Probleme mit Kühlkette Impfstoff aus der Campingbox

Sieben bayerische Landkreise wollen rund 1000 Dosen Corona-Impfstoff nicht verwenden – die Kühlkette war womöglich kurz unterbrochen. Wurde bei der Lieferung der kostbaren Ware geschlampt?
Impfstofflieferung an ein Seniorenzentrum in Bamberg (Symbolbild): Ein mobiles Impfteam verteilt die Vakzine aus dem Hause Biontech/Pfizer – mancherorts gab es Probleme

Impfstofflieferung an ein Seniorenzentrum in Bamberg (Symbolbild): Ein mobiles Impfteam verteilt die Vakzine aus dem Hause Biontech/Pfizer – mancherorts gab es Probleme

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In Bayern ist ein Streit über rund 1000 Dosen Corona-Impfstoff entbrannt. Und dieser Streit offenbart einen grundlegenden Konflikt der eilig gestarteten Massenimpfung: Sollten nur 100-prozentig einwandfreie Dosen genutzt werden, um Impfrisiken zu minimieren? Oder sollten Risiken, die aus Sicht von Experten vertretbar scheinen, eingegangen werden, um möglichst viele Dosen der knappen Vakzine rasch zu nutzen und dadurch womöglich Leben zu retten?

In den oberfränkischen Landkreisen Coburg, Lichtenfels, Kronach, Kulmbach, Hof, Bayreuth und Wunsiedel hatte es am Sonntag Probleme mit der Kühlung auf dem Weg von den Verteilzentren zu regionalen Impfzentren gegeben. Für diesen Abschnitt des Transports sind die Bundesländer verantwortlich. Beim Auslesen der Temperaturmessgeräte, die den von der bayerischen Staatsregierung beschafften Kühlboxen beilagen, entdeckten die Verantwortlichen, dass unterwegs die gemessene Temperatur außerhalb des vorgegebenen Bereichs von plus zwei bis acht Grad Celsius gelegen hatte. 

Daraufhin wurden diese Dosen aus Sicherheitsbedenken von den Impfungen ausgenommen. Und das, obwohl der Hersteller Biontech und das bayerische Gesundheitsministerium dazu raten, die kostbare Charge weiterhin zu verwenden. Verschwenden übervorsichtige Behörden also kostbaren Impfstoff?

Lagerte Impfstoff in Camping-Kühlboxen?

»Es gab ein paar Grad Diskrepanz«, sagt der Versorgungsarzt eines Landkreises dem SPIEGEL. »Zeitweise wurden bis zu 14 Grad plus gemessen.« Allerdings hätten die Transporteure das Thermometer auch nicht zu den Impfstoffen in die Box gelegt – sondern es an der Seite des Behälters angebracht. Dies könnte die Messungen verfälscht haben. Die Kühlboxen hätten auf ihn zudem wie »normale Camping-Kühlboxen« gewirkt, sagte der Arzt. Es sei unklar, ob diese für Medizintransporte geeignet seien. Das bayerische Gesundheitsministerium nahm auf mehrmalige Nachfrage des SPIEGEL bis zum Abend keine Stellung zur Art und Geeignetheit der Boxen.

Bei einer nach Augsburg gelieferten Charge hatte das Messgerät zwischenzeitlich eine Temperatur von minus ein Grad Celsius gezeigt, drei Grad unterhalb des eigentlich vorgesehenen Bereichs. Ein Grund hierfür könnte gewesen sein, dass die Transportverantwortlichen mehrere noch tiefgekühlte Phiolen in die Box gepackt hatten – und der Impfstoff selbst die gesamte Box herunterkühlte.

Trotz der Unregelmäßigkeiten hält der Hersteller Biontech die betroffenen Dosen nach wie vor für tauglich. »Wir sehen in den beschriebenen Fällen keinen Einfluss auf die Qualität des Impfstoffs«, sagt eine Unternehmenssprecherin. Man habe dies auch den Vertretern der Landkreise so mitgeteilt, als diese das Unternehmen kontaktiert hätten.

»Da ein Restzweifel besteht und wir nur 100 Prozent einwandfreie Impfstoffe anbieten wollen, wird die Charge nicht verimpft.«

Christian Meißner, Landrat von Lichtenfels/Oberfranken

Die Vakzine kann laut Biontech bis zu fünf Tage lang bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad gelagert werden. Bis zu zwei Stunden lang vertrage sie sogar bis zu 30 Grad plus.

Das bayerische Gesundheitsministerium sowie das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit erklärten die Impfstoffdosen ebenfalls für tauglich. Manche Landkreise wollen die Dosen dennoch vorerst nicht nutzen.

»Im Ergebnis wird der Impfstoff von fachlicher Seite wohl durchaus als tauglich eingestuft«, sagt Christian Meißner, der Vorsitzende des Bezirksverbands Oberfranken des bayerischen Landkreistages. »Da jedoch ein Restzweifel besteht und wir der Bevölkerung gegenüber nur 100 Prozent einwandfreie Impfstoffe anbieten wollen, wird die Charge von gestern nicht verimpft.«

Länder für Fehler verantwortlich

Ob die Kühlkette zwischenzeitlich überhaupt unterbrochen war oder ob es nur einen Messfehler gab, ist bislang nicht komplett aufgeklärt. Die Bayerische Staatsregierung hat sich bislang nicht offiziell dazu geäußert. Klar ist: Der Fehler muss bei der sogenannten Feinverteilung passiert sein; der Hersteller hat damit nichts zu tun.

Biontech liefert seine Impfstoffe in speziellen Freezer-Boxen mit einer Temperatur von etwa minus 70 Grad zu rund 25 regionalen Verteilzentren in ganz Deutschland. Die Weiterverteilung – auch Feinverteilung genannt – übernehmen dann die Bundesländer. Ab diesem Zeitpunkt ist Biontech für den Transport nicht mehr verantwortlich. Der Hersteller hat den Ländern aber genaue Anweisungen zum Weitertransport gegeben. Behörden können das Unternehmen zudem rund um die Uhr über eine Hotline anrufen, wenn sie Fragen zum Transport haben.

Während die Verantwortlichen in Augsburg ihre Problemcharge verimpfen, werden die Oberfranken ihre ersten rund 1000 Dosen vorerst nicht einsetzen – obwohl jede einzelne Dosis kostbar ist. Die bisher produzierte Impfstoffmenge reicht nur aus, um einen kleinen Teil der Risikogruppen zu immunisieren.

»Sicherheit hat bei diesem sensiblen Thema absoluten Vorrang«, meint Landrat Meißner. Der Pannen-Impfstoff solle nun fachlich geprüft, neu bewertet und dann gegebenenfalls verwendet werden.

Die Zeit drängt. Aufgetaut hält sich die Vakzine nur wenige Tage.

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