Angst vor dem Export-Crash Das Brexit-Dilemma der deutschen Wirtschaft

Schnelle Trennung von Großbritannien? Oder den Abschied hinauszögern? Die deutsche Wirtschaft rätselt, welche Art Brexit schlimmere Folgen für sie hätte.

Mini-Produktion in Oxford
DPA/BMW AG

Mini-Produktion in Oxford

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Wie umgehen mit dem Entschluss der Briten, die EU zu verlassen? Hart bleiben, auf einen schnellen Brexit dringen und wenig Zugeständnisse machen - und so möglichen Nachahmern in Frankreich, den Niederlanden oder Dänemark demonstrieren, wie schmerzhaft ein Austritt aus der EU ist?

Der Preis dafür wären schwere wirtschaftliche Schäden nicht nur in Großbritannien, sondern auch im Rest der EU. Wie die Investoren an den Finanzmärkten die Lage einschätzen, ließ sich nach dem Brexit-Votum am Freitag an den Börsenkursen ablesen: Der Deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen fiel um 6,8 Prozent - viel stärker als der Londoner FTSE 100 Chart zeigen, der lediglich 3,1 Prozent nachgab.

Also besser den Übergang so schmerzfrei wie möglich gestalten und Großbritannien einen ähnlichen Status einräumen wie bisher? So ließen sich die unmittelbaren Auswirkungen des Brexits für Wirtschaft auf beiden Seiten minimieren. Am Ende allerdings könnte die gesamte EU auseinanderbrechen, wenn andere Staaten dem britischen Vorbild folgen. Das wäre der wirtschaftlich größte anzunehmende Schaden.

Vor diesem strategischen Dilemma steht nach dem Brexit-Votum nicht nur die Bundesregierung, sondern auch die deutsche Wirtschaft. Es kommt selten vor, dass die großen Wirtschaftsverbände nicht so recht wissen, was sie eigentlich konkret fordern wollen. Doch genau das ist jetzt der Fall.

Nur eine zentrale Forderung haben die Verbände: Die Verhandlungen sollen bitte so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Nichts ist schädlicher für Investitionen und wirtschaftliche Dynamik als Unsicherheit über die Rahmenbedingungen.

Darüber hinaus zeigen sich die Vertreter des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) und des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) hin und her gerissen. So sagte etwa DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben der "Neuen Osnabrücker Zeitung" ("NOZ"), die deutschen Unternehmen legten "größten Wert auf die Geschäftsbeziehungen zu den britischen Kunden. Sie verdienen dort gutes Geld, sie haben dort gute Zulieferer".

Das spräche für milde Verhandlungen und große Zugeständnisse. Doch schon im nächsten Satz stellt Wansleben fest: "Wir müssen bei den Verhandlungen mit Großbritannien im Auge behalten, dass Europa zusammenbleibt." Die EU-kritischen Diskussionen in vielen weiteren Mitgliedstaaten gäben durchaus Anlass zur Sorge. Das wiederum würde für harte Verhandlungen sprechen, den eigenen Einbußen zum Trotz. So argumentiert auch der Außenwirtschaftschef des DIHK, Volker Treier: "Der Erhalt des Binnenmarkts hat dabei Vorrang."

Auch der BDI hält sich mit konkreten Forderungen bislang zurück. Es gehe nun um "maximale Schadensbegrenzung", teilte BDI-Hauptgeschäftsführer Markus Kerber mit. Wie diese aber in Bezug auf die Austrittsverhandlungen konkret aussehen soll, ließ er offen. Auch ein gemeinsames Statement des BDI, des Bundesverbands deutscher Arbeitnehmer und des französischen Industrieverbands Medef gibt keinen Aufschluss.

Fünftwichtigster Handelspartner

Für die deutsche Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Großbritannien ist als Handelspartner extrem wichtig. 2015 exportierte Deutschland Waren im Wert von 89,3 Milliarden Euro auf die Insel, das sind 7,5 Prozent aller Ausfuhren. Allein 29 Milliarden Euro entfielen auf die Autobauer, weitere 8,8 Milliarden auf die Maschinenbauer und 7,2 Milliarden Euro auf die Pharmabranche. Im Gegenzug beliefen sich die Einfuhren aus Großbritannien auf 38,3 Milliarden Euro, das entspricht vier Prozent aller Importe. Damit ist Großbritannien der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands.

Doch der Außenhandel allein bildet die deutsch-britischen Wirtschaftsbeziehungen längst nicht vollständig ab. So hat zum Beispiel BMW in Großbritannien auch Fabriken, in denen etwa der Mini produziert wird. Insgesamt arbeiten laut BDI fast 400.000 Menschen in Niederlassungen deutscher Unternehmen in Großbritannien, etwa 120 Milliarden Euro haben die Firmen dort investiert. Umgekehrt sind etwa 3000 britische Firmen in Deutschland vertreten.

Wie viel von den Investitionen und den Handelsströmen erhalten bleibt - und wie viel davon verloren geht -, wird zuvorderst von den Verhandlungen zwischen der EU und London abhängen. Mit Sicherheit jedoch wird es nicht so kommen, wie es der prominente Brexit-Befürworter Boris Johnson am Sonntag via "Daily Telegraph" skizzierte: Dass die Briten weiter alle Vorteile der EU genießen könnten, inklusive Freizügigkeit und Zugang zum Binnenmarkt - aber keine Milliarden mehr an Brüssel überweisen müssten und keine Gesetze mehr von dort diktiert bekämen.

So sieht das auch DIHK-Mann Wansleben. Ob business as usual künftig mit Großbritannien nicht mehr funktioniere, wird er im "NOZ"-Interview gefragt. Die deutliche Antwort des Wirtschaftsvertreters: "Nein, das geht nicht mehr."

Zusammengefasst: Nach dem Brexit-Referendum fragt sich nicht nur die deutsche Politik, wie sie mit dem Austrittsvotum umgehen soll. Auch für die Wirtschaft steht viel auf dem Spiel. Sie will die Handelsbeziehungen zu Großbritannien nicht kappen - aber auch kein Auseinanderfallen der EU riskieren.



insgesamt 53 Beiträge
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mkalus 27.06.2016
1. Ftse100....
---Zitat--- Der Deutsche Aktienindex Dax Chart zeigen fiel um 6,8 Prozent - viel stärker als der Londoner FTSE 100 Chart zeigen, der lediglich 3,1 Prozent nachgab. ---Zitatende--- Ist ein schlechter Vergleich, der FTSE250 ist da viel interessanter. FTSE100 beinhaltet viele Multinationale Unternehmen, der DAX ist da etwas "Provinzieller" aufgestellt und daher passt ein vergleich mit dem FTSE250 besser.
g.s.hess 27.06.2016
2.
Vielleicht mal ein bisschen mehr vertrauen in die eigenen Produkte. Warum kaufen Sie denn die deutschen Produkte? Mit dem günstigen Preisen hat das sicher nichts zu tun.
PriseSalz 27.06.2016
3. [..]
DE verkauft Güter en Mass auch an nicht EU-Staaten. Die Engländer werden auch in Zukunft einen Benz schätzen. Also mal den Ball flach halten und abwarten. Und eventuell Aktien kaufen, sind gerade günstig.
FrediSommer 27.06.2016
4.
In Deutschland stehen 700'000 Arbeitsplätze auf dem Spiel. Jetzt los und die die Bedingungen für Grossbritannien erhöhen. Dann erwartet Deutschland eine Massenarbeitslosigkeit in ungeheuren Ausmass. Grossbritannien wird einen Handelsvertrag unterschreiben ohne jede Bedingungen, ja sonst knallts, aber eher in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden oder Dänemark.
prince62 27.06.2016
5. Immer die gleiche Frage, Gut und Teuer oder Billig und Schlecht
Zitat von PriseSalzDE verkauft Güter en Mass auch an nicht EU-Staaten. Die Engländer werden auch in Zukunft einen Benz schätzen. Also mal den Ball flach halten und abwarten. Und eventuell Aktien kaufen, sind gerade günstig.
Sehe ich auch so, in GB sind ja nicht nur Autos aus Deutschland sondern auch Küchengeräte und vor allem Wasch- und Gefriermaschinen gefragt, es ist die gleiche Frage wie hier in Deutschland, für gutes Geld gute Ware kaufen oder für wenig Geld billigen Müll aus Korea bzw. China, zeigt allerdings auch den gewaltigen Grad der Entindustrialisierung in GB seit der unseeligen Thatcherzeit, deren "würdiger2 Nachfolger ja Cameron ist.
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