost- als Westdeutsche (10,3 Prozent zu 9,9 Prozent). Ältere Menschen sind zwar deutlich seltener betroffen, die Zahl der Senioren ab 70, die überschuldet sind, hat sich seit 2013 jedoch vervierfacht auf insgesamt 470.000.

Die Übersicht:

Die Zahlen sind alarmierend genug. Aber wie hat Corona die Situation der Schuldner beeinflusst? Über welche Summen sprechen wir? Es gibt dazu keine offiziellen Zahlen. Das Statistische Bundesamt sammelt die Daten einmal im Jahr von den vielen regionalen und kommunalen Schuldnerberatungen ein, die die Zahlen freiwillig weitergeben. Und jetzt alles andere zu tun haben, als Fälle zu zählen. Treibt die Coronakrise mehr Menschen in die Überschuldung?

Eine Umfrage von Creditreform Wirtschaftsforschung und Boniversum, die dem SPIEGEL vorab vorliegt, hilft nun, diese Frage zu beantworten. Die Wirtschaftsauskunftei, die jedes Jahr auch den Schuldenatlas erstellt, hat dafür Ende August 1055 Verbraucher zwischen 18 und 69 Jahren befragt. Verglichen wurden die Angaben mit einer Studie aus dem Jahr 2016, um eine mögliche Entwicklung nachzeichnen zu können. Befürchten Sie Zahlungsschwierigkeiten wegen Corona? Haben Sie Kreditraten gestundet? Und auf welche Ausgaben verzichten Sie?

Das Ergebnis: 37 Prozent der Haushalte sind durch die Coronakrise finanziell schlechter gestellt als zuvor. Jeder Fünfte klagt über finanzielle Einbußen von 30 bis 50 Prozent. Acht Prozent der Befragten gaben an, sogar mehr als die Hälfte ihres Einkommens verloren zu haben. Die Folgen: 28 Prozent befürchten, wegen der Coronakrise bald in Zahlungsschwierigkeiten zu geraten und sich verschulden zu müssen. Elf Prozent der Haushalte haben in den vergangenen Monaten Ratenzahlungen laufender Konsum-, Immobilien- oder Autokredite gestundet. Das war gesetzlich möglich bis zum 30. Juni. Wie die Creditreform-Zahlen zeigen, wurde von dem Instrument häufig Gebrauch gemacht. Ein Indiz dafür, dass in vielen Haushalten das Geld vorne und hinten nicht mehr reichte.

Und auch das subjektive Gefühl, unter Schuldenstress zu leiden, hat zugenommen, wenn auch in geringem Maße: Gaben im Oktober 2016 zehn Prozent der Befragten an, häufiger unter Stress wegen der Schulden zu stehen, ist dieser Wert im August 2020 um einen Prozentpunkt gestiegen. "Sollten die Menschen langfristig auf Teile ihres Einkommens verzichten müssen, rechnen wir mit einem starken Anstieg der überschuldeten Verbraucher", sagt Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform Wirtschaftsforschung. Und das nicht nur in sozial schwächeren Milieus – die Befragung zeigt auch, dass die Überschuldung mehr und mehr die Mittelschicht betrifft.

Mehr Arbeitslose, mehr Kurzarbeiter, mehr Überschuldete – das befürchtet auch Roman Schlag von der Arbeitsgemeinschaft Schuldnerberatung der Verbände (AG SBV). In der Lockdown-Zeit waren viele der kommunalen Schuldnerberatungen geschlossen, viele Schuldner hätten sich nicht rausgetraut, erst einmal abgewartet. Inzwischen ist die Nachfrage wieder hoch, in einzelnen Regionen kommen die Berater nicht mehr hinterher. "Allein die Nutzung unserer Onlineberatungen hat sich in der Corona-Zeit um 20 bis 30 Prozent erhöht. Die erfolgt nicht einfach per E-Mail, sondern über ein datengeschütztes Portal im Netz", erklärt Schlag.

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Das Insolvenz-Paradoxon

Auch Yannick H. geht inzwischen zur Schuldnerberatung. Die regelmäßigen Termine helfen ihm, besser zu haushalten, mit dem auszukommen, was er hat. Und vor allem: keine neuen Schulden zu machen. Für einen Vergleich mit den Gläubigern wird das allerdings nicht reichen. Yannick H. wird in die Verbraucherinsolvenz gehen müssen: Ein geordnetes Verfahren, bei dem die Forderungen der Gläubiger nach Möglichkeit erfüllt werden. Dem Schuldner bleiben nur 1178 Euro, alles über dieser Pfändungsgrenze geht an die Gläubiger. Nach einem bestimmten Zeitraum steht dafür die Schuldenfreiheit. Neuanfang. Für Yannick H. soll es im Herbst losgehen. Wie für so viele: Denn dann tritt voraussichtlich ein neues Gesetz in Kraft. Die Verbraucherinsolvenz dauert dann nicht mehr sechs Jahre, sondern nur noch drei Jahre.

Das führt zu einem statistischen Paradoxon: Mitten in der Krise stagniert die Zahl der Verbraucherinsolvenzen in vielen Bundesländern und geht im gesamten Bundesgebiet sogar deutlich zurück:

Weniger Schuldner? Nein, eher im Gegenteil. Die Arbeitslosigkeit steigt wegen Corona, und sie ist neben Scheidungen und schweren Krankheiten einer der wichtigsten Ursachen für Überschuldung. Ganze Branchen gehen in die Knie, der Tourismus, die Gastronomie, der Konjunktureinbruch trifft große wie kleine Unternehmen. Und die schicken ihre Leute in Kurzarbeit. Oder setzen sie gleich ganz vor die Tür.

Es ist also eher ein Verschiebe-Effekt: Diejenigen, die vor einer Verbraucherinsolvenz stehen, warten nun den Moment ab, in dem die Insolvenzzeit auf drei Jahre schrumpft. Früher raus aus den Schulden. Die Flut der Anträge kann also noch kommen, seit dem 1. Oktober ist das Gesetz in Kraft.

Mit Corona hat die Verkürzung der Insolvenzzeit nichts zu tun, die Bundesregierung musste die Anforderungen der EU umsetzen.

Aber die Neuregelung kommt zur rechten Zeit, findet auch Schuldnerberater Schlag: "Die Verkürzung ist auf jeden Fall sinnvoll und hilfreich." Aber er macht sich Sorgen um all die Selbstständigen und Angestellten in Kurzarbeit, die derzeit mit den Corona-Folgen zu kämpfen haben. Denn einen Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung haben in der Regel nur Hartz-IV- und Sozialhilfeempfänger. "Dabei hat uns gerade Corona gezeigt, dass auch immer mehr Menschen aus der Mittelschicht mit Schulden zu kämpfen haben – etwa wenn plötzlich Kurzarbeit angeordnet wird und plötzlich Hunderte Euro in der Haushaltskasse fehlen", sagt Schlag.

Yannick H. hat noch Hoffnung für dieses Krisenjahr 2020. Er hat gerade zum zweiten Mal geheiratet, seine Jugendliebe. Er kümmert sich viel um seinen Sohn, der geht jetzt zur Schule. Und Yannick H. hat einen neuen Job in Aussicht, diesmal in Köln, weniger Pendelei, mehr Gehalt. "Wenn dann im Oktober die Privatinsolvenz startet, muss ich eben noch drei Jahre die Zähne zusammenbeißen und mich einschränken", sagt er. "Aber ich bin in Aufbruchstimmung gerade, bin gespannt auf all das, was da vor mir liegt. Und ich freue mich auf mein neues Leben. Ohne Schulden." 

*Name geändert