Hermann-Josef Tenhagen

Coronakrise Wie Studenten schnell an Geld kommen

Hermann-Josef Tenhagen
Eine Kolumne von Hermann-Josef Tenhagen
Studentenjobs in Kneipen - gestrichen. Die monatliche Überweisung der Eltern - ausgesetzt, weil die selbst in Kurzarbeit sind. Viele Studenten haben seit Corona Geldsorgen. Das können sie tun.
Protestierende Studenten (in Wiesbaden)

Protestierende Studenten (in Wiesbaden)

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Arne Dedert/ DPA

Zwei Drittel aller Studierenden jobben, um ein bisschen mehr Geld in der Tasche zu haben. Oder muss man nach Corona sagen: jobbten? Knapp 40 Prozent brauchen den Job dringend zum finanziellen Überleben, das hat das Deutsche Studentenwerk in seiner letzten Erhebung 2016 festgestellt. Das sind rund eine Million Studierende. Zum Vergleich: Nur rund 400.000 haben im Schnitt in jedem Monat des Jahres 2018 Bafög bekommen, neuere Zahlen gibt es nicht.

Die Coronakrise hat also viele Studierende in existenzielle Probleme gebracht. Die einen, weil Mama und Papa in Kurzarbeit sind und sich die gewohnte monatliche Überweisung nicht mehr leisten können, die anderen, weil der 450-Euro-Job oder der Werkstudentenvertrag, der sie Monat für Monat über die Runden gebracht hat, jetzt entfallen ist. Ein Drittel der Studierenden jobbt normalerweise in der Gastronomie , da sieht es im Augenblick traurig aus. Und auch bei denen, die Bafög bekommen, ist das Budget häufig angespannt: Ein Teil wird zusätzlich von den Eltern unterstützt, der andere muss oder will zusätzlich jobben.

Das Problem ist der Bundesregierung bewusst. Sie hat sich schon früh mit der Rolle der Studierenden in der Krise befasst. Einerseits, weil die Hochschulen wie die Schulen weitgehend geschlossen wurden, andererseits, weil manche Studierende ganz schnell systemrelevant wurden, als es um Medizinstudenten in den Corona-Kliniken und Arztpraxen ging.

Aktuell aber sind die Hilfen der Bundesregierung für die Studierenden - nun, sagen wir mal – zögerlich.

Am klarsten ist noch die Ausgangslage beim Bafög. Ob eine Studentin Bafög bekommt, hängt maßgeblich vom Einkommen und Familienstand ihrer Eltern ab. Berücksichtigt wird dabei das Einkommen des Vorjahres. Das ist bei mehr als zehn Millionen Arbeitnehmern, die für die Kurzarbeit angemeldet sind, aktuell nicht angemessen, denn das aktuelle Einkommen liegt derzeit oft weit darunter.

Das hat auch das Bundesbildungsministerium erkannt . Studierende können deshalb einen Antrag auf Aktualisierung des Bafög stellen, wenn das Einkommen der Eltern wegen Corona deutlich gesunken ist. Und wenn das Einkommen der Eltern in Corona-Zeiten so niedrig ist, dass jetzt erstmals eine Bafög-Berechtigung besteht, dann geht das auch. Erst 2019 hatte die Große Koalition die Einkommensgrenzen und Freibeträge für Eltern deutlich nach oben geschoben, bis zu denen überhaupt Bafög bezogen werden kann. Seitdem haben wieder deutlich mehr Studierende Anspruch auf Bafög . Zuvor war die Zahl der Bafög-Empfänger Jahr für Jahr gesunken.

Die Kreditzinsen zahlt die Regierung

Wichtig auch für Bafög-Bezieher: Sie kriegen die Unterstützung normalerweise nur für eine festgelegte Zeit. Wenn jetzt das Studium durch das verlorene Sommersemester 2020 nachweislich nicht in der Regelstudienzeit abgeschlossen werden kann, wird das Bafög für das Zusatzsemester nicht gestrichen. In NRW nimmt die Landesregierung es gar als ein gescheitertes Semester an, in dem gar nicht erfolgreich studiert werden konnte, und hat per Erlass die individuelle Regelstudienzeit für alle Studierenden pauschal um ein Semester verlängert. Damit wird auch das Bafög ein Semester länger gezahlt.

Wer kein Anrecht auf eine Förderung des Staates hat, der kann einen Studienkredit aufnehmen. Rund 60.000 haben das schon vor Corona getan . Dies geht zu günstigen Konditionen bei der bundeseigenen Förderbank KfW. Neue Kredite (bis zu 650 Euro im Monat) werden leichter gewährt und bleiben bis 31. März 2021 zunächst zinsfrei. Und auch die Studierenden, die schon vor der Coronakrise einen Kredit aufgenommen hatten, profitieren automatisch von der Zinsbefreiung. Die Zinsen zahlt die Bundesregierung an die KfW. Für 340 Millionen Euro sind seit Mai neue Kredite bewilligt worden – viermal so viel wie im Vorjahresmonat .

Und dann gibt es noch das Überbrückungsgeld – 100 bis 500 Euro im Monat. Geschenkt und für Studierende, die wirklich in Not sind. Das Softwareprogramm für die Auszahlung hat die Regierung erst bauen lassen, deshalb können Studierende erst jetzt einen Antrag stellen – drei Monate nach Ausbruch der Coronakrise. Bearbeitet werden die Anträge frühestens ab dem kommenden Mittwoch.

Dass es so lange dauert, ist aber gar nicht der wesentliche Pferdefuß. Aus Sorge, dass Studierende das System überlisten könnten, hat die Regierung eine Reihe von Sicherungsmaßnahmen eingebaut  und ist dabei wohl übers Ziel hinausgeschossen: Notleidende Studierende müssen nicht nur versichern und nachweisen, dass sie Not leiden und zum Beispiel ihren Job verloren haben. Sie müssen dann auch rückwärts bis Februar all ihre Kontoauszüge all ihrer Bankkonten einreichen. Wenn einzelne Angaben geschwärzt werden, gelten die Unterlagen als unvollständig, und es gibt dann kein Geld.

Die Studierenden müssen diesen Antrag auf Überbrückungsgeld jeden Monat neu stellen, maximal für Juni, Juli und August. Für die Menge des Geldes, die es gibt, ist entscheidend, wie viel Geld am Tag vor der Beantragung auf den Konten des Studierenden liegt. Zeigt das Konto unter 100 Euro an, gibt es für den Monat 500 Euro, sind es noch mehr als 500 Euro, erhalten die Studierenden nichts. Wird der Antrag angenommen, soll die Auszahlung nicht mehr als eine Woche dauern.

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Geschicktes Kontomanagement

Auf Bargeldhaltung kommt es also an. Gibt man den Antrag ab, und es ist noch zu viel Geld auf dem Konto, dann gibt es weniger Hilfe. Gibt man den Antrag zu spät ab, gibt es in zehn Tagen vielleicht viel Hilfe, aber vorher geht eine Lastschrift wegen Unterdeckung zurück – mit entsprechenden Kosten. Planungssicherheit bringt das alles nicht gerade.

Beim Studentenwerk rechnet man damit, dass bis zu 200.000 Studierende tatsächlich finanziell in Not sein könnten. Vielleicht glaubt das Ministerium deshalb mit 100 Millionen Euro Überbrückungsgeld auszukommen.

Die Studierenden selbst rechnen mit einer Million bedürftiger Studenten und verlangen eine Milliarde Euro Überbrückungshilfe. Am Samstag wollen sie in Berlin demonstrieren . Die Wahrheit liegt wahrscheinlich dazwischen. In den ersten 24 Stunden haben jedenfalls 31.200 Studierende einen Antrag auf Überbrückungshilfe gestellt

Ich finde, der Ärger der Studierenden ist zu verstehen. Als ein Teil von ihnen dringend im Krankenhaus gebraucht wurde, war jeder Kompromiss recht, um die Personalgewinnung möglich zu machen. Jetzt sind sie nicht mehr so gefragt, und schon ist das Portemonnaie zu. Mit etwas Glück entsteht daraus eine Lernkurve, die jungen Leute müssen sich zunächst unentbehrlich, unverzichtbar machen. Dann geht das mit den Forderungen leichter.

Was aber tun bis dahin? Die Töpfe richtig anzapfen natürlich.

  • Für Bafög-Empfänger: Eine neue Bafög-Berechnung verlangen, wenn die Eltern ihren Laden haben schließen müssen oder in Kurzarbeit sind. Das Besondere am Bafög: Mindestens die Hälfte ist geschenkt .

  • Wer kein Bafög bekommt, kann Wohngeld beantragen. Die Anträge sind zwar durchaus eine Herausforderung, dafür aber ist das Geld geschenkt . Es geht schnell um 100 bis 200 Euro im Monat.

  • Auch Studierende, die den Job verloren haben, konnten die Miete stunden lassen  – jetzt womöglich sogar bis Ende September. In den Wohnheimen genauso wie bei privaten Vermietern. Der Mietausfall beläuft sich bei den Studentenwerken aktuell auf bis zu 20 Prozent. Das gilt auch für ausländische Studierende mit Wohnheimplatz, die nicht einreisen konnten, Studierende, die in der Not wieder zu Mama und Papa gezogen sind. Oder Studierende, die einfach nur von ihrem Recht auf Mietstundung Gebrauch gemacht haben.

  • Ein Antrag auf Überbrückungshilfe schadet sicher nicht, siehe oben. Genauso wie der Studienkredit der KfW : Der erlaubt die Konzentration auf den Studienabschluss. Und mit dem Abschluss in der Tasche lässt sich als Akademiker immer noch einfacher und besser Geld verdienen als ohne Abschluss.

Bloß nicht unterkriegen lassen! Die Zukunft liegt vor Euch, liebe Studentinnen und Studenten.

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