Coronakrise Mehrheit der Deutschen unterstützt Eingriffe in die Wirtschaft

Die Coronakrise ist die Zeit des starken Staates: Er beschränkt Geschäfte - und nimmt gigantische Schulden auf, um die Wirtschaft zu stützen. Wie finden die Deutschen das? Eine Umfrage gibt Antworten.
Passanten in der Kölner Schildergasse (Archiv)

Passanten in der Kölner Schildergasse (Archiv)

Foto: Marius Becker / DPA

In der Corona-Pandemie hat der Staat teils massiv ins Wirtschaftsgeschehen eingegriffen, um Bürger vor Ansteckung zu schützen. Dafür nehmen Bund und Länder massiv Schulden auf. Die flächendeckenden Geschäftsschließungen des Frühjahrs sind zwar vorüber, doch noch immer können viele Unternehmer ihr Geschäft nur eingeschränkt betreiben. Zuletzt beklagte sich zum Beispiel die Kinobranche bei Bundeskanzlerin Angela Merkel, dass die Hygieneregeln für Filmvorführungen zu streng seien - je nach Bundesland sei nur eine Auslastung der Kinosäle von 20 Prozent möglich.

Wie groß ist das grundsätzliche Verständnis der Bevölkerung für all die Beschränkungen? Und wie sehen sie überhaupt die künftige Rolle des Staates? Diesen Fragen ging das Meinungsforschungsinstitut Forsa in einer repräsentativen Umfrage vor zweieinhalb Wochen nach.

Demnach finden 37 Prozent der Bevölkerung, dass die wirtschaftlichen Eingriffe zu weit gegangen sind - 16 Prozent sind "voll und ganz" dieser Meinung, der Rest stimmt ihr "eher" zu. Insgesamt 60 Prozent dagegen unterstützen den wirtschaftlichen Regierungskurs in der Coronakrise "eher" oder sogar "voll und ganz".

Staat als Schutzpatron für Arbeitsplätze

Tatsächlich wünscht sich demnach eine Mehrheit der Befragten eine starke Rolle des Staates, konkret wenn es darum geht, die Arbeitsplätze der Menschen zu schützen, die durch Digitalisierung und Globalisierung bedroht sind: 71 Prozent befürworten das, 20 Prozent lehnen es ab.

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Besonders interessant ist die Frage, ob die Menschen der Meinung sind, dass das Prinzip des sozialen Ausgleichs in Deutschland funktioniert - diese Frage wurde bereits im Oktober 2019 bei einer vergleichbaren Umfrage gestellt und erlaubt daher den Vergleich. Damals glaubten 57 Prozent, dass das Prinzip nicht mehr funktioniert, bei der aktuellen Umfrage sind es nur noch 50 Prozent. Möglicherweise haben die massiven Ausgleichsmaßnahmen in der Coronakrise manchem vor Augen geführt, welche Möglichkeiten des sozialen Ausgleichs teils doch noch bestehen.

Allerdings sollte ist bei dieser Frage auch zu bedenken, dass viele Befragte womöglich sehr unterschiedliche Vorstellungen davon haben, wie sozialer Ausgleich in der politischen und gesellschaftlichen Realität funktionieren soll - das wurde detailliert nicht abgefragt.

Sozialer Ausgleich, wie auch immer gestaltet, könnte aus Sicht einer Mehrheit bald sehr nötig sein, denn 80 Prozent stimmen der Erwartung zu, dass das Risiko zunehme, künftig wirtschaftlich und sozial abzusteigen.

Zum Befund so vieler, dass der Ausgleich nicht funktioniere, passt, dass sich eine Mehrheit Änderungen des Wirtschaftssystems wünscht. Knapp zwei Drittel der Befragten wünschen sich Verbesserungen "in einigen Bereichen", knapp 30 Prozent plädieren sogar für eine "grundlegende Erneuerung". Diese Größenordnung zieht sich ähnlich durch alle Parteien, selbst bei Anhängern von CDU und CSU glauben nur neun Prozent, dass man mit dem Wirtschaftssystem der Bundesrepublik rundum zufrieden sein kann - bei der Linken sind es allerdings null Prozent.

Die Umfrage wurde in Auftrag gegeben vom Forum New Economy in Berlin, das derzeit einen Workshop mit Ökonomen wie Thomas Piketty ("Das Kapital im 21. Jahrhundert") und dem Nobelpreisträger Joseph Stiglitz sowie mit Politikern wie Jens Spahn (CDU), Norbert Walter-Borjans (SPD) und dem SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz veranstaltet.

Das Forum diskutiert ökonomische Ideen jenseits reiner Marktgläubigkeit und wird von zahlreichen Experten aus dem In- und Ausland unterstützt. Gründungsdirektor Thomas Fricke ist regelmäßiger Kolumnist des SPIEGEL. Die Forsa-Umfrage wurde bei 1033 Teilnehmern vom 10. bis 17. September durchgeführt.

mamk
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