Schlammlawine in Brasilien TÜV Süd erklärte Damm für sicher - trotz Bedenken eines Prüfers

Weil ein Damm brach, starben in Brasilien Dutzende durch eine Schlammlawine. Der TÜV Süd hatte den Bau abgenommen - doch nun wird klar: Ein Mitarbeiter hatte große Bedenken. Warum wurde das Projekt trotzdem genehmigt?
Feuerwehr auf der Suche nach Opfern in Brumadinho - 20 Tage nach dem Dammunglück

Feuerwehr auf der Suche nach Opfern in Brumadinho - 20 Tage nach dem Dammunglück

Foto: DOUGLAS MAGNO/ AFP

Die Dammkatastrophe im brasilianischen Brumadinho hat ein juristisches Nachspiel, das auch die Rolle des deutschen TÜV Süd betrifft. Ein Prüfer des Unternehmens hielt den Katastrophendamm nach neuen Erkenntnissen schon Monate vor dem Unglück für unsicher. Trotzdem attestierte der TÜV der Anlage des brasilianischen Konzerns Vale später unter Auflagen, dass sie sicher sei. Dies geht aus einem brasilianischen Gerichtsdokument hervor, das dem SPIEGEL vorliegt. Laut diesem Haftbefehl fürchteten die zuständigen TÜV-Leute, dass ihnen Vale den Auftrag entziehen könne, sollten sie der Anlage nicht das verlangte Sicherheitszertifikat ausstellen.

Bei dem Bruch des Abraumdamms der Vale-Eisenerzmine Córrego do Feijão nahe Brumadinho am 25. Januar waren Arbeiter und Anwohner unter Millionen Tonnen Schlamm begraben worden. Bislang wurden 166 Leichen geborgen; die 147 noch vermissten Menschen sind wahrscheinlich ebenfalls tot. Der TÜV war von Vale beauftragt worden, den Damm zu überprüfen - und hatte laut Vale dem System im September 2018 die physische und hydraulische Sicherheit attestiert.

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Dabei wussten die Experten des Münchener Unternehmens frühzeitig von gravierenden Risiken. In seinem Haftbefehl gegen acht Vale-Manager zitiert der Richter Rodrigo Heleno Chaves aus einer Mail des TÜV-Mitarbeiters Makoto N. an drei Kollegen.

Schon am 13. Mai 2018, kurz vor dem Abschluss der Überprüfungen des Abraumdamms, schrieb Makoto N., alles deute darauf hin, dass der Damm die Überprüfung "nicht bestehen" werde.

"Daher können wir streng genommen nicht die Stabilitätserklärung für den Damm unterschreiben, was den sofortigen Stillstand aller Aktivitäten der Mine Córrego do Feijão zur Folge hat."

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Dammbruch: Verheerende Schlammlawine in Brasilien

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TÜV Süd sei unter Druck gesetzt worden

Makoto N. teilte seinen Kollegen mit, er habe seinen Ansprechpartner bei Vale informiert. Der Vale-Mann habe ihm Gegenmaßnahmen versprochen. "Aber das sind alles langfristige Lösungen, die zwei bis drei Jahre dauern werden, um den gewünschten Effekt zu erreichen", resümierte der TÜV-Mitarbeiter.

Zum Abschluss schrieb Makoto N., es werde am darauffolgenden Tag ein Treffen mit Vale-Leuten geben.

"Aber wie immer wird Vale uns gegen die Wand drängen und fragen: 'Und wenn das nicht durchkommt, werden Sie [die Stabilitätserklärung] unterzeichnen oder nicht?'"

Offenbar machten die TÜV-Techniker Vale daraufhin Vorschläge, um die Sicherheit rund um den Damm zu erhöhen - obwohl Makoto N. selbst im Mai geschrieben hatte, Lösungen würden Jahre dauern. Wie groß der Druck des Konzerns offenbar war, zeigt ein Treffen von Makoto N. mit dem Vale-Manager Alexandre Campanha. Der soll laut Haftbefehl gefragt haben: "Wird der TÜV Süd die Stabilitätserklärung unterschreiben oder nicht?" Makoto N. antwortete demnach: "Der TÜV Süd wird unterschreiben, wenn Vale die [...] angegebenen Empfehlungen annimmt."

Im Haftbefehl resümiert Richter Chaves:
"Obwohl [Makoto N.] Campanha diese Antwort gab, empfand er die [...] Frage als Art, ihn und den TÜV Süd unter Druck zu setzen [und] angesichts des Risikos des Auftragsverlustes die Stabilitätserklärung zu unterzeichnen. [Makoto N.] erklärt auch, dass diese Art Druck bei der Erbringung von Dienstleistungen im Bergbausektor sehr verbreitet ist."

Ob sich die TÜV-Prüfer nun unter Druck gesetzt fühlten und ob dies nun ausschlaggebend war oder nicht - letztlich unterschrieben sie jedenfalls die Stabilitätserklärung. Vale hat nach dem Unglück wiederholt behauptet, man habe alle Empfehlungen der Prüfer umgesetzt.

"Eine Katastrophe mit Ansage"

Der TÜV Süd erklärt, dass die Sicherheitsprüfung auf Grundlage der gesetzlichen Vorgaben erfolgt sei und man die Ermittlungen unterstütze - wegen der laufenden Untersuchungen aber keine weiteren Auskünfte gebe.

Kritiker sind entsetzt. "Das ist kein schicksalhafter Zufall, sondern eine Katastrophe mit Ansage", sagt Susanne Friess, Beraterin für Bergbau bei Misereor. "Die Risiken waren seit Mai 2018 bekannt. Der TÜV Süd hat seine Sorgfaltspflicht nach unserem jetzigen Kenntnisstand nicht erfüllt." Misereor engagiert sich seit Jahren für die Opfer der Unglücksmine nahe der Gemeinde Mariana, die ebenfalls teils zum Vale-Imperium gehörte. Deren Abraumdamm barst im November 2015; 17 Menschen starben in der Schlammlawine.

Friess selbst hat Brumadinho wenige Wochen vor der Katastrophe besucht. "Schon damals hatten die Menschen vor Ort Angst vor einem Dammbruch", erzählt sie. Schließlich sei die Eisenerzmine nach einem ähnlichen Schema aufgebaut gewesen wie die von Mariana. Laut der "New York Times" gibt es in Brasilien mehr als zwei Dutzend Minen, deren Rückhaltedämme oberhalb von Städten oder Gemeinden liegen.

"Spätestens seit dem Dammbruch in jener Mine kann niemand behaupten, von den fahrlässigen Praktiken von Vale nichts zu wissen - auch die deutschen Geschäftspartner von Vale nicht", sagt Friess.

Die Allianz zählt zu den Versicherern des Konzerns, die Unglücksmine wurde einst von einer Thyssenkrupp-Tochter betrieben. Mehr als die Hälfte aller deutschen Eisenerz-Importe stammen aus Brasilien. Misereor und andere Nichtregierungsorganisationen fordern seit Jahren, die Bundesregierung müsse hiesige Unternehmen gesetzlich dazu verpflichten, ökologische und menschenrechtliche Risiken in ihren Wertschöpfungsketten sorgfältig zu untersuchen.

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