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29. Januar 2019, 12:20 Uhr

Schlammlawine in Brasilien

Wer trägt die Schuld am tödlichen Dammbruch?

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Sind laxe Kontrollen verantwortlich für den Dammbruch an einer brasilianischen Mine? Experten warnen schon seit Jahren vor erheblichen Risiken. Nach der jüngsten Katastrophe gerät auch der TÜV Süd unter Druck.

Die Frau liegt tief im Schlamm, jeder Fleck ihres Körpers ist mit der rotbraunen Masse bedeckt, sie kann sich kaum noch rühren. Zwei Retter, die selbst bis zum Oberkörper versunken durch den Schlamm waten, ziehen die Frau aus der Brühe, schleppen sie zum Hubschrauber, der wenige Zentimeter über der Unglücksstelle schwebt. Zwei weitere Männer hieven den fast regungslosen Körper hinein durch die Luke - mit größter Mühe, wie das Video der Nachrichtenagentur Bloomberg zeigt. Aber dann haben sie es geschafft. Die Frau ist gerettet.

Wieder gehen erschütternde Bilder von einer Schlammlawine aus Brasilien um die Welt. Häuser, Autos, Straßen sowie vor allem Menschen - Dutzende, wahrscheinlich sogar mehr als 300 Menschen - hat der Schlamm unter sich begraben. Am Freitag ist der Damm eines Rückhaltebeckens für den Bergbauabraum einer Eisenerzmine nahe der Stadt Brumadinho gebrochen. Noch immer steigt die Zahl der Todesopfer: 65 waren es am Dienstagmorgen. Und fast fünf Mal so viele Menschen werden vermisst.

Es ist der zweite gigantische Dammbruch in Brasilien in nicht einmal vier Jahren. Wieder im Bundesstaat Minas Gerais. Wieder bei einer Eisenerzmine. Und wieder ist Vale beteiligt: Brasiliens Rohstoffmulti Nummer eins. Der Konzern war bereits in das Bento-Rodrigues-Desaster vom November 2015 verstrickt: Brasiliens bis dato größte Umweltkatastrophe.

Die Katastrophe wirft viele Fragen auf

Damals brach nahe der Gemeinde Mariana der Damm eines anderen Absatzbeckens. Jene Eisenerzmine gehörte einem Tochterunternehmen von Vale und dem australischen Bergbaugiganten BHP Billiton. 19 Menschen starben in der Schlammwalze. Unzählige Menschen verloren ihre Existenzgrundlage, ganze Fischpopulationen wurden ausgelöscht, als die giftige Brühe angrenzende Ortschaften überspülte und den Fluss Rio Doce auf einer Länge von Hunderten Kilometern kontaminierte. Bis heute steht der Schlamm an einigen Stellen meterhoch. Schlimmer noch: die Vale-Tochter hat viele Betroffene bis heute nicht entschädigt. Die Caritas hat mehr als 3000 Fälle gesammelt; demnächst geht es vor Gericht.

"Mariana nunca mais!" - "Nie mehr Mariana!" So lautete des Mantra des Managers Fábio Schvartsman, als er im Mai 2017 seinen Posten als Konzernchef von Vale antrat. Jetzt betont Schvartsman - zu Recht - die Ursache des Unglücks vom Freitag stehe noch nicht fest.

Aber Schlammlawine Nummer zwei wirft Fragen auf: nach der Verantwortung und Sorgfalt von Vale. Nach der Sicherheit brasilianischer Staudämme. Nach der Zuverlässigkeit der Prüfer des deutschen TÜV Süd, dessen Mitarbeiter den Damm noch vor wenigen Monaten kontrolliert hatten. Und nach der Umweltpolitik des neuen brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro. Der Rechtsaußen hatte im Wahlkampf versprochen, die Umweltauflagen für die Bergbau- und Agrarkonzerne zu lockern und erwogen, mehr Land für Minenprojekte freizugeben.

Laxe Kontrollen

"Diese Tragödie hat unsere Stadt zerstört", sagt Brumadinhos Bürgermeister Mayor Avimar de Melo Barcelos. Vale habe "inkompetent und nachlässig" gehandelt. Und die Eigentümer verlieren das Vertrauen in den weltgrößten Eisenerzproduzenten. Am Montag brach der Kurs der Vale-Aktie an der Börse in Sao Paulo ein - um zeitweise fast 25 Prozent. Der Börsenwert fiel umgerechnet um mehr als zehn Milliarden Euro. Vale drohen nun milliardenschwere Entschädigungszahlungen.

Brasiliens Justiz hat dafür als Pfand umgerechnet 2,6 Milliarden Euro auf den Konten des Konzerns eingefroren. Vale kündigte an, Dividendenzahlungen und Managerboni auf Eis zu legen. In den ersten neun Monaten 2018 hatte der Konzern einen Gewinn von 3,2 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet, bei einem Umsatz von 26,8 Milliarden Dollar. Er profitierte zuletzt massiv von steigenden Weltmarktpreisen für Eisenerz.

Inzwischen hat die Polizei fünf Verdächtige festgenommen. Im Großraum Belo Horizonte fassten die Beamten drei Vale-Mitarbeiter. Zwei weitere externe Ingenieure, die zuletzt die Stabilität des Dammes geprüft hatten, wurden in Sao Paulo festgesetzt.

Seit Jahren äußern Experten Zweifel an der Sicherheit vieler Minen in Brasilien. Denn die Kontrollen sind lax. "Die Überprüfungen und Genehmigungen solcher Projekte durch die staatlichen Behörden basieren oft auf Unterlagen, die Unternehmen selbst einreichen", sagt Claudia Zilla, Forschungsgruppenleiterin Amerika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Diese Prozesse laufen in vielen Fällen nicht besonders kritisch und nicht besonders gründlich ab." Laut der brasilianischen Umweltbehörde Ibama sind die Dämme von mehr als 300 Abraumbecken unsicher. Aber die Ibama hat nicht mehr viel zu sagen in Brasilien - erst recht nicht unter Bolsonaro.

Die Sirenen in Brumadinho, die am Freitag bei der Schlammlawine stumm geblieben waren, fingen am Sonntagmorgen an zu heulen, 3000 Einwohner mussten zeitweise ihre Häuser verlassen, weil Experten befürchteten, ein weiterer Damm könne brechen. Später konnten sie zurück; die Gefahr schien gebannt. Vorerst.

Die Rolle des TÜV Süd

Eine "angekündigte Tragödie" nennt Joceli Andrioli von der Umweltorganisation MAB das Unglück von Brumadinho. Jahrelang hätten er und seine Mitstreiter auf Vale- Aktionärsversammlungen vor den Risiken gewarnt, die durch permanente Kostenreduzierung des Konzerns entstanden seien. "Man kann nicht sagen, dass der Dammbruch aus heiterem Himmel kam", kritisiert Andrioli. "Trotz aller Warnungen hat Vale nichts dafür getan, die Risiken zu beheben."

Vale-Chef Schvartsman hingegen behauptet im brasilianischen Fernsehen: "Wir haben uns zu 100 Prozent an die Standards gehalten, und das reichte nicht." Er verweist auf die Untersuchungen des TÜV Süd. Dazu erklärt ein Sprecher des Münchner Unternehmens auf Anfrage des SPIEGEL: "TÜV Süd hat im Auftrag von Vale und auf Grundlage der gesetzlichen Vorgaben (...) eine Periodic Review of Dams (Dokument vom 18. Juni 2018) und eine Regular Inspection of Dams Safety (Dokument vom 26. September 2018) durchgeführt." Weitere Auskünfte könne man wegen der laufenden Ermittlungen zurzeit nicht geben.

Auf den TÜV Süd könnten womöglich Schadensersatzforderungen zukommen. "Der Verdacht liegt nahe, dass da nicht sorgfältig geprüft wurde", sagt Armin Paasch von Misereor. Die Hilfsorganisation, die sich seit Langem für die Opfer von Mariana engagiert, fordert den TÜV Süd auf, eine unabhängige Aufklärung des Vorfalls zu ermöglichen und sich gegebenenfalls an Entschädigungen zu beteiligen. Und sie verlangt von der deutschen Politik, Rohstoffimporte aus solchen fragwürdigen Projekten in Brasilien genau zu überprüfen.

Ändert Brasiliens Präsident nun seine Umweltpolitik?

55,9 Prozent des von in die Bundesrepublik importierten Eisenerzes stammen aus Brasilien. Entsprechend hätten die deutsche Autoindustrie und andere metallverarbeitende Betriebe eine Mitverantwortung, meint Paasch. Die Bundesregierung müsse die Unternehmen dazu gesetzlich verpflichten, ökologische und menschenrechtliche Risiken in ihren Wertschöpfungsketten sogfältig zu untersuchen.

Aber was ist mit Bolsonaro? Ändert Brasiliens Präsident nun seine Umweltpolitik? Lateinamerika-Expertin Zilla bezweifelt das. Zwar könne der Unfall zu einer kritischen Haltung der Bevölkerung gegenüber Minenprojekten führen. Aber: "Weder wird Bolsonaro jetzt ein anderer Mensch, noch werden sich die Prioritäten der Regierung ändern. Die wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens ist für diese Regierung am wichtigsten. Sie steht höher als ökologische oder soziale Fragen."

Misereor fordert nun die EU auf, ihre Verhandlungen mit dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur über ein Freihandelsabkommen so lange auf Eis zu legen, wie Bolsonaro an seinem Kurs festhält. Schon seit vorvergangener Woche verlangen führende Europaparlamentarier verschiedener Fraktionen, die Gespräche mit Mercosur über das bislang größte Freihandelsabkommen der EU-Geschichte wegen Bolsonaros Umweltpolitik zu stoppen. Ein Veto des Parlaments wäre das Aus für den Freihandelsvertrag.

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