Überraschender Rückschlag Merck scheitert mit Corona-Impfstoff

Einer der weltgrößten Pharmakonzerne ist mit der Entwicklung eines Corona-Impfstoffs gescheitert. Der überraschende Rückschlag verdeutlicht, wie schwierig die Entwicklung einer zuverlässigen Vakzine ist.
Merck-&-Co-Logo im US-amerikanischen Linden, New Jersey

Merck-&-Co-Logo im US-amerikanischen Linden, New Jersey

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BRENDAN MCDERMID/ REUTERS

Der US-Pharmakonzern Merck, der außerhalb Nordamerikas unter dem Namen Merck Sharp & Dohme firmiert, und das französische Pasteur-Institut stoppen überraschend ihr Projekt für die Entwicklung eines gemeinsamen Corona-Impfstoffs. Erste Tests hätten bei zwei Impfstoffkandidaten eine zu geringe Wirksamkeit ergeben, teilt das Unternehmen mit .

Das Mittel sollte auf der Basis eines Impfstoffs gegen Masern entwickelt werden. Die Immunantworten bei dem gemeinsamen Impfstoff-Projekt waren laut dem Pasteur-Institut »schwächer als die bei natürlich genesenen Corona-Patienten und bei bereits zugelassenen Impfstoffen«.

Das Pasteur-Institut will sich nun nach eigenen Angaben auf andere Mittel gegen das Coronavirus konzentrieren, die aber noch in der Anfangsphase sind. Das Pharmalabor von Merck beendet nach eigenen Angaben noch ein weiteres Forschungsprojekt für einen Covid-19-Impfstoff, ebenfalls wegen zu geringer Wirksamkeit.

Im Dezember hatte bereits der französische Pharmakonzern Sanofi Probleme bei der Impfstoffforschung eingeräumt. Das Mittel von Sanofi soll nun frühestens Ende 2021 bereitstehen.

Die Rückschläge bei der Impfstoffentwicklung verdeutlichen, wie schwierig die Entwicklung einer neuen Vakzine ist – und dass die Erfolge bei den ersten zwei zugelassenen Impfstoffen von Moderna sowie Pfizer und Biontech keine Selbstläufer sind.

Merck war erst spät in die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen eingestiegen, als andere Unternehmen schon angekündigt hatten, an deren Erforschung zu arbeiten.

Roger Perlmutter, mittlerweile abgelöster Chef des Forschungsarms des Pharmariesen, wollte im Mai 2020 dem Eindruck entgegenhalten, dass Merck das Rennen um einen Impfstoff verschlafen habe und sprach nebulös davon, dass man viel Erfahrung und viele Fähigkeiten im Konzern habe. Auch spiele für ihn keine Rolle, der Erste zu sein. »Die meisten Impfstoffprojekte scheitern – es ist sehr schwierig, einen Impfstoff herzustellen«, resümierte Perlmutter damals. 

Merck arbeitete an einer Plattform für einen Vektorimpfstoff – eigentlich ein bewährtes Vorgehen. Dabei werden Viren verwendet, die sich vermehren können, sobald sie im Körper des Impflings sind und eine lang anhaltende Wirkung mit nur einer Dosis erreichen könnten – theoretisch.

Laut Pressemitteilung von Merck waren Ergebnisse der ersten Prüfungsphase für dieses Verfahren jedoch enttäuschend. Beide Impfstoffe produzieren nur geringe Mengen an Antikörpern gegen Sars-CoV-2, weniger sogar als im Blut bei jenen Patienten zu finden ist, die eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus überstanden haben. 

Auch ein zweites Verfahren wurde verfolgt: Das dabei verwendete Virus ist das gleiche, welches in Mercks erfolgreichem Impfstoff gegen Ebola eingesetzt wurde. Der Ansatz wurde in Zusammenarbeit mit einer Non-Profit-Organisation entwickelt, die ursprünglich gegründet worden war, um HIV-Impfstoffe zu entwickeln. Inzwischen hat die Organisation ihr Portfolio um Impfstoffe für eine Vielzahl anderer Krankheiten erweitert.

Bei diesem zweiten Verfahren könnte immerhin noch geprüft werden, ob eine andere Verabreichungsart die Wirksamkeit dieses Impfstoffs verbessern würde – der Weg durch die Nase oder den Mund könnte etwa wirksamer sein als eine Injektion in den Muskel. 

Der Rückschlag wirft Merck dennoch um Monate zurück. Mancher in der Branche geht sogar davon aus, dass Merck das Rennen um einen Covid-19-Impfstoff ganz aufgibt. 

Dabei zählt Merck zu einer wirklichen Größe in der Entwicklung von Impfstoffen. In den letzten 25 Jahren gab es nur sieben neue Impfstoffe gegen bisher nicht verhinderbare menschliche Krankheitserreger. Vier davon wurden von Merck entwickelt. Was diesmal genau schiefgegangen ist, wird die Fachwelt bald erfahren. Merck plant, die Ergebnisse seiner sogenannten Phase-1-Studien zu veröffentlichen.

Merck hat mit dem gleichnamigen deutschen DAX-Pharmaunternehmen aus Darmstadt wirtschaftlich nichts zu tun. Zwar haben beide Firmen ihre Wurzeln in Deutschland; 1917 kam es jedoch zur Trennung. Die US-amerikanische Firma Merck aus Kenilworth in der Nähe von New York City heißt in den USA und Kanada Merck, in den übrigen Ländern der Erde tritt sie formal unter dem Namen Merck Sharp & Dohme Corp., kurz MSD, auf.

ssu/mum/ts/AFP/Reuters
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