Kinderarmut in der Coronakrise Familien unter Stress

Besonders für arme Familien wird die Coronakrise zur Belastungsprobe. Das Geld reicht sonst auch kaum. Und die Tafeln, von denen sie viele Lebensmittel beziehen, schließen.
Schulkantine (Archivfoto): Für viele sonst die einzige warme Mahlzeit am Tag

Schulkantine (Archivfoto): Für viele sonst die einzige warme Mahlzeit am Tag

Foto: MYCHELE DANIAU/ AFP

"Ich mache mir große Sorgen um die Kinder in unseren Einrichtungen", sagt Bernd Siggelkow, Gründer des christlichen Kinder- und Jugendhilfswerks Arche. "Es gibt bei uns auch ohne Coronakrise Familien, in denen es nicht genug zu essen gibt." Bis zu 4500 Kinder werden täglich deutschlandweit von der Arche betreut und versorgt - besser gesagt: Sie wurden versorgt. Am Mittwoch mussten alle 26 Standorte ihre Türen auf unbestimmte Zeit schließen. Die Kinder will die Arche aber weiter unterstützen. "Wir werden haltbare Lebensmittel bei Bedarf in die Familien verteilen", sagt Siggelkow, "die ersten Eltern haben mich schon angerufen und gesagt: Bitte vergesst uns nicht!"

Oft hört man beim Thema Corona von Homeoffice und davon, dass Lieferdienste nicht wie sonst funktionieren. Für viele Menschen in Deutschland sind das aber Luxusprobleme. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist von Armut betroffen - ein warmes Mittagessen ist da schon in normalen Zeiten nicht selbstverständlich. Umso wichtiger sind die kostenfreien Mahlzeiten, die Schulen, Horte, Kindergärten und Jugendzentren anbieten. Doch mit ihrer Schließung im Zuge der Coronakrise fallen sie als wichtige Glieder in der Versorgungskette weg.

Vor allem gering verdienende Eltern ohne finanzielle Rücklagen geraten unter Druck. Und der wächst derzeit täglich. Über 300 Tafeln haben infolge der Ausbreitung des Coronavirus ihren Betrieb vorübergehend eingestellt - das ist der neueste Stand, vom Donnerstagnachmittag, täglich kommen welche hinzu. Für eine halbe Million Kinder und Jugendliche, die als Kunden bei den Tafeln gemeldet sind, hat das schwerwiegende Folgen.

Die Tafeln sind für viele unverzichtbar

"Die finanzielle Ausstattung von Hartz-IV-Empfängern mit Kindern im Haushalt war auch vor der Coronakrise schon schlecht", sagt Sozialwissenschaftler Marcel Helbig, Professor für Bildung und Soziale Ungleichheit an der Universität Erfurt. "Wenn die Tafeln wegfallen und dadurch Versorgungsengpässe entstehen, zeigt das ein grundlegendes Problem. Die Tafeln sollen schließlich nicht die Grundversorgung der Menschen abdecken."

Wie groß die Auswirkungen der Coronakrise am Ende seien, hänge auch von der Dauer der Schließungen ab. Flächendeckende Versorgungsschwierigkeiten erwartet der Sozialwissenschaftler nicht, "aber ich sehe große Probleme in Hinblick auf die Arbeitsplatzsicherheit von Menschen, die in niedrig qualifizierten Bereichen arbeiten, also jenen Menschen, die ohnehin große Probleme haben, ihr Leben zu finanzieren."

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Am 31. Dezember 2019 wandte sich China erstmals an die Weltgesundheitsorganisation (WHO). In der Millionenstadt Wuhan häuften sich Fälle einer rätselhaften Lungenentzündung. Mittlerweile sind mehr als 180 Millionen Menschen weltweit nachweislich erkrankt, die Situation ändert sich von Tag zu Tag. Auf dieser Seite finden Sie einen Überblick über alle SPIEGEL-Artikel zum Thema.

"Wir stehen vor einer noch nie dagewesenen Situation, und keiner weiß, ob sich der Zustand nach den Osterferien normalisiert oder noch Monate anhält", sagt Uwe Kamp, Sprecher des Deutschen Kinderhilfswerks. Diese Unwissenheit sorge bei vielen einkommensschwachen Familien für große Unsicherheit. "Wenn die kostenfreien Mittagessen wegfallen und gleichzeitig eine gesicherte Versorgung über die Tafeln nicht mehr möglich ist, muss der Staat eingreifen und kurzfristig für Lösungen sorgen."

Doch die betroffenen Familien warten bislang vergeblich auf ein entsprechendes Signal vom Staat. "Es ist an der Zeit, dass die Bundesregierung Sonderzahlungen in Aussicht stellt, beispielsweise als Aufstockung zum Hartz-IV-Regelsatz, zum Kinderzuschlag oder dem Wohngeld."

Gerda Hasselfeldt, Präsidentin der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege, hat am Freitag einen Brandbrief an die zuständigen Minister geschickt. Sie vertritt Sucht- und Schuldnerberatungen, Träger von Arbeitsmarktmaßnahmen und Organisationen der Kinder- und Jugendhilfe. All diese Einrichtungen haben nun "Existenzängste", schreibt Hasselfeldt. Veranstaltungen fallen aus, Honorare werden nicht gezahlt. Sie fordert "eine klare Erklärung der Bundesbehörden, dass Leistungs- und Zuwendungsbescheide auch bei verminderten Leistungen grundsätzlich gültig bleiben". Eva Welskop-Deffaa vom Caritasverband forderte am Wochenende einen Schutzschirm für die sozialen Dienste.

Stress mit dem Geld, Stress auf engem Raum

Dabei geht es nicht nur um deren Existenz und die Lage ihrer Mitarbeiter. Ohne sie fallen für einkommensschwache Familien dauerhaft wichtige Stützen im Alltag aus. Um ihr ohnehin knappes Geld müssen sie sich bereits sorgen: Viele Eltern in prekären Arbeitsverhältnissen bangen um ihren Job. Und gleichzeitig müssen sie ihr Sozialleben auf engstem Raum organisieren. Der Stresspegel steigt für die ganze Familie.

"Kinder, die in armen Verhältnissen aufwachsen, leben oft in sehr beengten Wohnverhältnissen", sagt Kamp, "teilen sich ihr Zimmer vielleicht auch noch mit einem oder zwei Geschwistern." An ein konzentriertes Lernen ist dort kaum zu denken. Ein eigener Schreibtisch, ein Computer, Internetzugang - viele Familien können sich diese Dinge nicht leisten. Damit haben die Kinder ungleich schlechtere Lernbedingungen, je länger sie zu Hause bleiben. "Studien aus den USA zeigen, dass lange Schulschließungen, die es dort aufgrund der bis zu dreimonatigen Sommerferien gibt, die sozialen Ungleichheiten vergrößern", sagt auch Sozialwissenschaftler Helbig. "Je länger die Schließungen dauern, desto größer können die Ungleichheiten werden."

Die Bildungschancen dieser Kinder werden in den nächsten Wochen also weiter sinken. Sozial ausgegrenzt, abgehängt und im Alltag benachteiligt, haben sie in Zeiten der Krise deutlich schlechtere Lernvoraussetzungen als Kinder aus gut situierten Familien. Deren Eltern organisieren gerade fleißig Nachhilfelehrer, kaufen Übungsbücher oder melden ihre Kinder auf kostenpflichtigen Lernplattformen im Internet an - alles eine Frage des Geldes.

Auch Flüchtlingsfamilien geraten erneut unter Druck. Sprach- und Verständigungsschwierigkeiten werden das Lernen zu Hause erschweren. "Zudem sind viele Flüchtlingsfamilien noch im Hartz-IV-Bezug", sagt Kamp, "da haben es die Kinder doppelt schwer."

In den kommenden Wochen könnten etliche Eltern bereits an der Bereitstellung der Lehrmaterialien scheitern. "Wenn Schulen längerfristig geschlossen bleiben, sollte der Bund Sonderfonds für die Kommunen erwägen, um Bildungsprogramme für benachteiligte Kinder und Jugendliche zu finanzieren", sagt Kamp. Dann müssten schnelle Lösungen gefunden werden. "Der Staat könnte beispielsweise mit den Betreibern von Online-Lernplattformen sprechen und einen kostenlosen Zugang für Kinder im Hartz-IV-Bezug aushandeln."

Zu Krisenzeiten gibt es immer Gewinner und Verlierer. Da hilft nur Solidarität: "Jetzt müssen alle solidarisch zusammenrücken und einen sehr wachen Blick haben, damit kein Kind zurückbleibt", sagt Kamp. Nicht nur der Staat steht in der Pflicht, auch Eltern, Schüler und Lehrer müssen wachsam sein, damit sozial benachteiligte Kinder nicht noch weiter abgehängt werden.

Solidarität fordert auch Arche-Gründer Siggelkow. Von dem enormen Spendeneinbruch, den viele soziale Initiativen derzeit beklagen, ist auch die Arche betroffen. Die Hilfe für die Kinder einzustellen, ist für den Pastor jedoch keine Option. "Wir bleiben mit den Kindern per WhatsApp-Gruppen in Kontakt, rufen sie zwei Mal in der Woche zu Hause an, fragen, wie es ihnen geht und wie wir sie unterstützen können." Auch virtuelle Lernspiele sind geplant. "Und sollte es Ausgangssperren wie in Italien geben, werden wir Ausnahmegenehmigungen beantragen." Schließlich sollen die bereitgestellten Lebensmittel die Kinder irgendwie erreichen.

Einen negativen Bescheid werde er nicht akzeptieren, sagt Siggelkow, "dann machen wir trotzdem weiter."

Mitarbeit: Matthias Kaufmann